Unter «unheimlichen Patrioten»

Autor Jürg Frischknecht ist gestorben. Der grosse Rechercheur professionalisierte den linken Journalismus.

Blieb zeitlebens unabhängig: Jürg Frischknecht. (Foto: Dominique Meienberg)

Blieb zeitlebens unabhängig: Jürg Frischknecht. (Foto: Dominique Meienberg)

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Er war in den Siebzigerjahren der erste linke Journalist, der akribisch recherchierte. Andere wussten oft schon vor der Recherche, was sie für richtig hielten. Das hatte mit der Schwarz-Weiss-Optik jener Jahre zu tun, aber auch mit den klaren Fronten im Kalten Krieg und dem Bemühen, die Lager zu schliessen. Jürg Frischknecht war einer der ersten 68er, die in den frühen Siebzigerjahren in den professionellen Journalismus einstiegen und den linken Journalismus professionalisierten. So wurde er – ähnlich wie Niklaus Meienberg – zum Vorbild und Mentor vieler junger Kollegen: Für Ueli Haldimann etwa, den späteren Chefredaktor von «SonntagsZeitung» und Schweizer Fernsehen, Peter Niggli, später Geschäftsführer der Schweizer Hilfswerke, oder Peter Haffner, heute renommierter Magazin- und Buchautor.

Während Meienberg der grosse Erzähler war, war Frischknecht der grosse Rechercheur. Mit der Unerbittlichkeit und Hartnäckigkeit eines Untersuchungsrichters ging er den Fakten nach, bis er auch herausfand, was im verdeckten Bereich stattfand: Dass der Zürcher Grafiker und Staatsschützer Ernst Cincera Ende der Siebzigerjahre einen eigenen Spitzel ins Demokratische Manifest eingeschleust hatte, ausgerechnet in jene Bewegung, die sich Ende der Siebzigerjahre gegen die Bespitzelung und Berufsverbote für Linke formiert hatte. Mit derselben Hartnäckigkeit enttarnte er zwei verdeckte Fahnder der Zürcher Stadtpolizei, die die 80er-Bewegung infiltriert hatten und wurde zum Experten für Rechtsextremismus.

Mit grossem eigenem Archiv stets unabhängig

Mehr als unverbesserliche Alt-Nazis und verblendete Neonazis beunruhigten ihn dabei die Ausläufer des Rechtsextremismus in die Ränder der bürgerlichen Parteien. Diesen «unheimlichen Patrioten» widmete er Mitte der Achtzigerjahre zusammen mit drei Co-Autoren ein Handbuch, das in sechsfacher Auflage erschien und bis heute lexikalischen Wert hat. Prominent darin abgehandelt der aufstrebende Politiker und Industrielle Christoph Blocher, dessen Kampf gegen das moderne Eherecht und dessen Unterstützung für die weisse Minderheitsregierung im Südafrika der Rassentrennung. Blocher kam später auch prominent vor in einem eigenen Buchkapitel über den wachsenden Rechtsextremismus («Schweiz, wir kommen»): «Das Geschäft mit dem Fremdenhass» nimmt den Geist späterer Initiativen von SVP und Auns vorweg.

Frischknecht blieb als Journalist und Buchautor mit grossem eigenem Archiv stets unabhängig. Er arbeitete erst für die damalige Basler «National-Zeitung», später vorwiegend für die WOZ, und gab sein Wissen stets auch als Dozent für Recherche unter anderem fürs Schweizer Radio und Fernsehen und an der Journalistenschule MAZ in Luzern weiter. Seine Bücher erschienen im Limmat- und Rotpunktverlag, Gründungen im Gefolge von 1968. Ab Ende der Achtzigerjahre publizierte Frischknecht dort zusammen mit seiner Partnerin Ursula Bauer verschiedene Wanderbücher, die stets auch politische Bezüge hatten. Sie zeigten die andere Seite des gebürtigen Appenzellers: Heimatliebe, die nichts mit dem Nationalismus jener Kreise zu tun hat, deren unheimlicher Patriotismus ihn zeitlebens beunruhigte.

Jürg Frischknecht starb am vergangenen Montag im Alter von 69 Jahren nach kurzer schwerer Krankheit in Zürich. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 22.07.2016, 12:50 Uhr

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