Wenn nur die Ideen reisen dürfen

Seit 2017 sitzt der russische Regisseur Kirill Serebrennikov in Moskau im Hausarrest. Dennoch inszeniert er derzeit im Zürcher Opernhaus Mozarts «Così fan tutte» – per Videobotschaften.

Der Choreograf Evgeny Kulagin (l.) arbeitet seit Jahren mit Kirill Serebrennikov. Nun leitet er die Zürcher Proben – hier eine Szene mit dem Bariton Michael Nagy. Foto: Fabienne Andreoli

Der Choreograf Evgeny Kulagin (l.) arbeitet seit Jahren mit Kirill Serebrennikov. Nun leitet er die Zürcher Proben – hier eine Szene mit dem Bariton Michael Nagy. Foto: Fabienne Andreoli

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Drei Männer im Fitnessstudio, ein paar faule Sprüche – und schon schmeissen sie sich die Sporttaschen nach. Aber wer schmeisst wohin? Wer fängt auf, wer nicht? Man probiert es aus, noch einmal, bis die Szene sitzt. Alles ganz normal. Nur dass ­Evgeny Kulagin, der hier bei den Proben zu Mozarts «Così fan tutte» die Regieanweisungen gibt, gar nicht der Regisseur ist.

Der sitzt gut 2500 Kilometer entfernt im Moskauer Hausarrest. Kirill Serebrennikov heisst er, geboren 1969 in Rostow am Don, ursprünglich Physiker, aber bekannt geworden als freier Kopf in der russischen Theater- und Filmszene. Als zu freier Kopf vielleicht; im Sommer 2017, als er ­gerade in St. Petersburg den Film «Leto» drehte, wurde er verhaftet. Der Vorwurf: Veruntreuung von staatlichen Geldern. Seither hat er sich in seiner kleinen Moskauer Wohnung an strenge Regeln zu halten. Kein Besuch, kein Internet, kein Telefon. Zwei Stunden pro Tag darf er das Haus verlassen. Aber Kontakte sind nur über seinen Anwalt erlaubt.

Russische Symbolfigur

Dieser Anwalt ist derzeit täglich als Videokurier unterwegs. Er bringt die USB-Sticks mit den Filmen aus den Zürcher Proben zu Serebrennikov – und übermittelt dann die Antwortbotschaften, in denen der Regisseur das Gesehene kommentiert und korrigiert. Manchmal schaut sich das ganze Zürcher Team diese Videos an; aber das braucht viel wertvolle Zeit. Meist sitzt Evgeny Kulagin deshalb allein vor dem Bildschirm.

Kulagin, 37 Jahre alt und in Russland mit einer freien Tanztruppe bekannt geworden, arbeitet schon seit Jahren mit Serebren­nikov. Auch bei den Dreharbeiten zu «Leto» war er dabei. ­Diese «Così fan tutte» hätte er eigentlich als Choreograf mitbetreuen sollen – ein Glücksfall. Denn so war er von vornherein in das Konzept involviert; schon lange vor Serebrennikovs Verhaftung haben die beiden die Inszenierung gemeinsam entworfen.

Er sei noch nie so gut vorbereitet gewesen, sagt Serebrennikov: «Schliesslich hatte ich Zeit.»

Im Arrest ging die Arbeit weiter. So intensiv, dass Serebren­nikov in seiner allerersten Videobotschaft mit einigem Galgen­humor betonte, dass er noch nie so gut vorbereitet gewesen sei auf die Proben wie diesmal: «Schliesslich hatte ich viel Zeit.» Takt für Takt hat er notiert, was geschehen soll auf der Bühne. 

Doch auch ein dichtes Gerüst ist nur ein Gerüst. 99 Prozent der Inszenierung seien festgelegt, sagt Evgeny Kulagin, «aber es ist dieses eine Prozent, das die Aufführung lebendig macht». Vieles geschieht da im Austausch mit den Sängern, aus dem Moment heraus. Auch die Zusammenarbeit mit dem Dirigenten Cornelius Meister ist «sehr ernsthaft, offen und motiviert», wie dieser sagt. Wie viele Entscheidungen dabei zu treffen sind, merkt man schon an der Szene mit den Sporttaschen, die nicht mehr als ein paar Sekunden dauern wird.

