Zu dieser Skulptur gehören wir alle

Die Wahlzürcher Performancekünstlerin Simone Truong nimmt das Publikum bei ihrem Gang durch eine Welt ohne Licht mit: eine zeitgenössische Strategie, die direkt auf unsere Sinne zielt.

Forschung mit geschlossenen Augen: Simone Truong und ihre Performer begegnen einander «in the middle of nowhere». Foto: Flurin Bertschinger

Forschung mit geschlossenen Augen: Simone Truong und ihre Performer begegnen einander «in the middle of nowhere». Foto: Flurin Bertschinger

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Vor der totalen Dunkelheit war vorab gewarnt worden. Wer sich im Dunkeln unwohl fühle, könne sich jederzeit hinausgeleiten lassen. Doch als es in Simone Truongs «In the middle of Nowhere – Your absence fills the space» im Theaterhaus Gessnerallee nach einer Weile tatsächlich nachtschwarz wurde, passte das allen sehr. Schuhe und Mäntel hatte man abgegeben und den sieben Performern, unter ihnen Choreografin Truong, schon fast ein Stündchen auf dem weichen Boden sitzend zugesehen wie sie, mitten im verstreuten Publikum, mit geschlossenen Augen Raum und Ensemblemitglieder erforschten. Man hatte den Kopf gedreht, war bisweilen gar herumgekrochen, um den blind herantapernden Tänzern auszuweichen, und hatte sich bemüht, dabei niemanden zu touchieren.

Berührungsorgien

So erlebte man, wie im Programm versprochen, eine «Migration im erweiterten Sinn»: geteilten Raum und Verlorenheit, Nähe und Distanz, den umherschweifenden Blick statt den hierarchischen. Einen Blick auf die «Körper ringsherum, die sich bewegen, sich ausruhen, zuhören. Während das Licht den Raum erhellt», schaue man «auf eine wandernde Landschaft, eine lebendige Skulptur, zu der wir alle gehören».

Die Performer verdichteten diese regelmässig zu Knotenpunkten, erkundeten mit Händen und blossen Füssen ihr Gegenüber, verschlangen sich in Berührungsorgien zu komplizierten Figuren. Dann wieder entzerrte sich die Laokoon-Gruppe, verzettelte sich teils in solistischen Einlagen: so blind und fremd, wie wir einander im Leben sind.

Das Konzept des mitwandernden Beobachters hat in der Performance heute einen festen Platz.

Das Konzept des mitwandernden Beobachters, der den Stand- beziehungsweise Sitzpunkt ständig aufgeben und neu finden muss, hat in der Performance heute einen festen Platz. Yana Ross etwa, derzeit fixe Regisseurin am Schauspielhaus Zürich, schickte uns in «Wunschkonzert» auf einen solchen Trip, und die Südkoreanerin Geumhyung Jeong liess uns am Theater Spektakel auf Drehstühlen ihren Interaktionen mit einer Reha-Trainingspuppe hinterherrollen.

Eine bewegliche Perspektive allein trägt aber noch keinen Abend. Darum zog die 1983 in Solothurn geborene Wahlzürcher Künstlerin mit den chinesisch-vietnamesischen Wurzeln im zweiten Teil von «Nowhere» ein anderes Register: Aus den Zuschauenden wurden Zuhörende, die sitzend oder liegend im tintenschwarzen Saal am Boden verharrten und lauschten in dieser Welt ohne Licht. Ein harter, toller Kontrast.

Zwischen Kampf und Annäherung bewegen sich die Menschen in Simone Truongs neuem Stück. Foto: Flurin Bertschinger

Die Performerinnen und Performer mauzten erst zaghaft, dann lauter. Elektronik verstärkte und verzog den Schall. Mal hörten sie sich furchtbar nah an, die Gestalten, die da klagten, riefen und sangen. Mal weit weg. Mal schufen sie Harmonien, mal schrien und stampften sie, dass der Boden erzitterte – und wir notgedrungen mit. Jetzt waren wir die Blinden, für die Orientierung angewiesen auf alle Sinne ausser den des Sehens.

«In the middle of Nowhere» katapultiert uns in ein Everywhere der Sinnesreize, Simone Truong bespielt in ihrer neuen Arbeit die Sensorien des Publikums rauf und runter: buchstäblich sensationell! Hätte sie noch gestrafft und mehr Tempo vorgelegt, wär diese Soiree auf dem tatamihaften Boden komplett umwerfend gewesen.

Gessnerallee, 24. bis 27. Oktober.

Erstellt: 24.10.2019, 11:27 Uhr

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