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Warum wir den 1. August auch im November feiern könnten

Was historische Quellen über den Schweizer Nationalfeiertag verraten: Fünf Fragen und Antworten zum Bundesbrief.

Gründungsurkunde der Eidgenossenschaft oder Beweisstück, dass der Vogt in seinem Territorium alles im Griff hat? Der Bundesbrief wirft zahlreiche Fragen auf. Bild: Bundesbriefmuseum Schwyz
Gründungsurkunde der Eidgenossenschaft oder Beweisstück, dass der Vogt in seinem Territorium alles im Griff hat? Der Bundesbrief wirft zahlreiche Fragen auf. Bild: Bundesbriefmuseum Schwyz

Auf Anhieb klingt es wie eine plumpe Provokation, eine mutwillige Verletzung patriotischer Empfindlichkeiten: die Behauptung, wir könnten den Schweizer Nationalfeiertag genauso gut im November feiern. Genauer gesagt am 8. oder am 19., je nachdem, ob man nun den Rütlischwur (8. November) oder die Ermordung Gesslers feiern will (19. November). Auch könnte man sagen, dass die Schweiz heute erst 711 Jahre alt sei – und nicht etwa 727, wie jedes (einstige) Schulkind nachrechnen kann, dem man mal eingebläut hat, die Schweiz sei «anno domini» 1291 begründet worden.

Wer angesichts der erwogenen Umdatierung des Schweizer Nationalfeiertags auf November schon mal präventiv «Landesverräter!» zischt, die Verletzung seiner vaterländischen Gefühle bei der Krankenkasse anmeldet, die Mistgabel aus der Garage holt oder gleich die Wiedereinführung der Todesstrafe fordert (in der Schweiz letztmals vollstreckt 1940 in Sarnen), der sei daran erinnert, dass man in Altdorf noch 1895 trotzig das Jahr 1307 in den Sockel des Telldenkmals meisseln liess.

Das Telldenkmal in Altdorf wurde am 28. August 1895 eingeweiht (Foto: Gaetan Bally, Keystone).
Das Telldenkmal in Altdorf wurde am 28. August 1895 eingeweiht (Foto: Gaetan Bally, Keystone).

Das Telldenkmal in Altdorf ist bis heute die sichtbarste Spur, dass man sich in Sachen Nationalfeiertag in der Schweiz längere Zeit uneinig war. Und zwar über den Dezember 1889 hinaus, als der Bundesrat das Veranstalten einer «nationalen Säkularfeier» beschloss. Der Entscheid, erstmals am 1. August 1891 einen Nationalfeiertag auszurichten, wurde im jungen Bundesstaat heftig kritisiert, etwa von der «Züricher Post», die sich damals wirklich so schrieb und in einem Artikel von einem «Zimmergewächs der Gelehrten und Beamtenstuben» sprach; «im Volksbewusstsein aber ist er nirgends lebendig», weshalb er weiterhin an «die Sterne des Rütli im Wintermond 1307» erinnern wollte. Noch etwas widerständiger scheinen die Urner gewesen zu sein, die ihre 600-Jahr-Feier im Jahr 1907 nachholten – und sich dabei auf den Glarner Aegidius Tschudi berufen konnten, der in seiner Schweizerchronik genaue Daten nennt: Gemäss seiner Chronik, die in den 1550er-Jahren entstand, fand der Rütlischwur am 8. November 1307 statt; Tells Apfelschuss habe sich zehn Tage später, am 19. November 1307, ereignet.

«Deshalb ein entlicher Tag aber angesetzt ward in das Rütlin, und solt jeder der gemelten dry Eidgenossen mit Im bringen 9. oder 10. Mann die Wysesten und Anschlägigsten ein entlichen Beschluss und Ratschlag ze tun, uff welche Zit si die Sach agryffen weltind. Dise nächtliche Tagleistung ward gehalten auf Mittwuch vor Sant Martins-Tag.» (Aegidius Tschudi: Letzte Fassung des Chronicon Helveticum, Glarus 1571–1572, Zentralbibliothek Zürich. Klicken Sie auf den Text, um das Dokument zu vergrössern. Oder hier, um in der Chronik zu blättern.)

