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Wenn Männer gehörnt und gefühllos werden

Der Berliner Regisseur Frank Castorf bringt zwei Erzählungen von Dostojewski auf die Bühne der Zürcher Schiffbau-Box. Ein langer, ein überzeugender Abend.

Alexandra Kedves
Drehen lustvoll einen Schnörkel nach dem anderen: Gottfried Breitfuss, Kathrin Angerer. Foto: Matthias Horn
Drehen lustvoll einen Schnörkel nach dem anderen: Gottfried Breitfuss, Kathrin Angerer. Foto: Matthias Horn

Eine kleine persönliche Spitze hat Frank Castorf sich dann doch nicht verkneifen können in seinem neuen Dostojewski-Vierstünder, seiner allerersten Regiearbeit nach dem unfreiwilligen Abgang als Intendant der Berliner Volksbühne. Vor der Pause, als sich «Die fremde Frau und der Mann unter dem Bett» ein weiteres Mal lustvoll in einen irren Schnörkel hineindreht, macht die untreue junge Ehefrau einem ihrer Liebhaber einen (un)sittlichen Vorschlag. Sie lädt ihn ein zu einer «feinen, sehr kleinen Performance auf dem Flugfeld» und ergänzt, mit diesem charmanten Akzent, der Kathrin Angerer zwischendurch stets so kokett über die Lippen kommt: «Wir mussen doch ein Chance haben, uns vorzustellen.»

Gelungener Seitenhieb

Grosses Gelächter auf der Zuschauertribüne in der Schiffbau-Box: Er kam gut an, der Seitenhieb auf den holpernden Saisonstart des umstrittenen belgischen Volksbühnen-Nachfolgers Chris Dercon, der zum Auftakt ein riesiges Jekami-Tanzfest auf dem Tempelhofer Feld veranstaltet hatte. Wer gern Privatkram ins Professionelle hingeheimnisst, könnte bereits in der Stoffwahl eine selbstironische Volte des 66-jährigen Castorf ausmachen. Fjodor Dostojewski verfasste 1848 zwei Geschichten über einen vor Eifersucht rasenden, nicht mehr taufrischen Ehemann, die er später zu einer einzigen grotesk aufgezwirbelten Story über den Petersburger Hahnrei verband: zur bitteren Karikatur der Gefühlsturbulenzen eines Menschen, der ahnt, dass er betrogen wird, einerseits alles haarklein wissen will, andererseits am liebsten vom Gegenteil überzeugt würde – Qualen der enttäuschten Liebe, heisse diese nun Kati oder Volksbühne.

«Die fremde Frau ...» ist freilich auch ohne das Berliner Hintergrundgeflüster voller Reize. Allein schon deshalb, weil der Regisseur den Schauspielern ihre ganze Grösse und Gewalt zumutet: Es braucht eben einen Frank Castorf, um sie zum Äussersten zu treiben. Da überrumpelt Robert Hunger-Bühler am Anfang als misstrauischer, spionierender Gatte mit seiner Hysterie, seinem explosiven Stottern, Stammeln, Sätze-Verstummeln nicht nur uns, sondern auch den jungen Geck, der vor dem Haus herumlungert. Der Typ revanchiert sich und antwortet gnadenlos auf Serbisch (Robert Rozic, 1988 in Baden geboren). Dazu lässt der Neubrandenburger Johann Jürgens sein Cello klagen und schmettert Rio Reisers «Strasse». Schliesslich jaulen die beiden anderen mit: «Nach dem ersten ‹Ich liebe dich› sind die Tage gezählt. Unsere Alten habens uns vorgemacht, und wir machens wie sie ... Immer der Nase nach.» Bis Hunger-Bühler sich vor dem Publikum aufbaut und brüllt: «Und jetzt alle!»

Es ist ein Bühne gewordenes Russland-Retrospektakel, samt Werbeplakaten für Dosennahrung.

Wir brauchen allerdings noch eine Weile, bis wir uns in dieses Strudeln aus wildem Dostojewski-Mix, Musik-Mix und Schauspiel-Schamlosigkeiten hineinfallen lassen. Aber da ist ja Zeit, sind Gelegenheiten genug. «Betrachten Sie mich als einen Unzurechnungsfähigen, fast Wahnsinnigen», erklärt Hunger-Bühlers klägliches Geschöpf und führt uns seinen Irrsinn immer noch einmal vor.

Der Mann will seine Frau in einem Mietshaus in flagranti ertappen, doch es wird ihm nicht gelingen, auch wenn er auf ihre Liebhaber trifft. Aleksandar Denic hat dieses verwinkelte Labyrinth der Leidenschaften, in dem Kathrin Angerers männermäandernde Dame auf hohen Killerpumps unterwegs ist, als überbordende, heruntergekommene Jugendstil-Datscha samt Veranda und Klohäuschen im Hof hergerichtet: als Bühne gewordenes Russland-Retrospektakel, samt Werbeplakaten für Dosennahrung.

Eine nicht banale Beziehung

Aber nichts kommt aus der Dose während dieses Theaterabenteuers, das etwas von einer vielköpfigen Medusa hat: Frank Castorf collagiert Dostojewskis Erzählung «Der Traum eines lächerlichen Menschen» in dasandere Stück hinein; und ein grandioser Gottfried Breitfuss gibt die suizidale, misanthropische Hauptfigur. Ein Traum übers Paradies und dessen Untergang verwandeln den Frust-Fan in den Propheten einer pseudochristlichen Agape. Er erlebt die Qualen der Liebe 2.0.

Lächerlich, verrückt, verloren kommen sich beide Antihelden vor, der Gehörnte und der Gefühllos-Gewordene. Und mal ist es Angerer als erwachsene Frau, mal als lolitahaftes Girlie, die der Motor zu einer Handlung wird, die vor allem aus wuchernden Variationen immer gleicher Urszenen besteht. Die werden teils auf der offenen Bühne, teils in der Datscha, sichtbar via Livecam, durchgespielt und derart gesteigert, als stünde in der Regieanweisung ein fettes Fortissimo. So muss es auf uns niederprasseln, so hauen uns die entäusserten Figuren aus der faulen Textrezeption heraus – und es funktioniert. Für einmal ist die burleske Beziehungskomödie nicht einfach bloss banal.

Dass das unvermeidliche Bad auf der Bühne, ein Castorf-Klassiker, diesmal in einem Becken stattfindet, das Breitfuss’ Liebesjünger in der Form eines orthodoxen Kreuzes aus dem Boden herausgebrochen hat, während auf der Leinwand Bilder von einer Art orthodoxen Erwachsenentaufe laufen: Das ist eines der zahllosen durchdachten Details, auf die man nicht verzichten wollte. «Kill Your Darlings», die alte Journalistenregel, ist definitiv kein Motto des Berliner Regisseurs; lieber setzt er noch einen drauf. Wenn er etwa die schwarze Tänzerin Ilona Kannewurf als noch dunkler geblackfacten (!) Alien einen Paradiesveitstanz zappeln lässt. Wenn Breitfuss von Ovids «Metamorphosen» bis zum Vaterunser buchstäblich sein Latein herunterbetet. Oder Siggi Schwientek seinen kranken Tattergreis in fast orgiastisches Grunzen hineinhechelt. Ein Hoch auf sie alle, auf das zu viel, Zugross, Zulang dieses Abends: Hier kann man sich richtig russisch einen Theaterkater ansaufen.

Bis 26. Oktober im Schiffbau.

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