Zürichs Kulturchef hielt brisantes Papier geheim

Peter Haerle hielt einen Bericht zurück, der die Schliessung des Theaters Neumarkt anregt. Darin steht, das Zürcher Theaterangebot sei «gross genug beziehungsweise zu gross».

Die Angst vor Auseinandersetzungen scheint den Zürcher Kulturdirektor im Griff zu haben: Peter Haerle im Stadthaus. Foto: Gaëtan Bally (Keystone)

Die Angst vor Auseinandersetzungen scheint den Zürcher Kulturdirektor im Griff zu haben: Peter Haerle im Stadthaus. Foto: Gaëtan Bally (Keystone)

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Als ängstlich gilt Peter Haerle, Kulturdirektor der Stadt Zürich, seit längerem. Eigentlich seit den Protesten gegen seine Pläne, das Literaturmuseum Strauhof in ein «Literaturlabor» für Kinder und Jugendliche zu überführen. Seither wolle Haerle nichts mehr falsch machen, sagen Insider. Deshalb agiere er defensiv und versuche Entscheidungen zu vermeiden, mit denen er anecken könnte.

Bald fünf Jahre sind seit der Strauhof-Kontroverse vergangen. Aber noch immer scheint die Furcht vor Auseinandersetzungen den Kulturdirektor im Griff zu haben: Im Dezember verweigerte er dieser Zeitung die Einsicht in ein Dokument, das von öffentlichem Interesse ist.

Die Stadt bekam ein«pointiertes Szenario»

Mit der Publikation des Papiers könnte der Meinungsbildungsprozess des Gemeinde- und des Stadtrates zur Neuausrichtung der Theater- und Tanzlandschaft «beeinträchtigt» werden, heisst es in Haerles Verfügung. Als Kulturdirektor gehört er zur Verwaltung. Da ist es erstaunlich, dass er sich in dieser Funktion für die Meinungsbildung des Gemeinderates verantwortlich fühlte.

Bei dem ominösen Dokument handelt es sich um ein 24-seitiges Papier, das Haerle im Frühjahr 2014 in Auftrag gab: Im Hinblick auf das Kulturleitbild sollte der damalige Theaterverantwortliche der Stadt Zürich ein Arbeitspapier erstellen, das die Tanz- und Theaterlandschaft Zürich «beschreibt». Plinio Bachmann als damaliger Leiter des Theaterressorts habe – so Haerle – «die Gelegenheit genutzt, mit einem externen Sparringpartner ein pointiertes Szenario auszuformulieren. Diese Gedanken haben ihren Zweck erfüllt und die interne Diskussion angeregt.»

Das Papier enthält Ideen, die Kulturdirektor Haerle nicht vertreten würde und für die er stark angegriffen werden könnte.

Ideen aus dem Papier habe man «ins aktuelle Kulturleitbild der Stadt übernommen», sagte Peter Haerle im März 2016, als man erstmals von dem Dokument hörte. Das aktuelle Kulturleitbild wurde 2015 präsentiert. Im Herbst 2016 hat die NZZ einige Punkte aus dem Arbeitspapier vorgestellt, das Plinio Bachmann zusammen mit dem Theaterexperten Marco Läuchli als Sparringpartner schrieb.

Dank einer Einsprache dieser Zeitung wurde das Arbeitspapier vor einigen Tagen offiziell freigegeben. Heute wird es erstmals veröffentlicht: Es enthält Ideen, die Kulturdirektor Haerle nicht vertreten würde, für die er stark angegriffen werden könnte – und die im Widerspruch zu dem stehen, was die Stadt Zürich aktuell in der Kulturpolitik verfolgt.

Das Papier geht von Überschneidungen in den Arbeitsweisen und Ästhetiken an den Zürcher Theatern aus. Es regt deshalb an, die Subventionen für das Theater Neumarkt mit denjenigen der Gessnerallee zusammenzulegen, um dort ein starkes Produktionshaus für die freie Szene führen zu können. Ein Vorschlag, der zurzeit nicht aktuell ist, aber diskutiert werden könnte, wenn mit den kommenden Intendantenwechseln am Schauspielhaus, am Neumarkt und an der Gessnerallee gleich drei Teams antreten, die sich explizit zu Teilhabe und Diversität bekennen, womit Überschneidungen künftig stärker ins Gewicht fallen könnten.

Streit wird an Dritte delegiert

Aber statt solche Vorschläge für eine öffentliche Debatte zur Verfügung zu stellen, wollte Haerle das Dokument möglichst lange unter Verschluss halten. 2017 gab Stadtpräsidentin Mauch eine neue Evaluation der Zürcher Tanz- und Theaterlandschaft bei einer Beratungsfirma in Österreich in Auftrag, der Integrated Consulting Group (ICG) aus Graz.

Diese Evaluation, die Haerle eine «neutrale Bestandsaufnahme» nannte, wurde nach einem halben Jahr abgeschlossen. Sie liest sich in zentralen Punkten wie eine Widerlegung des Arbeitspapiers von Bachmann und Läuchli: Die ICG argumentiert nämlich, dass Ähnlichkeiten auch dazu beitragen könnten, dass die Produktivität und die Kreativität gefördert werden.

«Was wir sicher nicht wollen, ist eine direktive Kulturpolitik», sagte Haerle vor knapp drei Jahren. Davon kann auch keine Rede mehr sein. Denn inzwischen will die Stadt alle weiteren Entscheidungen, die möglicherweise zu Streit führen, an Dritte delegieren: an eine Jury, in der Experten die Mehrheit bilden sollen, die von der Theaterszene vorgeschlagen werden, und die als Ganze «Akzeptanz» bei der Szene geniesst, wie es im neuen Vorschlag der Stadt heisst. Derzeit würden fast 50 Projekte unterstützt, geplant sei «tendenziell» eine Reduktion, sagt Haerle. Auf Zahlen will er sich nicht festlegen. Aber eine sozialverträgliche Streichung von Häusern ist durchaus vorstellbar.

