«... dann werden seine Äusserungen schlicht absaufen»

John M. Coetzee gewann den Nobelpreis für Literatur. Er liebt aber auch die deutlichen Worte.

«Ich schreibe auf Englisch, kann aber nicht behaupten, dass ich die Sprache liebe», sagt John Coetzee. Foto: Ulla Montan

«Ich schreibe auf Englisch, kann aber nicht behaupten, dass ich die Sprache liebe», sagt John Coetzee. Foto: Ulla Montan

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Dem Open-Air-Literaturfestival Zürich ist zu seiner fünften Ausgabe ein Coup gelungen: Der 77-jährige südafrikanische Literaturnobelpreisträger John Coetzee mit der Wahlheimat im australischen Adelaide wird aus einem unveröffentlichten Text mit dem Titel «The Glass Abattoir» lesen. Es war ein weiter Weg von John Coetzees Doktorarbeit über Samuel Beckett in den frühen 1960ern, über seine politisch grundierten Romane wie «Life & Times of Michael K» und «Disgrace» bis hin zu seinen jüngsten Jesus-Romanen ohne Jesus («The Childhood of Jesus», «The Schooldays of Jesus»). Scharfsichtig, unsentimental und präzis blieb sein Schreiben immer – und er selbst wach für die Ungerechtigkeiten und das Unrecht daheim und anderswo.

In «The Glass Abattoir» («Das gläserne Schlachthaus») lassen Sie eine australische Romancière einen Schlachthof aus Glas fordern. Sie erklärt ihrem Sohn, dass man den Menschen nur so klarmachen könne, was Schlachten bedeutet.
«The Glass Abattoir» folgt einem Muster, das in einer ganzen Anzahl von kürzeren Texten vorkommt, die ich geschrieben habe. Sie kreisen um die fiktive Schriftstellerin Elizabeth Costello, die im Herbst ihres Lebens mit unterschiedlichsten moralischen Krisen konfrontiert wird. Ich dramatisiere diese Krisen eher, als dass ich sie diskursiv präsentiere, wie man es in einem Tagebuch oder in einer Vorlesung machen würde. In «The Glass Abattoir» handelt es sich um eine Gewissenskrise rund um das Phänomen der Tierschlachtung im ­industriellen Massstab – und ich dramatisiere diese Krise über die Spannungen zwischen Costello und ihrem Sohn.

Setzen Sie sich wie Ihre fiktive Autorin fürs Tierwohl ein?
Ich arbeite aktiv in der australischen Organisation Voiceless mit, die sich darum bemüht, das Leben der Nutztiere in landwirtschaftlichen Betrieben und auch der Tiere im Allgemeinen zu verbessern. Australien ist ein wichtiger Exporteur von Nutzvieh, insbesondere von Rindern und Schafen. Die Tiere werden auf Schiffen in jene Länder transportiert, in denen sie sterben werden. Typischerweise ist das im Mittleren Osten. Sie werden dort häufig mit grosser Kaltschnäuzigkeit geschlachtet. Die Anstrengungen von Körperschaften wie eben Voiceless hatten bis jetzt wenig Effekt auf den lukrativen Viehexport.

Agitprop-Literatur ist Ihre Sache nicht. Aber Ihre Romane und Romanfiguren thematisieren dennoch Missstände. Fühlt sich der Bürger Coetzee verpflichtet, dem Autor Coetzee klare Statements abzuringen?
Früher war es so, dass die Schriftsteller zu jenem kleinen Kreis der Menschheit gehörten, die Zugang zu den jeweiligen Medien der Kommunikation hatten. Heute haben viele Millionen Menschen auf irgendeine Weise Zugang zu Informationen. Und darum gelten heute auch andere Regeln. Wenn der Schriftsteller nicht etwas Umwerfendes, Interessantes und Ernstzunehmendes zu sagen hat, werden seine Äusserungen im grossen Ozean der Meinungen, der ständig durch den Äther spült, schlicht absaufen.

Stellung bezogen Sie etwa im Mai 2016, als Sie die Situation der Palästinenser subtil mit der im Südafrika der Apartheid verglichen.
Ich mache auf der Seite der israelischen Regierung keinerlei Zeichen aus, dass man zu einer fairen Regelung kommen will. Die gegenwärtige miserable Situation – miserabel vor allem für die Palästinenser – hat ihren Preis: einen Preis, den die israelische Regierung problemlos verkraften zu können glaubt.

