Wie ein Schweizer Unternehmen seit 500 Jahren Erfolg hat

Von Druck bis Digital: Orell Füssli hat radikale historische Umbrüche überlebt. Eines seiner Produkte besitzt heute jeder einzelne Schweizer.

Grösster Umsatzträger von Orell Füssli ist der Sicherheitsdruck, dazu gehören auch die Banknoten. Foto: Keystone

Grösster Umsatzträger von Orell Füssli ist der Sicherheitsdruck, dazu gehören auch die Banknoten. Foto: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

1519. Cortés begann die Eroberung Mexikos und Magellan seine Erdumseglung. Es regierten Heinrich VIII. in England, Franz I. in Frankreich und Karl V. bald über ein Reich, in dem die Sonne nicht unterging. In Zürich predigte Huldrych Zwingli, und Christoph Froschauer, ein Drucker aus dem bayerischen Altötting, erhielt das Bürgerrecht. Das gilt als Gründungsdatum eines Unternehmens, das immer noch besteht: ein halbes Jahrtausend schon.

Es gibt nicht viele ältere in der Schweiz, und es gibt keines, das den Alltag der Schweizer so prägt wie Orell Füssli. Auch für solche, die niemals eine ihrer 34 Buchhandlungen betreten. Denn wenn immer sie ihr Portemonnaie zücken, bezahlen sie mit Noten, die diese Firma, Abteilung Sicherheitsdruck, hergestellt hat. Und wer in die Ferien fliegt, zeigt am Flughafen stolz seinen roten Pass vor. Auch der kommt von Orell Füssli.

Zwinglis Verbündeter

Von beidem konnte Christoph Froschauer nichts ahnen. Seit seiner Zeit hat sich das Unternehmen vergrössert und wieder verschlankt, gewandelt und gehäutet, hat hinzugekauft und abgestossen, hat neue Aktivitäten entwickelt und alte begraben. Den modischen Wirtschaftsterminus «Strukturwandel», Orell Füssli praktiziert ihn seit 500 Jahren. Aber der rote Faden in diesem Unternehmensstrang ist immer der Druck geblieben. «500 Jahre Drucken» heisst deshalb auch der prächtige Jubi­läumsband, den die Schweizer Nationalbank der Orell Füssli Holding, deren mit 33 Prozent grösste Aktionärin sie ist, zum Geburtstag geschenkt hat.

Froschauer war für die Zürcher Reformation die Hand, die der Kopf Zwingli brauchte. Nicht nur mit dem legendären Wurstessen zur Fastenzeit brachte er die Bewegung voran. Was Zwingli dachte und aussprach, machte sein Drucker öffentlich. Froschauers Offizin druckte Predigten und Abhandlungen, die Abbildung eines Hermaphroditen (da war vom Gendersternchen noch nichts zu ahnen), vor allem aber und immer wieder die Heilige Schrift. 1530 erstmals die ganze Bibel, vier Jahre vor Luther, ein Jahr darauf eine Prachtausgabe mit Holzschnitten von Hans Holbein.

Bibel von 1524–1529. Foto: ZB

Nach Froschauers Tod führte der Neffe, auch ein Christoph, das Unternehmen weiter, dann wanderte es durch die angesehensten Zürcher Familien – darunter Bodmer, Escher, Heidegger, Rahn; bei den Bodmers war auch einmal für einige Jahre eine Frau am Drücker. Im 18. Jahrhundert fanden sich dann drei Aufklärer zusammen: Salomon Gessner, Hans Conrad von Orelli und Johann Heinrich Füssli. Gessner gründete 1780 die «Zürcher Zeitung», die seit 1821 «Neue Zürcher Zeitung» heisst und bis 1868 im Unternehmen blieb.

