Was Blinde sehen

Sophie Calle fotografiert das Sehen der Blinden. Eine aussergewöhnliche Ausstellung im Fotomuseum Winterthur.

Sophie Calle, was sehen Sie? Landschaft mit einem Obelisken. © Sophie Calle/ADAGP Paris 2019; Photo: Claire Dorn/Courtesy Perrotin

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Sie war auch schon frivoler. Sophie Calle, die 65-jährige Pariserin mit einem untrüglichen Sinn für charmante Inszenierungen, hat für ihre erste grosse Ausstellung in der Schweiz eine Auswahl der Werke getroffen, die in ihrer Strenge fast schon asketisch wirkt. Dabei war sie doch immer die verspielte Verführerin unter den zeitgenössischen Künstlerinnen. Sie lockte mit Indiskretionen, verwickelte die Bewunderer ihrer Kunst in pikante Beobachtungsspiele, lud Menschen ein, in ihrem Bett zu schlafen, oder gab den Abschiedsbrief ihres Lovers der Öffentlichkeit preis, indem sie andere Frauen darüber fantasieren liess (als Vertreterin Frankreichs an der Kunstbiennale von Venedig 2007).

Und jetzt, in Winterthur, dieser gewisse Blick, «Un certain regard», eine karge, aufs Wesentliche konzentrierte Schau. Kein Locken, kein Versteckspiel, wenig Beiwerk. Höchstens im letzten Saal, in dem man Fotografien, welche auf einem schwarzen Vorhang beschrieben sind, erst nach dem Anheben desselben sehen kann, meint man noch dieses typische Lachen zu hören, mit dem Sophie Calle uns ihre Experimente oft schmackhaft macht.

Das prickelnde Gefühl beim «Lüpfen des Vorhangs» ist wieder eine dieser kleinen, frechen Gesten, die man an den Interaktionen mit Sophie Calle so liebt. Die Französin ist wohl auch deswegen eine der beliebtesten Künstlerinnen der weltweit verstreuten zeitgenössischen Szene. Als ihre Katze Souris vor wenigen Jahren starb, schickten nicht nur Bono von U2, sondern auch Michael Stipe, Laurie Anderson, Benjamin Biolay und andere Koryphäen musikalische Beiträge zum Andenken an die «Maus» (also «souris») benannte Katze. Auch das so ein Sophie-Calle-Witz.

Der Raum zwischen dem Bild und seiner Repräsentation in unserem Geist ist prall gefüllt.

Was man dabei gerne übersieht: Diese Strenge, die jetzt in Winterthur vorherrscht, die war in ihrem Werk schon immer da. Schliesslich stammt die älteste der gezeigten Arbeiten, «Les Aveugles», schon aus dem Jahr 1986, sie gehört zu Calles Klassikern. Wie die übrigen vier der ausgestellten Werkserien dreht sich auch diese Abfolge von Bildern und Texten um ein zentrales Thema, das immer schon in der Arbeit von Sophie Calle wichtig war, sich jetzt aber mit dem Anspruch auf Ausschliesslichkeit in den Vordergrund drängt: den Raum zwischen dem Gesehenen und dem Gemeinten.

Wie falsch es wäre, diesen Raum eine Lücke zu nennen, zeigt gerade die Winterthurer Ausstellung. Was sehen wir, wenn wir nicht sehen? Was meinen wir, gesehen zu haben, wenn wir uns erinnern? Wie prägt das Gesehene die Sprache, und wie verändert das Wort die inneren Bilder? Der Raum zwischen dem Bild und seiner Repräsentation in unserem Geist ist prall gefüllt mit Ahnungen, Erinnerungen, Assoziationen, Hoffnungen und Ängsten.