Aegidius Tschudi hat für seine Chronik systematisch nach Quellenmaterial gefahndet, aber, so könnte man einwenden, den Bundesbrief wohl nicht gekannt. Also jenes Dokument, worin die Gründung der Schweiz doch so klar und deutlich auf den 1. August 1291 datiert wird. Aber stimmt das wirklich? In der Urkunde selbst erscheint als Datum die Formulierung «incipiente mense augusto», was mit «Anfang des Monats August» zu übersetzen ist. Auf der Rückseite des Briefs hat jemand das Datum präzisiert: «1291 den ersten Augusti». Dies geschah aber wohl erst im 17. Jahrhundert, als die Urkunde bereits archiviert war. Auch sonst gibt es zahlreiche nachträgliche Hinzufügungen und Ausschmückungen, aber auch Unklarheiten, offene Fragen und Merkwürdigkeiten, die mit dem Bundesbrief verbunden sind:

  • Wer hat den Brief verfasst? Anders als bei anderen Dokumenten aus der Zeit um 1300 kann der Verfasser des Briefes aufgrund der Schrift bis heute nicht identifiziert werden, was bei einem Dokument, dem später ein so hoher Rang zugeschrieben wurde, eher ungewöhnlich ist. Der Brief ist zudem in einem verworrenen Latein mit zahlreichen Abkürzungen abgefasst. Das stärkt die Vermutung, der Brief könnte allenfalls aus dem Deutschen rückübersetzt worden sein. Tatsächlich existiert in Stans eine deutsche Übersetzung, die auf die Wende vom 14. zum 15. Jahrhundert datiert wird.
  • Von wem handelt der Brief? Im Brief selbst werden weder Orte noch Personen genannt. Die Rede ist lediglich von den «homines vallis Uranie» und den «universitas vallis de Switz», also von den Urnern und den Schwyzern. Doch wer sind die «communitas [!] hominum Intramontanorum Vallis Inferioris», – die Nidwaldner? Eine der vielen offenen Fragen, die immer dann kaschiert wird, wenn die drei Eidgenossen Werner Stauffacher, Walter Fürst und Arnold von Melchtal ihren Auftritt haben, was erstmals in Texten aus dem 16. Jahrhundert der Fall ist. Bemerkenswert ist auch die Tatsache, dass sich der Brief nur in einer Fassung erhalten hat, was zwar nicht ungewöhnlich, aber bei einem Dokument, das ein Dreierbündnis begründen soll, zumindest bemerkenswert ist. Wirklich ungewöhnlich ist die Reihenfolge der Siegel: Im Text des Bundesbriefes wird Uri zuerst genannt, aber zuvorderst wird das verlorene Siegel von Schwyz gehangen haben.
  • Wozu wurde der Brief verwendet? Der Bundesbrief nimmt Bezug auf ältere Abmachungen («antiquam confederationis formam»), wird aber selbst nicht in späteren Bündnissen erwähnt. Weder in jenem Bund, den Zürich, Uri und Schwyz im Oktober 1291 eingegangen sein sollen, noch im Morgartenbrief von 1315, auf den später wiederholt Bezug genommen wird. Auch die deutsche Übersetzung des Bundesbriefes scheint lange Zeit unbekannt gewesen zu sein. In den ersten Jahrhunderten nach ihrer Entstehung wird die Übersetzung nachweislich nur ein Mal verwendet, und zwar in einer Streitigkeit zwischen Nidwalden und Obwalden aus dem Jahr 1616. Damals verlangten die Nidwaldner vor einem Schiedsgericht, dass sie gleichberechtigt behandelt werden – mit Verweis auf die deutsche Übersetzung des Bundesbriefes, die sie als Kopie beim Gericht einreichten. Die Obwaldner nahmen die Nidwaldner und ihre Urkunde jedoch nicht ernst, «da moussten wir lachen», war ihre Reaktion; sie favorisierten weiterhin die Version von Tschudi, in welcher der Obwaldner Arnold von Melchtal als einer der drei Eidgenossen auf dem Rütli zum Schwur antritt, und forderten von den Nidwaldnern auch deshalb die Rücknahme oder Vernichtung der Bundesbrief-Übersetzung. Es kann nicht ausgeschlossen werden, dass die Schiedsorte Schwyz, Uri und Luzern damals dieser Forderung nachgekommen sind.
  • Eine Fälschung? Der Verdacht, beim Bundesbrief könnte es sich um eine Fälschung handeln, kommt bereits im 18. Jahrhundert auf: Der Historiker Thomas Fassbind (1755–1824) schreibt in seiner Schwyzer Geschichte, es handle sich bei dem Brief um ein «seltsames Dokument»: Es «scheint mir dieses monument in vil stücken seiner autenticitet halber verdächtig», heisst es bei Fassbind. Der Fälschungsverdacht kann zumindest teilweise ausgeräumt werden: Eine Analyse mit der Radiokarbonmethode hat ergeben, dass das Pergament des Briefes auf die Jahre 1252 bis 1312 zu datieren ist (zu 85 Prozent); unwahrscheinlicher, aber nicht ganz ausgeschlossen ist es, dass das Papier aus den Jahren 1352 bis 1382 stammt (dies zu 15 Prozent). Mit der Radiokarbonmethode kann jedoch nicht nachgewiesen werden, wann das Pergament beschriftet wurde.