In den folgenden beiden Jahrhunderten gab es weitere Besitzer- und Namenswechsel. Heute, nach der letzten Restrukturierung, firmiert die Firma als Orell Füssli Holding, eine Aktiengesellschaft (zweitgrösster Aktionär nach der SNB ist mit 15 Prozent übrigens der Musiker Dieter Meier) und den Abteilungen Sicherheitsdruck, Buchhandlungen und Verlag. Mit rund 700 Mitarbeitern, 34 Ladengeschäften und einem Umsatz von 250 Millionen Franken operiert sie in einem nicht ganz einfachen Umfeld: Der Buchhandel schrumpft seit Jahren, und der Sicherheitsdruck braucht, wenn die 9. Serie der Schweizer Banknoten vollständig ausgegeben ist, neue lukrative Aufträge.

Der Buchdruck veränderte die Öffentlichkeit radikal – und verlangte nach Innovation.

Wie hat Orell Füssli es geschafft, fünfhundert Jahre durchzuhalten? Indem es mit technischen Neuerungen auf die Bedürfnisse reagierte, die die Gesellschaft vorgab. Beispiel Druck. Der war zu Froschauers Zeiten eine junge Erfindung. Sie veränderte die Öffentlichkeit radikal – und verlangte selbstständige Innovation. Vom Hochdruck über Tiefdruck, Flach- und Offsetdruck bis zum Fotosatz mussten technologische Quantensprünge absolviert werden, damit Vorlagen immer perfekter, schneller, massenhafter reproduziert werden konnten. Zwischen den Holzschnitten in Konrad Gessners «Historia animalium» und dem zehnfarbigen Druck der Photochrom-Technik liegen Welten.

Photochrom-Bilder malten die Welt in Farbe, noch bevor es die Farbfotografie gab. 1888 meldete Orell Füssli ein Patent auf den Druck nachkolorierter Schwarzweiss-Fotografien an und gründete die Photoglob. Künstler versahen Ansichten der Schweiz, aber auch der USA oder Chinas mit intensiven, dem Zeitgeschmack entsprechenden «romantischen» Farben. Nach einem komplizierten Verfahren entstanden Bilder, wie sie die Welt noch nicht gesehen hatte. Der Postkartenhandel erklomm neue Höhen – und sackte nach dem Ersten Weltkrieg in der allgemeinen Krise dramatisch ab. So gehörte die Photoglob zu den vielen Firmenteilen, die Orell Füssli aus Rentabilitätsgründen abstiess; sie existiert aber immer noch. Filmregisseur Wes Anderson hat sich für sein «Grand Budapest Hotel» von dieser Farbästhetik inspirieren lassen.

Fälscher austricksen

Auch Plakate druckt OF nicht mehr. Als Teil des 1992 verkauften Akzidenzdrucks schmückte sich dieser lange erfolgreiche Geschäftszweig mit Künstlernamen wie Walter Herdeg, Otto Baumburger, Hans Erni oder Herbert Leupin. Jahrzehntelang kamen auch die Plakate für das Zürcher Opernhaus von Orell Füssli; viele Jahre betrieb das Unternehmen eine eigene Kunstgalerie.

Im Bereich Landkarten war Orell Füssli ebenfalls einmal Spitze; die Tradition reicht bis zum Gründer zurück: Froschauer druckte 1525 eine Karte des Heiligen Landes. Später gab es Atlanten und Schulkarten, Stadtpläne und Wanderkarten. 1993 wurde der Bereich ausgegliedert. Ebenso verschwunden aus dem Unternehmensportfolio sind Zeitschriften und Kreditkarten.

Ausstellungsplakat. Foto: Akg

Grösster Umsatzträger des Unternehmens ist heute der sogenannte Sicherheitsdruck. Dazu gehörten einst Wertpapiere (als man sich seine Aktie noch in den privaten Tresor legte), heute vor allem Banknoten, für die Schweiz und etliche ausländische Nationalbanken. Orell Füssli hat, «immer einen Schritt schneller als die Fälscher» (so der langjährige Sicherheitsdesigner Martin Eichenberger), unentwegt neue Techniken entwickelt, um die Sicherheit seiner Produkte – und den Spitzenplatz der eigenen Firma – zu gewährleisten. Als etwa Farbdrucker aufkamen und täuschend ähnliche Kopien liefern konnten, mussten neue Sicherheitselemente her – heute arbeitet man mit Kippeffekten, Kinegrammen, Mikroperforation, eingelegten Metallstreifen, irisierenden Farben und «wandernden» Motiven.

