Warum die Japaner Heidi lieben

Das Landesmuseum zeigt in einer Ausstellung, wie das Bild der Schweiz vom Fernen Osten aus um die Welt ging.

Heidis idyllische Welt: Blick in die Ausstellung im Landesmuseum. Foto: Schweizerisches Nationalmuseum

Heidis idyllische Welt: Blick in die Ausstellung im Landesmuseum. Foto: Schweizerisches Nationalmuseum

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Muss man erst in die Ferne schweifen, um das, was man in der Nähe hat, gebührend zu würdigen? Erfahrungsgemäss spricht vieles dafür. Erstaunlich ist allerdings, dass sich dieses Phänomen auch auf erfundene Figuren übertragen kann. So erlebt man das jedenfalls bei «Heidi in Japan» im Zürcher Landesmuseum.

Die kleine Ausstellung beginnt mit der Geschichte von vier Japanern, die 1973 die Schweiz besuchten und nach Maienfeld und Bad Ragaz fuhren, um sich dort Landschaften, Kinder, Senioren, Pferdewagen und allerlei Alltagsgegenstände anzusehen. Das ist auf Fotos und Skizzen reichlich dokumentiert. Die Männer machten einen «Lokehan», so heisst das in Japan, wenn ein Filmteam zwecks realistischer Darstellung der Verhältnisse vorab auf Recherche geht.

Die japanische Trickfilmserie «Alpenmädchen Heidi» wurde 1974 zum ersten Mal ausgestrahlt. Im Bild zu sehen: Das Layout dazu. Bild: Yoichi Kotabe

Die vier Männer hiessen Isao Takahata, Junzo Nakajima, Yoichi Kotabe und Hayao Miyazaki, und sie schufen 1974 mit «Heidi» eine 52-teilige Animationsfilmserie (Japanisch: Anime), die in über 20 Sprachen übersetzt wurde und weltweit Millionen von Zuschauern erreichte. Auch in der Schweiz wurde die Serie ausgestrahlt, und es gab damals nicht wenige Kinder, die durch die Serie erstmals von jenem Schweizer Mädchen erfuhren, das Johanna Spyri Ende des 19. Jahrhunderts erfunden hatte. Heidi kehrte somit als japanische Kunstfigur zurück in die Heimat, und das kurzhaarige Mädchen mit den roten Backen prägte nicht nur in der Schweiz, sondern weltweit das Bild von einem idealisierten Leben in der Natur. In Japan, einem hoch industrialisierten Land, fand diese Idylle enormen Anklang.

Trickfilme waren Handarbeit

Die Ausstellung, die von Professor Hans B. Thomsen von der Uni Zürich kuratiert wurde, ist eher dokumentenlastig, ermöglicht dadurch aber einen guten Einblick in die Trickfilmproduktion der Siebzigerjahre. Damals wurde alles in Handarbeit gefertigt: Von den Figuren, ihren Augen und Mündern wurden Tausende von Folien angefertigt, die dann auf mit Wasserfarbe gemalte Hintergründe gelegt und – mit kleinsten Veränderungen des Ausdrucks – immer wieder abfotografiert wurden.

Der Stil ist einfach, aber einprägsam: Die Zeichner von Heidi trugen Animes damit in die Welt. Bild: Schweizerisches Nationalmuseum

Angesichts heutiger Computeranimationen mag man über die damalige Technik lächeln. Aber man sollte nicht vergessen: Die einstigen «Heidi»-Macher prägten mit ihrem simplen und präzisen Stil eine Ästhetik, die die weltweite Rezeption von Animes und Mangas begünstigte. Yoichi Kotabe war später bei der Entwicklung von «Super Mario» oder «Pokémon» beteiligt. Und Isao Takahata begründete das Animationsfilmstudio Ghibli, für welches der Mitgründer und Regisseur Hayao Miyazaki unter anderem die gespenstische Coming-of-Age-Geschichte «Spirited Away» («Chihiros Reise ins Zauberland») schuf, die 2003 einen Oscar gewann. Ohne den Welterfolg von «Heidi» dreissig Jahre zuvor wäre das nicht möglich gewesen.

«Heidi in Japan»: Landesmuseum Zürich. Bis 13. Oktober.

Erstellt: 29.07.2019, 11:17 Uhr

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