Ein rauschhaftes Kindertheater

«Der satanarchäolügenialkohöllische Wunschpunsch», ein schrill-komisches Stück nach Michael Ende, feierte im Schauspielhaus Premiere.

Tyrannja und Irrwitzer mit dem Wunschpunsch.

Tyrannja und Irrwitzer mit dem Wunschpunsch. Bild: Raphael Hadad

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Sehr gut möglich, dass die Schauspieler bereits vom Titel Lampenfieber bekamen. «Satanarchäolügenialkohöllischer Wunschpunsch» muss man in einem Stück, in dem es derart hoch zu- und hergeht, erst mal fehlerfrei aussprechen.

Um den seltsamen Punsch dreht sich die Handlung – siedend und brodelnd thront er in einem Topf mitten auf der Bühne. Wer ihn trinkt, kann Wünsche Wirklichkeit werden lassen. Gebraut haben ihn der Zauberrat Beelzebub Irrwitzer (gespielt von Hans Kremer) und seine Tante, die Geldhexe Tyrannja Vamperl (Friederike Wagner). Deren jährliches Soll an bösen Taten ist noch nicht erfüllt, zehntausend Bäume sollten sie zum Absterben bringen, fünf Flüsse vergiften und Dutzende Tierarten ausrotten. Am Silvesterabend bekommen sie von einem Beamten des Teufels eine letzte Chance. Ihnen bleiben nur sieben Stunden, um die Schandtaten nachzuholen – was ein Countdown auf der Bühne erbarmungslos anzeigt.

«Wunschpunsch», wie der Stoff in dieser Besprechung fortan abgekürzt heisst, war Michael Endes letzter vollständiger Roman. Kurz vor seinem Tod hatte der Autor aus ihm ein Theaterstück gemacht. Es ist seine schrillste Geschichte, weit entfernt von der Weltflucht der «Unendlichen Geschichte». Eher erinnert sie an «Momo», Endes Parabel vom Zeitdiebstahl durch gesichtslose graue Herren, die halb für die Eltern mitgeschrieben ist.

Dasselbe gilt nämlich auch für den «Wunschpunsch», dessen Botschaft der Umweltschutz ist: Irrwitzer und Tyrannja personifizieren den blinden Glauben an Wissenschaft und Wirtschaft. Die Sorge um Wälder und Flüsse war in den 80er-Jahren grösser als heute, doch in Zeiten, wo sich Mikroplastik in unseren Körpern festgesetzt hat, ist das Thema durchaus aktuell. So wimmelt es im Stück von Anspielungen; Irrwitzers Mantel ist in seiner Lieblingsfarbe gehalten – Giftgrün. Und als er mit Tyrannja eine Reise in die «vierte Dimension» unternimmt, gelingt dies mithilfe einer Flüssigkeit namens «Luzifers Salto Dimensionale», kurz LSD. Die Eltern im Publikum johlen.

Parodie auf Monsterfilme

Natürlich kommen auch die Jüngsten – das Stück wird ab sieben Jahren empfohlen – auf ihre Kosten. Denn Irrwitzer und Tyrannja haben mit dem Kater Maurizio di Mauro (Vera Flück) und dem Raben Jakob Krakel (Claudius Körber) zwei sympathische Gegenspieler. Zwar sind sie natürliche Feinde, aber im Unterschied zum bösartigen Menschenpaar überwinden die Tiere ihre Abneigung und werden Freunde. Dank ihrer Tollpatschigkeit und Liebenswürdigkeit sind sie ideale Identifikationsfiguren fürs junge Publikum. Spätestens als Kater und Rabe die Bühne verlassen, um übers Gestühl zu klettern, gibt es kein Halten mehr.

Die rasante Handlung, der Schlusstwist und das leicht bedrohliche Bühnenbild mit Irrwitzers Labor – Köpfe und Gliedmassen in Einmachgläsern – machen das Stück (Regie: Christina Rast) auch zu einer Parodie auf Monster- und Science-Fiction-Filme. Kaum zufällig ist Irrwitzer eine optische Mischung aus Nosferatu und Riff Raff aus der «Rocky Horror Picture Show». Weitere Kreaturen sind Gollum aus «Herr der Ringe» – und Christoph Blocher hat als «böses Element» einen Auftritt. Nun ja, wenn schon ein Politiker im Kindertheater vorkommen muss, dann wäre Klimawandel-Ignorant Donald Trump passender gewesen. Das Zielpublikum stört es freilich nicht. Nach dem tosenden Schlussapplaus will jemand von seinem Kind wissen, wie es das Stück gefunden hat. «Mega», so das Urteil, «viel besser als Fernsehen.»

Bis zum 2. Januar.

Erstellt: 11.11.2018, 20:46 Uhr

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