Wird auch die Banknote einmal zu jenen Produkten gehören, die von der Entwicklung überrollt und aussortiert werden? Die OF-Führung glaubt das nicht. Zwar beobachtet sie aufmerksam neue Phänomene wie die Kryptowährungen, hat auch ein entsprechendes Projekt mit der ETH laufen, ist aber vorsichtig und zurückhaltend. Mit 500 Jahren Erfahrung kann man sich das vielleicht leisten. Die Menschen, meint CEO Martin Buyle, werden sich nicht so schnell vom Bargeld lösen. Nur mit ihm kann man Anonymität und Privatsphäre wahren.

20er-Noten mit dem Kopf von Guillaume Henri Dufour, dem ersten General der Schweizer Armee, aus dem Jahr 1973. Foto: Hans Krebs (ETH-Bibliothek)

Mit Büchern begann es, und den Büchern ist man bei Orell Füssli treu geblieben. Der Verlag hat zwar seine goldenen Zeiten hinter sich – die lagen, geistig betrachtet, im 18. Jahrhundert, als in Zürich Wielands «Agathon» und seine Shakespeare-Übersetzungen erschienen. Später erreichten die Romane von John Knittel («Via Mala») oder die Bücher von Jean Rudolf von Salis hohe Auflagen. Heute erscheinen in der Verlagsabteilung von Orell Füssli Sachbücher, Kinderbücher («Globi», «Ursli» und «Papa Moll» laufen immer noch gut), juristische und Lernmedien.

Acht Millionen Titel

Und die Buchhandlungen expandieren sogar; längst ist OF über Zürich hinaus in anderen Städten an besten Lagen präsent; mit der Website, die acht Millionen Titel verzeichnet, sogar überall frei Haus. Dafür musste das Unternehmen dem Umbruch in der Branche Rechnung tragen – erst nahm man den deutschen Grosshändler Hugendubel mit 49 Prozent mit ins Boot, 2013 tat man sich mit Thalia zusammen. Und wer das heutige Geschäft mit der vermeintlichen «guten alten Zeit» vergleicht – in Froschauers Gründerjahren konnte kaum jemand lesen, und eine Bibel kostete drei Wochenlöhne eines Handwerksmeisters –, der wird auch nicht an der Zukunft des Buches zweifeln. Die Verantwortlichen bei Orell Füssli jedenfalls tun es nicht. Was immer auch kommt: Sie sind es gewohnt, auch mit radikalen Veränderungen umzugehen.

Festschrift: 500 Jahre Drucken. Orell Füssli: Tradition und Innovation seit 1519. 256 S., zahlreiche Ill., ca. 125 Fr. Die Jubiläumsaktion «Lieblingsbücher» startet im Mai.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 15.04.2019, 18:32 Uhr

Artikel zum Thema

Orell Füssli expandiert an die Europaallee

Die Buchhandlung eröffnet ihre siebte Buchhandlung in der Stadt Zürich, gleich hinter dem Hauptbahnhof. Der besonderen Lage wegen. Mehr...

Neues Leben für Dr. Oprecht

Die Galerie Hauser & Wirth zieht mit ihrem Kunstverlag in die historischen Räumlichkeiten an der Rämistrasse. Die Renovation der legendären Buchhandlung Dr. Oprecht ist in vollem Gange. Mehr...

Ein Wassertrinker besingt den Schnaps

Stephen Parkers Biografie von Bertolt Brecht erlaubt neue Blicke auf den schwierigen Klassiker. Das Buch stellt einen kränkelnden Mann vor, der in seiner Kunst die Kraftmeier-Attitüde pflegte. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Weiterbildung

Lohncheck in Pflegeberufen

Qualifiziertes Pflegepersonal ist rar. Eine Pflegeinitiative setzt sich darum für höhere Löhne ein.

Die Welt in Bildern

Er braucht ein gutes Gleichgewicht: Ein Gaucho reitet in Uruguay ein Rodeo-Pferd. (17. April 2019)
(Bild: Andres Stapff) Mehr...