Man kann Haerle nun zumindest vorwerfen, er habe wiederholt ungeschickt agiert.

Mit der Publikation des Arbeitspapiers kann nun eine öffentliche Diskussion stattfinden – über alle Vorschläge, die mal erwogen wurden. Nicht zuletzt im Hinblick auf die im Herbst stattfindende Abstimmung im Gemeinderat zum neuen Fördersystem, über das später auch das Volk befinden muss.

Kommt der Vorschlag der Stadt ohne Änderung durch, wäre der Paradigmenwechsel vollständig vollzogen: von einer entscheidungsfreudigen Kulturpolitik, wie sie bei Bachmann und Läuchli zum Ausdruck kommt, hin zu einer Delegierung der Entscheidungen an eine Jury, welche die Interessen der Theaterszene vertreten soll.

Man kann Haerle nun zumindest vorwerfen, er habe wiederholt ungeschickt agiert. Auch zuletzt, als er die Einsicht in das Papier verweigerte – mit dem Argument, «der Meinungsbildungsprozess des Stadtrats respektive des Gemeinderats ist noch nicht abgeschlossen».

Haerle hielt die Gerüchte über das Papier am Köcheln

Tatsächlich war es aber so, dass im Gemeinderat bereits Anfang November 2016 auf den Bericht verwiesen wurde, nachdem die NZZ über das Papier geschrieben hatte – just an dem Tag, an dem FDP, SVP und CVP im Nachgang zur Aktion «Entköppelung» den Vertrag mit dem Neumarkt kündigen wollten.

Offiziell wurde das Dokument erst Ende November 2016 einer Gemeinderatskommission abgegeben. Statt das Arbeitspapier bereits im März 2016 zu publizieren und eine fundierte Diskussion zu ermöglichen, hielt es Haerle zurück. So ging der Kulturdirektor das Risiko ein, dass Gerüchte köchelten und Thesen aus dem Papier instrumentalisiert wurden.

Download des Arbeitspapiers als PDF
Das interne Arbeitspapier zur Tanz- und Theaterlandschaft wurde gestützt auf das Zürcher Informationsgesetz (IDG) von der Kulturabteilung der Stadt Zürich zugänglich gemacht. Nach Information der Stadt Zürich wurde es am 1. November 2014 abgeschlossen.

Erstellt: 04.03.2019, 00:20 Uhr

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Das Papier aus dem Giftschrank

Vier Jahre war es weggesperrt: das Arbeitspapier der Theaterexperten Plinio Bachmann und Marco Läuchli. Es kommt zum Schluss, dass das Zürcher Theaterangebot «gross genug beziehungsweise zu gross» sei. Diese These geht auf das Buch «Der Kulturinfarkt» zurück, an dem Ex-Pro-Helvetia-Chef Pius Knüsel mitschrieb. Es vertritt die Meinung, es gebe «von allem zu viel und überall das Gleiche». Darauf beziehen sich Bachmann und Läuchli, wenn sie schreiben: Viele der Überlegungen im Kulturinfarkt seien «aktuell, richtig und von grosser Brisanz».

Rund 4000 Vorstellungen pro Jahr gebe es in Zürich auf Bühnen, die subventioniert werden, heisst es bei Bachmann/Läuchli. Das ergibt für jeden Abend 13 einander konkurrierende Vorstellungen, welche die Stadt finanziell mitträgt. Gegenüber 1988 entspreche dies fast einer Verdoppelung – obwohl gesamthaft immer etwa gleich viele Zuschauer ins Theater gingen. Die Folge sei, dass sich die Anzahl Zuschauer pro Vorstellung verkleinere und die Theater «ihre gesellschaftliche Bedeutung» verlieren, indem sie sich konkurrieren. «Dies kann nicht im Interesse der Beteiligten sein.»

Zürich wäre daher «besser beraten», die Subventionen für zwei oder drei Häuser zusammenzulegen. Daher der Vorschlag, die Mittel des Neumarkts mit denjenigen der Gessnerallee zu fusionieren, die Theaterlokalität am Neumarkt ans Literaturhaus zu übergeben und den Spielbetrieb in die Gessnerallee zu verlagern. Letztere sollte später gar mit dem Theater Spektakel vereint werden. Damit wären gut 8,5 Millionen Franken für ein Haus der freien Szene zur Verfügung gestanden – für ein Theater «von europäischem Rang», wie es im Papier heisst.

Anders das neue Konzept, das Ende Januar fertiggestellt wurde (bei Kosten von 276000 Franken): Ein Überangebot gäbe es nicht, Überschneidungen seien «natürlich und können produktivitäts- und innovationsfördernd ausfallen». Nur in einem wichtigen Punkt geht diese Evaluation einig mit Bachmann und Läuchli: Das Theater am Hechtplatz wirke «als Fremdkörper». Bachmann/Läuchli schreiben zudem: «Es gibt keinen plausiblen Grund, warum die Stadt ein eigenes volkstümliches Kabarett- und Boulevardtheater betreibt.» Es gibt also Voten, das Hechtplatz zu privatisieren. Nur: Daraus wird wohl nichts, denn dafür müsste man die Rechtsform ändern, was nur nach einer Volksabstimmung möglich wäre. Im neuen Bericht gehört das Hechtplatz deshalb zum «kontinuierlichen Teil», der unangetastet bleiben soll. Wie das Schauspielhaus, das Neumarkt und die Gessnerallee. (atob)

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