Sicher scheint nur, dass der Bundesbrief mehrere Jahrhunderte im Archiv lagerte, ohne dass er beachtet wurde oder gar allgemein bekannt war. Wiederentdeckt wurde der Brief 1724, als er auch in der Registratur des Archivs von Schwyz verzeichnet wurde. Dort entdeckte ihn der Basler Gelehrte Johann Heinrich Gleser (1734–1773), der das lateinische Original und die deutsche Übersetzung des Briefes 1760 drucken liess und sich davon die Aufnahme in die Helvetische Gesellschaft erhofft haben soll. Erst 1891, als der Nationalfeiertag auf den 1. August festgelegt und eine 600-Jahr-Feier abgehalten wurde, erhielt der Bundesbrief eine stark identitätsstiftende Bedeutung, seinen heutigen Verwendungszweck; seit 1936 wird er im Bundesbriefmuseum aufbewahrt als «Nationalreliquie». So zumindest der Historiker Roger Sablonier in seinem Standardwerk zur Innerschweiz um 1300.

Roger Sablonier verstarb 2010. Sein Buch über die «Gründungszeit ohne Eidgenossen» von 2008 markiert aber bis heute den Forschungsstand, der selbstverständlich auch im Bundesbriefmuseum von Schwyz vermittelt wird: Sablonier hält es zwar durchaus für wahrscheinlich, dass die Innerschweizer sich nach dem Tod König Rudolfs von Habsburg im Jahr 1291 gegenseitig die Herrschaft zugesichert haben könnten. Noch besser passe der Bundesbrief aber auf die politische Konstellation von 1309, als es nach dem Mord an König Albrecht und dem Tod der Elisabeth von Rapperswil zu zahlreichen Konflikten kam, etwa zum «Seekrieg» zwischen dem habsburgischen Luzern und den Talleuten aus Urseren, ein Konflikt, an dem auch die Urner beteiligt waren. Das war ein Problem für Graf Werner von Homberg, der von König Heinrich VII. als Reichsvogt für die Waldstätte eingesetzt wurde: Der Graf wollte dem König beweisen, dass er seine Vogtei unter Kontrolle hatte. Deshalb liess er die Urkunde aufsetzen, die wir heute als Bundesbrief kennen, eigentlich aber nichts anderes als eines der zahlreichen Landfriedensbündnisse ist, mit denen Ruhe und Ordnung geschaffen werden sollte. Um diese Funktion zu betonen, wurde der Bundesbrief auf den August 1291 zurückdatiert. Also auf die Zeit nach dem Tod König Rudolfs, als grosse Unsicherheit herrschte. Homberg legte das Dokument dem König vor, womit es seinen Zweck erfüllt hatte: Als Beweis, dass der Vogt alles im Griff hatte. Danach konnte das Dokument wieder vergessen werden, was dann ja auch geschah. So zumindest die These von Roger Sablonier zum Landfriedensbündnis, das wir heute als Bundesbrief kennen.

Wir danken dem Bundesbriefmuseum in Schwyz für seine Hilfe bei der Erarbeitung dieses Artikels. Das Museum ist von Dienstag bis Sonntag geöffnet; am 1. August finden um 14 Uhr 30 und 15 Uhr 30 öffentliche Führungen statt, auf denen jeweils der Frage nachgegangen wird, «wie der erste August entstand». Weitere Informationen finden Sie hier.

Roger Sablonier: Gründungszeit ohne Eidgenossen. Politik und Gesellschaft in der Innerschweiz um 1300. 4. Auflage. Baden, Hier + Jetzt 2013, 288 Seiten, Fr. 48.–

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