Von Meilen nach London

Miniaturen des Sammlers Ernst Holzscheiter kommen bei Christie’s unter den Hammer.

Verstarb 1962 mit 83 Jahren: Ernst Holzscheiter. Foto: PD

Verstarb 1962 mit 83 Jahren: Ernst Holzscheiter. Foto: PD

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Seufzend nähte die Mutter dem kleinen Ernst die Hosensäcke zu. Der Bub, er ging noch nicht einmal in die Schule, hatte die Taschen ständig mit so viel Steinen, Schneckenhäuschen und anderem Krimskrams vollgestopft, dass die drakonische Erziehungsmassnahme angemessen erschien. «Die Freude am Sammeln muss bei mir schon früh kräftig entwickelt gewesen sein», erinnerte sich Ernst Holzscheiter gegen Ende seines Lebens. Am Mittwoch versteigert das Auktionshaus Christie’s in London die letzten, wertvollsten Stücke aus Holzscheiters Sammlung von 700 Kleinstgemälden.

Ältere Leute in Meilen erinnern sich noch an den 1962 mit 83 Jahren verstorbenen Ernst Holzscheiter. Er sei stets bescheiden aufgetreten, obwohl er als Patron einer Gummi- und Lederwarenfabrik im Dorf am Zürichsee zu solidem Wohlstand gekommen war.

Die Sammelleidenschaft des Schulbuben (Briefmarken, Kupfermünzen, Versteinerungen) wurde abgelöst durch den «Wandertrieb», wie Holzscheiter sich ausdrückte. Den Berg- und Wandertouren machte zuerst ein Unfall ein Ende, dann ein anstrengendes Unternehmerleben.

Miniaturporträts von Fotografie abgelöst

Der Sammlertrieb schlummerte aber nur vorübergehend. Den Auftakt zu seiner Miniaturenkollektion konnte Holzscheiter ein Leben lang auf den Tag genau datieren: Am 3. September 1918 schenkte der damals 40-Jährige seiner Frau ein vier auf vier Zentimeter grosses Medaillon mit dem Bildnis einer blonden Frau. Das Interesse an dieser Kunstgattung war geweckt.

Miniaturporträts entstanden vornehmlich seit dem 16. Jahrhundert, als sich der Sinn für den Wert der individuellen Persönlichkeit ausbildete, zusammen mit dem Wunsch, sie in transportablem Format bildlich festzuhalten. «In der beglückenden menschliche Nähe», die in den Miniaturen zum Ausdruck kommt, sagte Holzscheiter, «lag die innerste Ursache meiner nie versiegenden Freude an Kleinbildnissen.» Im 18. und 19. Jahrhundert kam die Miniaturmalerei zu ihrer grössten Blüte – bis die Erfindung der Fotografie der Kunstform die Bedeutung nahm.

Kunstkataloge statt Bergtouren

Über vier Jahrzehnte hinweg kaufte und ersteigerte Holzscheiter seine Sammlerstücke. Immer wollte er dabei möglichst viel über die Abgebildeten und die Künstler in Erfahrung bringen. Statt auf Bergtouren, auf die er nach seinem Unfall verzichten musste, ging Holzscheiter auf Erkundungsexpeditionen durch Kunstkataloge und Lexika. Gern lieh er seine Schätze an Museen aus, stand im Kontakt mit anderen Sammlern und hielt Vorträge.

Holzscheiters Betrieb ist heute längst verschwunden, die Fabrik dem Erdboden gleichgemacht. Seine Nachkommen haben sich nach und nach von der Sammlung getrennt. Mit der Auktion vom Mittwoch hört sie definitiv auf zu existieren. Der Christie’s-Katalog ist ihr letztes Denkmal, in Hochglanz auf Kunstdruckpapier.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 01.07.2018, 19:13 Uhr

Artikel zum Thema

Ein Jahresplan für Kunstenthusiasten

Nach Berlin zur Biennale? Nach Palermo zur Manifesta? Oder nach Basel zu Beyeler? Das Kunstjahr 2018 bietet vielerlei Höhepunkte, weit weg und vor der Haustür. Mehr...

Auf dem Unterdeck der Schweizer Kunst

Sollen Museen Bilder von Künstlern zeigen, die heute niemand mehr kennt? Eine wunderbare Ausstellung im Kunsthaus Aarau sagt: Unbedingt! Mehr...

Ansetzen zum Höhenflug

Künstlerisch war die Militärzeit für Paul Klee extrem fruchtbar, wie nun eine Ausstellung im Zentrum Paul Klee zeigt. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

Abo Digital Light - 18 CHF im Monat

Unbeschränkter Zugang auf alle Inhalte und Services (ohne ePaper). Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Blogs

Von Kopf bis Fuss So einfach geht gute Verdauung

Geldblog So vergolden Sie sich Ihren Lebensabend

Die Welt in Bildern

Grossflächig: Der für seine in die Landschaft integrierten Kunstwerke bekannte französische Künstler Saype zeigt im Park La Perle du Lac sein Werk «Message from Future». (16. September 2018)
(Bild: Valentin Flauraud) Mehr...