Von Frankensteins Monster zum Chatbot

Der Strauhof widmet sich zum 200. Geburtstag von Mary Shelleys Roman menschenähnlichen Nachschöpfungen und künstlichen Intelligenzen.

Die erste Tonverfilmung des romans von Mary Shelley: «Frankenstein» (1931) mit Boris Karloff

Die erste Tonverfilmung des romans von Mary Shelley: «Frankenstein» (1931) mit Boris Karloff Bild: AKG

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Frankensteins Monster ist zwar namenlos – im Roman wird er immer nur mit vier Strichen bezeichnet –, aber unzweifelhaft ein Mann. «----» ist fast 2,50 Meter gross und ursprünglich ein friedlicher Veganer, ehe ihn die Abneigung seiner Umwelt zum Wüterich und Mörder macht. Der Wissenschaftler, der ihn aus Leichenteilen zusammensetzte, Victor Frankenstein, ist nach dem Willen seiner Erfinderin Schweizer: Die Initialzündung für ihren Roman erhielt Mary Shelley in der Schweiz, in der Villa Diodati bei Genf.

Das war vor genau 200 Jahren, als sich dort ein paar romantische Künstler aus England gegenseitig Gruselgeschichten erzählten und die gerade 18-jährige Mary dabei auf jene geniale Kombination aus «Gothic Story» und Science-Fiction kam, die Schriftsteller, Comiczeichner und Filmemacher bis heute inspiriert: jene Vision eines von Menschen geschaffenen Geschöpfs, das der Kontrolle seines Schöpfers entgleitet. Eine Parabel auf den Menschen selbst, auf seine Grenzen, seine Zukunft? Und hat die Vision mit Robotern und künstlicher Intelligenz ihre Verwirklichung gefunden?

Nach- und weiterdenken

All diese Aspekte berührt die Ausstellung «Frankenstein. Von Mary Shelley zum Silicon Valley», die Roland Fischer, Rémi Jaccard und Philip Sippel im Zürcher Strauhof eingerichtet haben. Mehr als antippen können sie diese in den engen Räumen zwar nicht. Aber sie geben genug Anregungen, um die Besucher nach- und weiterdenken zu lassen. Im Erdgeschoss dürfen sie sich etwa mit einem Chatbot, einem Gesprächsroboter, austauschen und dem Interview mit dem Entwickler von «Mitsuku» lauschen, der die Chatbot-Weltmeisterschaft (auch das gibt es) schon mehrfach gewonnen hat. Dabei kommuniziert ein Richter mit zwei Gesprächspartnern und muss herausfinden, welcher ein Mensch undwelcher ein mit Dialogelementen gefütterter Sprachroboter ist.

Für diese Chatbots gibt es «Personality Designer», sogenannte Crafter, die ihnen eine «Persönlichkeit» schneidern; die Satzbausteine schreiben echte Schriftsteller oder Drehbuchautoren. Auch eine «Crafterin» wurde von den Ausstellungsmachern befragt – wie überhaupt es im Strauhof diesmal mehr zu schauen und zu hören als zu lesen gibt. Was hat, wenn die künstliche Intelligenz ihre Rechenleistung ins Unermessliche steigert, der Mensch ihr noch voraus? Gefühle, Bewusstsein, Identität?

Komplexes Doppelthema

Mit mehr Fragen als Antworten steigt man die Treppe hoch ins Obergeschoss, wo es dann ganz um Mary Shelleys Roman geht und sich die kulturhistorische Kompetenz der Macher deutlicher ausdrücken kann. Man erhält, unterstützt von Experten wie Elisabeth Bronfen und Philipp Theisohn (im Video-Interview), das Bild einer überaus lebenstüchtigen, für ihre Zeit erstaunlich emanzipierten Frau, die 16-jährig mit dem damals noch verheirateten Dichter Percy Shelley durchbrannte, durch halb Europa streifte und nach Shelleys frühem Tod sich und ihre Kinder als freie Autorin allein durchbrachte.

Wir dürfen im Faksimile des Manuskripts blättern, sehen die zentrale Erweckungsszene im Film, Plakate mit dem unvergesslichen, Schrecken wie mitleiderregenden Boris Karloff, hören Auszüge aus dem Roman, englisch und deutsch (die gesamte Ausstellung ist zweisprachig). Auch hier oben holt die künstliche Intelligenz uns ein, mit dem Hinweis auf ein automatisches Auto, das in Arizona eine Fussgängerin überfahren hat, und die sich daran anknüpfenden Fragen moralischer Verantwortung. Ein Kapitel über den politischen Missbrauch von Socialbots in verschiedenen Wahlkämpfen hätte auch nicht geschadet, aber natürlich überfordert das komplexe Doppelthema auch grössere Ausstellungen.

Und wie wird die Roboterzukunft gendermässig aussehen? Siri und Alexa, die aktuell populärsten digitalen Assistenten, sind weiblich, HAL, der sich verselbstständigende Supercomputer in Kubricks «2001», war wohl ein «Mann». Künftige künstliche Intelligenzen können sich neuerdings fürs dritte Geschlecht entscheiden. Eine Extra-Toilette brauchen sie jedenfalls nicht.

«Frankenstein. Von Mary Shelley zum Silicon Valley» Bis 13. Januar 2019. Mehr Informationen zur Ausstellung und zum Begleitprogramm: www.strauhof.ch

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.10.2018, 09:43 Uhr

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