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Wenn das AKW explodiert

Die junge Theatergruppe Nucleus hebt die Reaktorkatastrophe von Lucens auf die Bühne. Mit brodelnden Wasserkochern, ploppenden Popcorns und ratternden Staubsaugern.

Blaues Flimmern in der Felskaverne von Lucens im Stück «Kernschmelze». Ein Konsortium baute dort den ersten und einzigen rein helvetischen Reaktor – den Warnungen des Eichelhähers zum Trotz.
Blaues Flimmern in der Felskaverne von Lucens im Stück «Kernschmelze». Ein Konsortium baute dort den ersten und einzigen rein helvetischen Reaktor – den Warnungen des Eichelhähers zum Trotz.
Momir Cavic

Die Entdeckung des Abends heisst Astrid Alexandre. Wenn die 1981 geborene Tochter eines Belgiers und einer Bündnerin ihre fragilen, melancholischen Lieder haucht über kleine Jungen, Landkinder, die warten, vergessen – lässt man sich fallen. Und wartet selbst nicht mehr darauf, dass es weitergeht mit der Soiree im Theater Winkelwiese.

Man geniesst die Fermate und vergisst ihn gern ein wenig, den harten Stoff von «Kernschmelze». Es geht darin um die helvetischen Träume von der Entwicklung eines eigenen Reaktors, der – so die erste Planung in den Fünfzigerjahren – unter der ETH mitten in der Stadt Zürich hätte gebaut werden sollen.

Der Wasserkocher brodelt, das Popcorn ploppt

Am Ende entschied man sich für einen Versuchsbetrieb direkt neben dem Waadtländer Örtchen Lucens. Alle Sicherheitsbedenken und Zweifel gegenüber dem Wahnsinnsunterfangen wurden im Keim erstickt, bis es 1969 zur Katastrophe kam. Erst schmolz die Hülle eines Brennstabs, dann der Inhalt: das Uranmetall. Selbst die automatische Schnellabschaltung des Kraftwerks stoppte den Vorgang nicht, der Reaktor explodierte. Damit war das Projekt eines rein schweizerischen AKW für immer gestorben; andere Betreiber hatten ohnehin längst auf US-Technologie gesetzt.

Die zwei Jahre junge Performance-Gruppe Nucleus um den mexikanisch-zürcherischen Szenografen Rodrigo Cortes, den Churer Rapper und Dramaturgen Andri Perl und den bayrisch-bernischen Schauspieler Maximilian Reichert arbeitet sich in 75 Minuten durch packende Quellen und Forschungen zu den Ereignissen. Gestaltet wird die Recherche von acht Künstlern als eine Art synästhetische Installation – eine Lectureperformance mit brodelnden Wasserkochern, ploppenden Popcorns und ratternden Staubsaugern, mit Stroboskop-Gewittern und Laserpointer-Malereien, mit Bastelteig-Orgien und Monster-Maskeraden aus Schutzanzügen, Gummihandschuhköpfen und Brandschutzschaumbergen.

Naivität und Hybris

Die im Januar uraufgeführte Fundgrube aus fantasievollen Vignetten – die reflektieren, mit welch kindlicher Naivität und Hybris man den AKW-Bau angegangen war – schaffte es ins Halbfinale von Premio, dem CH-Nachwuchspreis für Theater und Tanz. Aber bei aller Poesie und spielerischen Ironie: Erwachsene beim Göötschen mit einem grauen klebrigen Etwas sind auf Dauer für den Zuschauer ebenso uninteressant wie die ausufernde Rezitation der Namen aller Hunde der antiken Mythenfigur Aktaion – der seinen Blick auf die nackte Jagdgöttin mit dem Tod bezahlen musste wie der Mensch seinen Blick ins Innere des Atoms. Etwas mehr Selbstbeschränkung wäre auch für Nucleus ein Gewinn.

7./8. Juni (20 Uhr)

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