Was sagen Sie zur politischen Entwicklung in Südafrika?
Der südafrikanische Präsident Jacob Zuma ist auf einem persönlichen Level ein gewöhnliches und in der Tat völlig uninteressantes menschliches Wesen. Als politische Führungsfigur hat er niemals auch nur den Anschein erweckt, eine Vision für die Zukunft zu haben, die eine Nation inspirieren könnte. Während seiner Amtszeit als Präsident hat er seiner Partei ihren Grundton verpasst: Es ist der Ton einer Partei, die eine stolze Geschichte hatte, inzwischen aber degeneriert ist – zu einer Maschine, die Protektion und Begünstigungen verteilt. Natürlich schmerzt es mich, dieses Schauspiel zu betrachten.

Wie stehen Sie zu den politischen Entscheiden in Ihrer Wahlheimat Australien?
Die australische Regierung hat unlängst entschieden, den 1900 Flüchtlingen und Asylbewerbern, die auf der Insel Manus im Pazifischen Ozean festgehalten ­worden waren, die enorme Summe von über 50 Millionen Franken als Entschädigung zu zahlen. Das war der Regierung lieber, als die Schande zu erleben, dass diese Menschen vor einem öffentlichen Gericht Zeugnis ablegen über die vier Jahre, die sie bis jetzt eingesperrt verbracht haben. Noch ist nicht klar, ob die Vorbedingung für die Zubilligung dieser Entschädigung war, dass die Flüchtlinge ihre Lippen für immer versiegelt halten in Bezug auf das, was sie auf der Insel haben ertragen müssen.

Sie treten bald in Zürich auf. Welche Bedeutung haben Lesungen für Sie?
Der Wert von Literaturfestivals ist, dass sie es Schriftstellern ermöglichen, ihre Arbeit in ihrer eigenen Stimme vorzustellen. Auf diese Weise geben die Autoren den Lesern einen Hinweis, wie das jeweilige Werk gelesen werden sollte. Leider wird diesem Zugang weniger und weniger gefolgt. Von Schriftstellern, die an Festivals teilnehmen, wird erwartet, dass sie über sich selbst und ihre Arbeit sprechen – und dies vorzugsweise auf unterhaltsame Weise. Dabei ist das, was zählt, doch das Werk selbst. Ich habe es nie als profitabel erlebt, öffentlich meine Arbeit zu kommentieren – ja, noch nicht mal privat. Die Aufgabe, Literatur zu erklären und einzuschätzen, fällt dem Kritiker zu, finde ich. Ich selber versuche, gegenüber der Frage, wie mein Schreiben entsteht, eine Haltung der Uninteressiertheit zu bewahren.

Lieben Sie die Sprache?
«Sprache» als abstraktes Konzept gehört in die Fantasiewelt der Philosophen. Was spezifische Sprachen angeht: Ich schreibe auf Englisch, kann jedoch nicht mit voller Ehrlichkeit behaupten, dass ich die Sprache liebe. Es tut mir weh, zuschauen zu müssen, wie Nationalsprachen auf dem Rückzug sind, während das Englische die Macht übernimmt – als die neue, imperiale Sprache von Naturwissenschaften, Bildung und Business.

Erstellt: 29.06.2017, 20:19 Uhr

Open-Air-Literaturfestival Zürich

Coetzee, Díaz, McCarten

Das 5. Open-Air-Literaturfestival Zürich findet vom 3. bis 9. Juli im Alten Botanischen Garten statt – als Gemeinschaftsproduktion vom Literaturhaus Zürich und dem Kaufleuten. John M. Coetzee tritt am 4. Juli auf. Weitere Highlights: US-Pulitzerpreisträger Junot Díaz mit «The Brief Wondrous Life of Oscar Wao» (3. Juli); der neuseeländische Bestsellerautor Anthony McCarten mit «Licht» (6. Juli); die Deutsche Nora Bossong mit ihrer Prostitutionsreportage «Rotlicht» (5. Juli). www.literaturopenair.ch. (ked)

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