Was auf einem Boden aus Wut wächst

Goncourtpreisträger Nicolas Mathieu erzählt in seinem Roman «Wie später ihre Kinder», wie es zum Rechtspopulismus in der französischen Provinz kam.

Hier wächst nur noch Gras: Stillgelegtes Stahlwerk im Département Moselle. Foto: Alamy

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Ein grosses Gesellschaftsporträt. Ein Roman, der vom Rand der Gesellschaft aus ins Zentrum unserer politischen Krise zielt: Wie kann es sein, dass die Rechtspopulisten mitten in Europa so erfolgreich sind? Dass so viele das Gefühl haben, abgehängt zu sein? Na, schaut euch die fiktive Kleinstadt Heillange an, da wurde in den Neunzigern die Grundlage für das aktuelle Desaster gelegt.

«Wie später ihre Kinder» ist allerdings kein politischer Roman, der seinen Figuren sozialpolitische Thesen überwirft wie Mäntel, die ihnen zu gross sind. Nicolas Mathieu bleibt dicht an seinen jugendlichen Figuren, Hacine, Steph und Anthony, vier brütend heisse Sommer lang, 1992, 1994, 1996, am Ende läuft alles auf das WM-Finale '98 zu, das kurze euphorische Zwischenhoch im grossen Niedergang. Plötzlich flackert ein «Wir» auf, aber am nächsten Morgen ist dann doch nur der Plastikmüll übrig.

Anthony ist 14. Sein Körper ist eine hormonelle Überdruckkammer, auf der anderen Seite des Sees soll es einen FKK-Strand geben, er muss da hin und klaut mit seinem Cousin ein Kanu. Als sie drüben ankommen, stimmt das mit FKK zwar nicht, aber immerhin finden sie zwei Mädchen, Steph und Clem, grazil, mit Pferdeschwanz, irgendwie sehr viel cooler als die beiden tumben, notgeilen Jungs.

Feine Unterschiede am Baggersee

Pierre Bourdieus feine Unterschiede, aber nicht im Zentrum von Paris, sondern an einem namenlosen Baggersee. Anthony spürt diese Unterschiede, ohne sie benennen zu können, die Souveränität der Mädchen, ihre Bewegungen, die Kleidung. «Er hätte es nicht in Worte fassen können, aber es hinterliess bei ihm einen eigenartigen Eindruck von Schuld, Unzulänglichkeit, Schäbigkeit.»

Am selben Abend gibt es eine Party. Anthony und sein Cousin nehmen heimlich das Moped von Anthonys Vater, einem cholerischen Alkoholiker, am Ende der Party ist es weg, geklaut von Hacine, dem Sohn eines Marokkaners. Die Begegnung mit Steph wird ein jahrelanges vergebliches Begehren zur Folge haben. Und der Mofaklau wird eine Feindschaft in Gang setzen, eine Ehe zerstören, Gewalt, Gefängnis, Selbstmord. Hacine wird nach Marokko gehen müssen. Ganz am Ende aber ist es wie bei Monopoly, alle wieder auf Los, bloss leider ohne Geld.

Anthony, Steph und Hacine. Vier Sommer. Sechs Jahre. 442 grossformatige Seiten. Man muss beim Lesen Geduld mitbringen, der Autor Nicolas Mathieu lässt die stumpfe Kleinstadtlangeweile auch einfach mal wirken. Das ganze Tal liegt dumpf da wie ein ausgeweidetes Tier. Jeder kennt jeden, Heillange wirkt wie eine gebaute Lebenssackgasse, der Alltag wie ein Parkplatz, monoton, grau und leer, über den Wildwuchs der Kindheit hat sich der Teer einer linkischen Coolness gelegt.

Beim Arbeitsamt kommen sie dem ausgemusterten Stahlarbeiter mit Begriffen wie Soft Skills und Kundenzufriedenheit.

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Aber während man beim Lesen noch denkt, jetzt mach mal hin, setzt sich das Ganze in Bewegung, wie ein schwerer Zug, der langsam Fahrt aufnimmt, um dann aber quer durchs ganze Land und ein Jahrzehnt zu fahren. Diese paar Monate, das sind die Neunzigerjahre, dieses öde Kaff, das ist Frankreich, und jeder Franzose wird bei Heillange, dem fiktiven Namen der Kleinstadt, das echte Hayange in der Nähe der deutsch-luxemburgischen Grenze mitdenken, eine der ersten Städte, in denen es der Front National geschafft hat, das Bürgermeisteramt zu erobern.

