Von der Utopie in den Gulag

Eine grossartige Ausstellung im Landesmuseum Zürich widmet sich der Russischen Revolution 1917. Im Zentrum stehen dabei die Beziehungen zwischen Russland und der Schweiz.

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Am Anfang gibt es noch Hoffnung und Zuversicht: Die Bilder im ersten Raum der neuen Ausstellung «Revolution 1917. Russland und die Schweiz» zeigen den künstlerisch kühnen Aufbruch der Avantgarde, der Russland zu Beginn des 20. Jahrhunderts ebenso erfasste wie die mitteleuropäischen Länder. Die Kunstwerke verströmen eine unbändige Lust an der Grenzüberschreitung, am Experiment. Auch geografisch waren Grenzübertritte häufig: Russische Maler und Schriftsteller, Intellektuelle und Politiker fühlten sich Europa zugehörig; und zwischen Russland und der Schweiz bestanden – dies bildet die Klammer der Schau – traditionell enge Verbindungen: Frauen wie etwa Nadeschda Suslowa oder Sabina Spielrein studierten Medizin in Zürich, Dostojewski lebte eine Zeitlang in Genf und Vevey, und Tolstoi schrieb in und über Luzern. 1910 lebten 8500 Russen in der Schweiz und über 20'000 Schweizer in Russland: Ingenieure, Uhrmacher, Bäcker.

Kunst fürs Regime

Ein gegensätzliches Bild bietet sich am Schluss der Ausstellung: Anstelle der Avantgarde ist ein strenger, pathetischer Realismus getreten, der sich ganz in den Dienst des Sozialismus stellt. Vorbei die Spielereien und Versuche, Neuland zu entdecken oder dahin aufzubrechen. Da dieses in den Augen der sowjetischen Funktionäre schon entdeckt war, galt die künstlerische Darstellungskraft der gleissenden Verherrlichung des gelobten Landes. Die Fotografie und die Kunst à la Alexander Rodtschenko, der Bilder und Plakate für die Partei malte, die Musik und der Film, der für Lenins Ziele zentral war, sind nun allesamt auf Linie. Wer von der zur politischen Propaganda geronnenen Ästhetik abwich, lebte gefährlich; wer nicht abwich, durfte sich aber auch nicht in Sicherheit wiegen. Denn der staatliche Terror, den Lenin vorbereitete und sein Nachfolger Stalin schrecklich vollendete, war völlig unberechenbar.

Die Freiheit aller auf Kosten des Einzelnen und die Angleichung aller an alle waren die Konsequenz einer Ideologie, die nur ein historisches Ziel kannte: die klassenlose Gesellschaft. «Das Kapital» und «Das kommunistische Manifest» von Karl Marx sind jene früh ins Russische übersetzten Bücher, auf die sich der einzigartige, verheerende Versuch bezieht, eine Utopie am lebendigen Volkskörper auszuprobieren. Dafür bot sich die Misere in dem Riesenreich an: krasse Ungleichheit und Ungerechtigkeit unter Zar Nikolaus II., wirtschaftlicher Niedergang im Ersten Weltkrieg und dauernde Hungersnot auf dem Land und in der Stadt. Lenin nutzte die Gunst der Stunde und stürzte im Oktober 1917 die nach der bürgerlichen Revolution vom Februar eingesetzte provisorische Regierung unter Kerenski. «Die Geschichte wird uns nicht verzeihen, wenn diese Gelegenheit zur Machtübernahme verpasst wird», notierte er mit Berufung auf eine höhere Macht.