Die Schönheit der anderen

Sophie Calle hat ihre Kunst immer schon als eine parawissenschaftliche Feldforschung betrieben, weshalb es auch wenig erstaunt, dass dieses Konzept an die Grundlagen der Semiotik erinnert. Es war der Genfer Sprachforscher Ferdinand de Saussure, der mit seiner Theorie über die duale Struktur eines Zeichens die Begriffe «signifiant» und «signifié» salonfähig gemacht hat. Wenn jetzt Sophie Calle von Geburt an Blinde nach ihrem Bild von Schönheit fragt, wirft sie allerdings diese semiotische Ordnung durcheinander. Bei von Geburt an Blinden gibt es keinen Signifiant und kein Signifié, denn welches Wissen kann der Blinde über Konzepte haben, die das Sehen betreffen? Wie eine Idee formen, wenn ihm die Erfahrung fehlt?

«Blond» sei schön, sagt eine Befragte, wohl weil sie an dem Wort Gefallen findet. Ein junges Mädchen definiert in einem Atemzug «das Schaf», «Alain Delon» und die eigene Mutter als Inbegriffe der Schönheit, weil das Schaf weich sei und die Mutter «lange Haare bis zum Gesäss» habe (weshalb auch Alain Delon, bleibt unklar, es ist wohl die Kraft der Legende). Ein blinder Mann findet Fische im Aquarium schön, «weil sie keinen Lärm machen, weil sie nicht angebunden sind». Die Antworten, merkt man, würden bei Sehenden kaum anders ausfallen. Es kommt einem fast vor, als ob die Blinden durch ihre Behinderung einen Vorteil hätten – ihr Schönheitsbegriff geht das Risiko nicht ein, von störrischer, plump sichtbarer Realität unterwandert zu werden.

Die Lücke zwischen Vorstellung und Abbild

Allerdings darf man bei Calle nie in die Pseudo-Dokumentationsfalle tappen. Sie ist eine Künstlerin, keine Wissenschaftlerin. Sie gestaltet. Was auch heissen kann, dass sie auf die Wiedergabetreue pfeift. Die Aussagen der Probanden, das gab sie oft in Interviews an, entsprechen nur «ungefähr» dem tatsächlich Gesagten. In einer weiteren Arbeit («Detachement»), in der sie Passanten im ehemaligen Ost-Berlin nach Erinnerungen an die nach der Wende entfernten Lenin-Denkmäler und Hammer-und-Sichel-Embleme befragt, präsentiert Calle die Zitate in einer Art Tagebuch. Für Ausstellungsbesucher nicht sehr gut lesbar. Es geht ihr hier eindeutig nicht darum, was die Menschen in Berlin genau sagten, sondern vielmehr darum, dass das Verschwundene genauso wirksam bleibt, als ob es noch existent wäre – vielleicht wird es durch die Abwesenheit sogar stärker.

Das Spiel mit dem Vorhang kommt am Schluss. Die Serie heisst «Parce que» (Weil) und ist das neuste unter den Werken (2018). In den vorhergehenden Arbeiten ging es um Dinge, die zuerst sichtbar und dann verschwunden waren. Hier ist es umgekehrt. Zuerst liest man, warum die Künstlerin das Bild überhaupt gemacht hat, etwa «Wegen der Versuchung, ihr zu folgen», stellt sich etwas vor, hebt den Vorhang, sieht das Bild und … Da haben wir sie wieder, diese Lücke zwischen Vorstellung und Abbild, die ein lustvolles Eigenleben führt.

Dieser letzte Saal kommt einem wieder wie eine verführerische Einladung zum Spiel vor, was durchaus sein Richtigkeit hat. Am 7. September geht der zweite Teil der Winterthurer Schau im Kunstmuseum Thun auf. Der Titel: «Regard incertain», der ungewisse Blick. Wir werden sehen.

Ausstellung: Sophie Calle, «Un certain regard», bis 28.8., Fotomuseum Winterthur; «Regard incertain», 7.9.–1. 12., Kunstmuseum Thun.

Erstellt: 04.07.2019, 11:59 Uhr

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