Und Kulagin trifft diese Entscheidungen: Opernhaus-Intendant Andreas Homoki betont das mit ebenso viel Respekt wie Erleichterung. «Es ist schon eine sehr ungewöhnliche Sache, die hier gerade läuft», sagt er; so ungewöhnlich, dass man zunächst vorsichtigere Lösungen angedacht hatte. Als sich abzeichnete, dass Serebrennikovs Arrest länger dauern würde, hatte Homoki einen Plan B vorbereitet. Man hätte dann die «Così» einer anderen Bühne übernommen; es war auch schon klar, welche es sein würde. 

Was ist dran an den Vorwürfen?

Aber als die Deadline für diesen Plan B kam, liess Homoki sie verstreichen: «Einen Regisseur im Stich lassen, der arbeiten will, an dessen Unschuld wir glauben – das konnte ich einfach nicht.» Er traf sich dann mit Kulagin und bekam den Eindruck, dass der die Sache stemmen könne. «Aber natürlich stellten wir uns Fragen: Was passiert, wenn die Sänger ihn nicht akzeptieren? Wenn die Proben aus dem Ruder laufen, weil der Regisseur fehlt?»

Das sind die Theaterfragen. Noch brennender sind die anderen: Was passiert in Moskau? Was ist dran an den Vorwürfen gegen Serebrennikov? Wie geht der Prozess aus, der am 7. November endlich beginnen soll? Nach der Verhaftung war sich die internationale Kulturszene rasch einig: Serebrennikov ist ein Opfer, an dem der russische Staat ein Exempel statuieren will. Viele solidarisierten sich mit ihm – die Autorin Elfriede Jelinek und Hollywoodstar Cate Blanchett, der Regisseur Herbert Fritsch und der Dirigent Teodor Currentzis. In Berlin wurde demonstriert, ­T-Shirts mit der Aufschrift «Free Kirill» wurden gedruckt.

Und in den Feuilletons wurden die Vorwürfe gegen Serebrennikov zerpflückt. Etwa jener, dass er staatliche Gelder für eine Inszenierung des «Sommernachtstraums» kassiert habe, die nie entstanden sei: Mit Videos der Aufführung lässt sich dieser Punkt leicht widerlegen.

Unter Medwedew ganz nach oben

Aber es geht um mehr, wie die russische Theaterkritikerin Marina Davydova in einer Analyse fürs Zürcher Opernhaus-Magazin erklärt. Um einen Künstler nämlich, der nicht ins Schema passt – weil er offen homosexuell lebt, weil er nie eine russische Theaterschule abgeschlossen hat. Serebrennikov hat seinen eigenen Weg gesucht, und der führte ihn während der Präsidentschaft von Dmitri Medwedew (2008–2012) ganz nach oben.

Auch wenn Medwedew im Ausland vor allem als Platzhalter für Putin wahrgenommen wurde, hatte sich das Klima damals verändert: Die zweijährige Wehrpflicht wurde auf ein Jahr verkürzt, die wirtschaftliche ­Gesetzgebung liberalisiert. Auch in der Kultur suchte man eine Modernisierung, eine Verwestlichung; und Kirill Serebrennikov, der Star der freien Szene, war eine zentrale Figur in diesem Prozess.

2011 konnte er sein eigenes Projekt starten, die «Platforma». Zeitgenössischer Tanz und Musik, Theater und Multimedia flossen hier zusammen, und der Erfolg war gross. 2012 übertrug man ihm die Leitung des abgetakelten Moskauer Gogol-Theaters, das er in ein Gogol-Zentrum verwandelte – einen vibrierenden Ort für die Theater-Avantgarde, an dem auch Evgeny Kulagin aktiv war.