Der Zweck heiligt die Mittel

Die hehren Ideale des Kommunismus hatten eine ansteckende Wirkung auch auf viele hellsichtige Dichter und Denker wie Arthur Koestler oder Eric Hobsbawm, die sich am Schluss der Ausstellung zu Wort melden. Das Feuer und die Begeisterung für die vermeintlich gute Sache hielt selbst dann noch an, als neue Formen der Ungerechtigkeit und Ausbeutung Programm wurden. Exemplarisch dafür ist das Schicksal von Fritz Platten. Der Schweizer Politiker, dessen letzte Briefe aus seiner Haft in Sibirien in der Schau ausliegen, ist bei einem Treffen an der berühmten Zimmerwald-Friedenskonferenz vom charismatischen Lenin so sehr angetan, dass er nicht nur die Zugfahrt der russischen Emigranten von Zürich nach Petrograd am 9. April 1917 organisiert, sondern selbst in die Sowjetunion auswandert, um am Aufbau der kommunistischen Gesellschaft mitzuhelfen.

Um diesen Zweck zu erreichen, war Fritz Platten jedes Mittel recht, selbst der gewaltsame Tod von unschuldigen Menschen. «Was bedeuten 100 000 Tote im Namen des Proletariats», ruft er 1919 am SP-Parteitag aus, «wenn damit ein jahrhundertelanges Glück der Proletarier geschaffen werden kann?» Sein Feuer für die bolschewistischen Ideen, welche die ursprünglichen Ideale längst pervertiert hatten, erlosch selbst dann nicht, als er zusammen mit seiner Frau Opfer der stalinistischen Säuberungen wurde. Fritz Platten glaubte, systemtreu wie er war, bis zu seiner Erschiessung am 22. April 1942, dass seine vierjährige Haft im Gulag ein Missverständnis war. An solchen einzelnen Schicksalen veranschaulicht die Zürcher Schau geschickt Geschichte.

Eine Übersicht über die chaotischen Ereignisse und Zustände zwischen 1900 und 1938 bieten ausführliche Timelines mit den wichtigsten Informationen an den grossflächigen Wänden. Die Räume und Kojen in der neuen Ausstellungshalle sind thematisch gegliedert und von den Kuratorinnen Pascale Meyer, Regula Moser und Anna-Sabina Wälli so eingerichtet, dass sie fürs Auge genauso viel bieten wie für den Intellekt. Wer etwa den Originalschreibtisch von Lenin aus der Spiegelgasse 14 entdeckt, wird etwas später darüber belehrt, was er darauf gelesen hat: Ein Karteikasten enthält die Zettel, auf denen die in der Bibliothek ausgeliehenen Bücher verzeichnet sind. Lenins Interesse war breit gestreut: Er las Naturwissenschaftliches genauso wie Historisches – auf Französisch, Deutsch und Russisch. Er war ein gebildeter, ein asketischer Mann, der sich nach seiner Rückkehr in seine Heimat radikalisierte und dort die von Hegel beschriebene Schattenseite der Revolution entdeckte und praktizierte: den Terror.

Roter Blutsauger

Schon im Januar 1918 erklärte Lenin, der seine bolschewistische Partei immer mehr wie eine Armee führte: «Wenn wir gegen die Spekulanten nicht den Terror einsetzen, sie an Ort und Stelle erschiessen, wird nichts geschehen.» Das war ein Freibrief für seine Leute im Bürgerkrieg gegen die Weisse Armee. Früh gab es aber auch Kritik am Revolutionsführer. Ein Rotarmist schrieb in einem Brief am 25. Dezember desselben Jahres: «Du kamst als Blutsauger und nahmst den Menschen die Freiheit.» Doch Lenin liess sich von seinem radikalen Kurs nicht abbringen, im Gegenteil, er sah sich selbst und sein Handeln als Teil des notwendigen Geschichtsprozesses: «Die sowjetische sozialistische Demokratie ist mit einer Einpersonenführung oder Diktatur nicht unvereinbar.» So kehrte der Zar als Revolutionär zurück.

Die Ausstellung «1917 Revolution. Russland und die Schweiz» wird morgen Freitag im Landesmuseum Zürich eröffnet und dauert bis zum 25. Juni 2017. Ausser dem Katalog gibt es einen lesenswerten Essayband zum Thema.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 22.02.2017, 18:44 Uhr)

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