Versager werden nicht geduldet

Die Genfer Autorin Pascale Kramer blickt in ihrem neuen Roman «Eine Familie» hinter die Fassade derselben.

Technik des konstatierenden Erzählens: Die Genfer Autorin Pascale Kramer. Foto: HO

Technik des konstatierenden Erzählens: Die Genfer Autorin Pascale Kramer. Foto: HO

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Eine gut situierte Familie in Bordeaux. Vater Olivier ist frisch pensionierter Jurist und weiss noch nicht so recht, wie damit umgehen. Mutter Danielle arbeitet noch in Teilzeit in ihrer früheren Reha-Praxis. Aus ihrer ersten Ehe hat sie den Sohn Romain mitgebracht, mit Olivier kamen drei weitere Kinder hinzu. Tochter Lou steht gerade vor ihrer zweiten, beschwerlichen Entbindung. Weil man in dieser Familie zusammenhält, reisen Lous Bruder Edouard aus Cahors und ihre Schwester Mathilde aus Barcelona an.

Doch einer fehlt: Romain. Aus dem sanften Jungen ist ein Alkoholiker geworden, der sich regelmässig ins Koma säuft. Nach seinem letzten Entzug wähnte man ihn aufgehoben bei seinem Integrationsjob in einer Gärtnerei. Dass er wieder rückfällig wurde, weiss nur der von seinen Schwestern belächelte «erzkatholische» Edouard, der selber ein krankes Kind hat und Romain heimlich unterstützt.

Offiziell dreht sich alles in diesen Tagen um Lou, um die Geburt, um das Hüten ihrer ersten kleinen Tochter und um den Streit, den sie eben noch mit ihrem nicht standesgemässen Mann hatte. Auch als Edouard heiratete, gab es Zweifel an der familiären Kompatibilität seiner Künftigen. Man setzt in dieser Familie auf enge Bande, aber ist auch streng – mit sich selbst und andern. Für Romains Abdriften gibt es bei der Mutter, einer Fachfrau für Rehabilitation, kein Verständnis. Sein Schatten liegt über dem familiären Gefüge.

Was man nicht gerne ausspricht

Die in Paris lebende und 2017 mit dem Grand Prix Literatur des Bundesamts für Kultur ausgezeichnete Genfer Autorin Pascale Kramer entwickelt in ihrem neuen Roman ihre Technik des konstatierenden Erzählens fort. In fünf Kapiteln, fokussiert auf jeweils wechselnde Familienmitglieder, erschliesst sie nach und nach die unterschiedliche Sicht der Beteiligten auf ihre Familie. Dabei kommt vor allem zum Tragen, was man nicht gerne ausspricht, sondern sich nur im Stillen denkt.

War es für Danielle denn nicht schon eine Niederlage, dass ihr erster Mann gleich nach Romains Geburt schwer depressiv wurde und sie sich von ihm trennte? Und war ihre zweite Heirat mit Olivier, den sie vor allem liebte «für das, was er gesellschaftlich darstellte», mehr als der Versuch, etwas Ordnung in ihr Leben zu bringen?

«Ein unmögliches Schuldgefühl»

Auch Sohn Edouard scheint eine blosse Vernunftehe zu führen. Tochter Mathilde ist alles andere als glücklich in Barcelona, obwohl sie stets gegenteilige Botschaften durchgibt. Sie macht sich frühzeitig davon. Und Lou erinnert sich nach der schliesslich geglückten Geburt an das «unmögliche Schuldgefühl» gegenüber Romain, das sie erfolgreich verdrängt.

Mit nüchternem Blick forscht Pascale Kramer einmal mehr den Rissen in einer Familienkonstellation nach, ohne je zu moralisieren. Und erzeugt damit wiederum – das ist ihr literarisches Merkmal – so viel Interesse an ihren Figuren, dass man ihnen gerne in einer Fortsetzung zehn Jahre später nochmals begegnen würde.

Pascale Kramer: Eine Familie. Roman. Aus dem Französischen von Andrea Spingler. Rotpunktverlag, Zürich 2019. 186 S., ca. 25 Fr.

Erstellt: 13.10.2019, 15:08 Uhr

Artikel zum Thema

«Frankreich war der Hort der Kultur! Und nun?»

Interview Pascale Kramer lässt Flüchtlinge bei sich wohnen, und sie erzählt im Gespräch wie im preisgekrönten Roman «Autopsie des Vaters» von den Gräben, die sich durch die Gesellschaft ziehen. Mehr...

«Kapitulation der Vorurteile»

Der Schweizer Grand Prix Literatur 2017 geht an die 55-jährige Westschweizer Schriftstellerin Pascale Kramer. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Service

Ihre Spasskarte

Mit Ihrer Carte Blanche von diversen Vergünstigungen profitieren.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Klimawand: Andres Petreselli bemalt in San Francisco eine Hausfassade mit einem Porträt von Greta Thunberg. (8. November 2019)
(Bild: Ben Margot) Mehr...