Türkischer Autor Ahmet Altan ist frei

Der Schriftsteller war drei Jahre wegen «Terror-Unterstützung» in Haft – keine verlorene Zeit, sagte er nach seiner Entlassung.

Hat die Wände des Gefängnisses hinter sich gelassen: Umarmung für Ahmet Altan bei seiner Entlassung am Montag. Foto: Bulent Kilic (AFP)

Hat die Wände des Gefängnisses hinter sich gelassen: Umarmung für Ahmet Altan bei seiner Entlassung am Montag. Foto: Bulent Kilic (AFP)

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Mit der Zauberkraft des Schriftstellers könne er mühelos durch die Wände seines Gefängnisses gehen, hatte Ahmet Altan gesagt. Und die Fantasie war sein schärfstes Schwert gegen die Absurdität eines türkischen Gerichtsurteils, das ihm Haft bis ans Lebensende verordnet hatte. Doch am späten Montagabend öffneten sich für Altan nach gut drei Jahren tatsächlich die Tore eines Hochsicherheitsgefängnisses in der Nähe von Istanbul.

Zauberkraft war hier keine im Spiel, sondern ein neues Urteil, das nicht weniger hanebüchen war als das erste. Aber es bot der Justiz offenbar einen Ausweg, den Schriftsteller und Journalisten, dessen Inhaftierung international kritisiert wurde, auf freien Fuss zu setzen.

Altan wurde in einem neuen Verfahren von einem Gericht in Istanbul wegen «Unterstützung einer Terrororganisation» zu zehn Jahren und sechs Monaten Gefängnis verurteilt. Wegen der bereits abgesessenen Haftzeit ordnete der Richter danach seine sofortige Freilassung unter Auflagen an. Der 69-Jährige muss sich nun regelmässig bei der Polizei melden. Im Juli hatte das höchste Berufungsgericht bereits das erste Urteil aufgehoben.

Machtwechsel ja, Putsch nein

Das Ganze bleibt eine Tragödie. Die Vorwürfe stützten sich auf eine Fernseh-Talkshow, in der Altan kurz vor dem Putschversuch im Juli 2016 sagte: «Die AKP wird ihre Macht verlieren, und sie wird vor Gericht gestellt werden.» Die AKP ist die Partei von Präsident Recep Tayyip Erdogan. Die Aussage wurde von der Justiz als «unterschwellige Botschaft» an die Gülen-Bewegung gewertet, die von der Regierung für den Putschversuch verantwortlich gemacht wird. Er habe immer nur für einen Machtwechsel durch Wahlen plädiert, verteidigte sich der Autor.

Am 25. November wird Altan in München der Geschwister-Scholl-Preis verliehen, wohl in Abwesenheit, denn mit den Meldeauflagen ist gewöhnlich eine dauerhafte Ausreisesperre verbunden. Anfang Oktober hatten der Börsenverein des Deutschen Buchhandels und die Stadt München, die den Preis verleihen, den Empfänger bekannt gegeben. Altan wird für sein Gefängnistagebuch («Ich werde die Welt nie wiedersehen») ausgezeichnet, von dem die Jury sagt, es zeuge «vom Entschluss, trotz aller Entbehrungen stärker zu sein als die Vernehmer, Ankläger und Richter».

«Da drinnen gibt es Tausende Unschuldige»

Das Buch erschien vor einem Jahr und wurde bereits in viele Sprachen übersetzt. Altan schildert darin auch das kafkaeske erste Gerichtsverfahren, in dem der Richter, fast bedauernd, anmerkte: «Hätten Sie doch immer nur Romane geschrieben und sich nicht mit politischen Themen befasst.» Altans Romane sind voll historischer Bezüge, es sind Geschichten von Liebe und Intrige, in Zeiten des Niedergangs der Sultanherrschaft. Wer will, kann darin heute aktuelle Bezüge lesen. Als Journalist war Altan einer der Ersten, die schon in den 90er-Jahren mehr Rechte für die Kurden anmahnten und die später die Ermordung und Vertreibung der osmanischen Armenier einen Genozid nannten.

Als Altan am Montag kurz vor Mitternacht seine Zelle verlassen hatte, warteten vor den Gefängnismauern seine Tochter Sanem, Freunde und Journalistenkollegen auf ihn. Sie fragten, ob er bedaure, so viele Jahre verloren zu haben. Altan antwortete: «Ich habe sie nicht verloren.» Das habe er seinen Widersachern «nicht erlaubt». In seiner Zelle habe er weiter Bücher geschrieben. Aber er sei traurig wegen der vielen anderen, die das Gefängnis nicht verlassen durften. Altan sagte: «Da drinnen gibt es Tausende unschuldige Menschen.»

Erstellt: 06.11.2019, 14:14 Uhr

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