Wer folgt auf Barbara Frey?

In diesem Sommer wird der neue Intendant des Zürcher Schauspielhauses ernannt. Wir stellen die wichtigsten Kandidaten vor, die gemäss gut informierten Kreisen im Rennen sind.

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Neuerdings verrauscht kaum eine Premierenfeier ohne jenes freudige «Oh, das wäre toll!» oder ein grimmiges «Nein, der bitte nicht!» – seit die wohl ­interessanteste Position im Schweizer Theater neu zu besetzen ist: die Intendanz am Zürcher Schauspielhaus, die Barbara Frey mit der Saison 2018/19 abgeben wird. Nach insgesamt zehn Jahren.

In einer anderen Zeitung waren schon allerlei Vermutungen zu lesen, wer bereits in diesem Sommer als der Neue ernannt werden könnte. Erwähnt wurde Martin Kusej, der zurzeit das Münchner Residenztheater leitet – und schon jetzt als Intendant des Wiener Burgtheaters gehandelt wird. Genannt wurde auch Ulrich Khuon, dem seit 2009 das Deutsche Theater in Berlin untersteht – und der in Sachen leicht verdauliche Ästhetik in die Fussstapfen von Barbara Frey treten könnte. Kein Kandidat sei Stefan Bachmann, der das Schauspiel Köln leitet und sich nicht für Zürich beworben habe.

Aus gut informierten Kreisen vernimmt man denn auch ganz andere ­Namen bezüglich des Rennens ums ­Zürcher Schauspielhaus: Favorit sei der Schweizer Milo Rau, der uns in den vergangenen Jahren wiederholt in die monströsen Abgründe des Menschseins blicken liess – vom ruandischen Bürgerkrieg über die Massaker im Kongo bis hin zum belgischen Kinderschänder Marc Dutroux. Und auch wenn Rau mit seinen «120 Tagen von Sodom» gerade seine schwächste Inszenierung am Zürcher Schauspielhaus herausgebracht hat, gibt es wohl niemand, der es dem 40-Jährigen nicht zutrauen würde, dass er nach korrupten kongolesischen Regierungsvertretern auch das Zürcher Publikum für sich einnehmen kann.

Migration und Theater

Milo Rau hat zudem bewiesen, was jeder avancierte Theatermacher im Zeitalter von Migration und Globalisierung zu erreichen hat: dass er weit über unsere ­engen Sprachgrenzen hinausdenken kann, was zuletzt zu den interessantesten Erneuerungen des deutschsprachigen Stadttheaters geführt hat. Wenn man etwa an die Münchner Kammerspiele denkt, die mit einem gemischten Ensemble aus Deutschen und Holländern von Erfolg zu Erfolg eilten – unter der Leitung von Johan Simons, der selbst ein spannender Kandidat wäre, übernähme der Holländer im Sommer 2018 nicht das Bochumer Schauspielhaus.

Und sonst? Aufgesprungen aufs Kandidatenkarussell sei Nicolas Stemann, der vom Nullpunkt des Theaters aus eine neue Spielweise entwickelt hat – für theaterschwierige Texte wie jene von ­Elfriede Jelinek, deren «Kontrakte des Kaufmanns» in Stemanns Regie 2013 als Gastspiel im Schiffbau zu sehen waren. Für Stemann spricht, dass er kürzlich die Professur für Regie an der ZHDK übernommen hat, was auf ein Interesse an der Förderung des Regienachwuchses hindeutet, die zuletzt am Schauspielhaus Zürich ohne Wert war.

Einen Platz auf dem allmählich schneller drehenden Karussell um die Frey-Nachfolge habe sich zudem Sebastian Nübling erobert. Dem geborenen Lörracher zugute halten muss man, dass er mit seinen Regiearbeiten das Junge Theater Basel bis ans Berliner Theatertreffen gebracht hat. Und dass ihn mehrjährige, durchaus erfolgreiche Zusammenarbeiten mit Gegenwartsautoren wie Sibylle Berg verbinden. Mit seinem testosterontriefenden Körpertheater, von dem man halten kann, was man will, hat Nübling nicht zuletzt eine Offenheit für den Tanz bewiesen, der mit Meg Stuart einst eine wichtige Position in Zürich war.

Wenn jemand ganz anderes als die Genannten gekürt werden sollte, behält hoffentlich einer recht: Brecht mit seinem «Wie es ist, bleibt es nicht». (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 22.02.2017, 15:55 Uhr

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