Inzwischen heisst der russische Präsident wieder Putin, der Aufbruch ist gestoppt. Und Serebrennikov wurde zu einer symbolträchtigen Zielscheibe, die leicht zu treffen war. Ein Theater sei angewiesen auf staatliche Gelder, schreibt Marina Davydova, aber die russische Gesetzgebung sei so, dass man gar nichts machen könne, ohne gegen die Regeln zu verstossen: «Wenn ein Intendant sich streng an das Gesetz hält, kann er weder die Kostüme rechtzeitig kaufen noch das Toilettenpapier.» Will heissen: Wer Unregelmässigkeiten finden will, findet sie. Bei Serebrennikov genauso wie bei jedem anderen.

Enormes Medieninteresse

Auch deshalb wagt es niemand, den Ausgang des Prozesses vorauszusagen. Evgeny Kulagin betont, dass bisher keinerlei Beweise für widerrechtliches Verhalten aufgetaucht seien. Aber soeben wurde der Hausarrest bis in den April 2019 verlängert; Serebren­nikovs Anwalt geht von einem längeren Verfahren aus. Im schlimmsten Fall drohen dem Regisseur zehn Jahre Haft; die Zeit im Hausarrest würde ihm zur Hälfte angerechnet.

Im Zürcher Opernhaus hat man derzeit allerdings wenig Zeit für düstere Gedanken. Der Premierentermin rückt näher, und das internationale Medieninteresse an der Produktion ist enorm. ARD, ZDF, «New York Times»: Alle wollen dabei sein. Aber eigentlich, sagt die Dramaturgin Beate Breidenbach, laufen die Proben trotz der ungewöhnlichen Situation erstaunlich normal; «wobei normal auch heisst, dass es am Ende plötzlich eng wird». 

Eine besondere Herausforderung ist dabei die Kommunikation. Evgeny Kulagin kann zwar Englisch, auch das deutsche «noch einmal» hat er rasch gelernt, und vieles läuft bei ihm sowieso über die Körpersprache: vorzeigen, nachmachen, weiter tüfteln. Aber Serebrennikovs Bühnenbild-Mitarbeiter spricht nur Russisch, und Beate Breidenbach, die einst in Novosibirsk studiert hat und neben ihrer dramaturgischen Arbeit als Dolmetscherin herumwirbelt, kommt da an ihre Grenzen: «Wenn ich schon auf Deutsch nicht weiss, wie eine bestimmte Art von Mauervorsprung heisst, kann ich das auch schlecht übersetzen.» 

Die Atmosphäre ist dennoch entspannt. Die Sängerinnen und Sänger mögen Kulagin, das merkt man. Und er sieht schnell, wie man eine Szene noch präziser zuspitzen kann. Als Choreograf hat er auch ein gutes Auge für die Abläufe bei den Umbauten, die auf offener Bühne stattfinden werden. Und wenn – Technik sei Dank – anders als angekündigt nun doch Wasser aus dem Wasserhahn kommt, erfindet er rasch etwas.

«Angst isst die Seele»

Serebrennikov wird es sich ansehen. Und er wird sich vor seine Wohnwand mit den vielen Nippesfiguren setzen und in die Kamera sagen, wie er es findet. Kulagin kann dann entscheiden, was er mit dem Kommentar anfängt; es kommt durchaus vor, dass er anderer Meinung ist und diese Meinung auch durchsetzt. Schliesslich ist er es, der vor Ort ist, der die Gegebenheiten und die Leute kennt. Aber eigentlich, sagt er, seien sie sich meist einig: «Wir haben in den letzten Jahren eine gemeinsame Theatersprache entwickelt, und wir haben einen ähnlichen Geschmack.»

Ob er als enger Mitarbeiter von Kirill Serebrennikov nicht Angst habe, selbst juristische Schwierigkeiten zu bekommen, fragt man ihn dann noch. Angst esse die Seele, sagt er dazu nur, und: «Nein, ich habe keine Angst.»

Premiere von «Così fan tutte» im Zürcher Opernhaus: 4. November. Der Film «Leto» kommt Mitte November in die Kinos. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 28.10.2018, 20:32 Uhr

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