Anthony, Steph und Hacine werden gross in einer Welt, die es nicht mehr gibt. Die Anekdoten der Eltern sind ähnlich rostig wie die Stahlfabrik, die früher allen Arbeit gab und jetzt wie ein Dinosaurierskelett über dem Tal thront.

Anthonys Vater Patrick hat hier am Ofen gearbeitet. Jetzt steht er Schlange bei den Zeitarbeitsfirmen, wenn er Glück hat, darf er Getränkeautomaten auffüllen, aber er hasst die lächerliche Firmenkleidung, «das T-Shirt und die Jacke von Districan, das ging ja noch. Aber diese schlecht sitzende Mütze im Corporate Design, rot und angeblich verstellbar, da hörte es für ihn auf». Er führt Krieg gegen diese Mütze, stellvertretend für seinen Frust über eine Zeit, in der sie ihm beim Arbeitsamt mit Begriffen wie Soft Skills und Kundenzufriedenheit kommen.

Der Front National wird die Wut melken

Anthony sieht die mickrige Hoffnungslosigkeit seiner Familie, «sie wurden entlassen, geschieden, betrogen und bekamen Krebs. Sie waren ganz schön normal und alles andere kam sowieso nicht infrage. So wuchsen die Familien wie Pflanzen auf einem Boden aus Wut.» Der Front National wird diese Wut bald schon melken wie giftige Milch. Mathieu ist meist sehr nah an diesen Jugendlichen, die selbst eigentlich nie hinauskommen über stumpfe Verstehensanfänge. Aber immer wieder zoomt er aus den trüben Gedanken eines halbstarken Langweilers nach hoch oben, in die Vogelperspektive. Das ist die Stärke und der Trick dieses Buchs.

Harry Angstrom, die Hauptfigur in John Updikes Rabbit-Tetralogie, ist im Grunde auch blind für sein eigenes Schicksal, und dennoch werden hinter seinem Rücken letztgültige Sätze über den leeren Alltag der Mittelklasse im Zeitalter des Konsumismus formuliert.

Nicolas Mathieu ist ein Seelenverwandter von Edouard Louis und Didier Eribon.

Nicolas Mathieu bekam für diesen Roman 2018 den Prix Goncourt. Zum einen, weil er damit so etwas wie literarische Grundlagenforschung zum Aufstieg des Brutalo-Populismus betreibt. Zum anderen, weil er dank seiner Beschreibungsgenauigkeit ein ganzes Jahrzehnt auferstehen lässt, von der Musik und dem Slang über das Technokratengewäsch bis hin zu Einkaufsketten, Marken, Drogenvertriebswegen.

Die beiden Übersetzer Lena Müller und André Hansen haben das enorm gut im Deutschen wiedergeben, nur im Jugendslang fragt man sich zuweilen, ob sie sich nicht doch um ein, zwei Jahrzehnte vergriffen haben. Hat man 1994 einander schon «Alter» genannt?

Nicolas Mathieu ist ein Seelenverwandter von Edouard Louis und Didier Eribon. Wie sie will er eine Welt zu Wort kommen lassen, die normalerweise meist ausgeblendet wird. Wie sie stammt er selbst aus sehr einfachen Verhältnissen, aus Épinal, einer Kleinstadt in Lothringen, und wuchs in den leer geräumten Kulissen des einstigen Wirtschaftswunders auf. Wie sie kennt er die brutalen Auswahlmechanismen des französischen Schulsystems, das immer noch an der Fiktion von der republikanischen Gleichheit festhält.

Nur eine schafft den Absprung

Das Einzige, was die Jugendlichen in seinem Roman eint, ist der Wunsch, aus Heillange rauszukommen. Aber nur Steph wird den Absprung schaffen, erst in eine Pariser Kaderschmiede, ab da liegt das Leben vor ihr wie ein schillerndes Versprechen. Anthony und Hacim kriechen, jeder nach seinem eigenen missglückten Ausbruchsversuch, wieder in Heillange unter. Was ihnen bleibt, ist, wie es im letzten Satz heisst, «die sanfte Beklemmung, dazuzugehören.»

Nicolas Mathieu: Wie später ihre Kinder. Roman. Aus dem Französischen von Lena Müller und André Hansen. Hanser, München 2019. 448 S., ca. 36 Fr.

Erstellt: 29.10.2019, 13:30 Uhr

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