Weisse Sänger erklären sich zu Afroamerikanern

Sein Stück dürfen nur Schwarze spielen, verfügte ein Komponist zu Lebzeiten. An der Ungarischen Staatsoper ist das egal.

Ausschliesslich weiss besetzt: Szenenbild aus «Porgy and Bess» an der Ungarischen Staatsoper. Bild: Marton Monus/MTI/AP/Keystone

Ausschliesslich weiss besetzt: Szenenbild aus «Porgy and Bess» an der Ungarischen Staatsoper. Bild: Marton Monus/MTI/AP/Keystone

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Schwer zu sagen, seit wann sich die 15 weissen Sängerinnen und Sänger als Afroamerikaner fühlen, sie spielen das Ganze ja schon seit über einem Jahr. Am 27. Januar 2018 hatte «Porgy and Bess» an der Ungarischen Staatsoper in Budapest Premiere. George Gershwin hatte selbst verfügt, dass seine Oper über das Leben von Afroamerikanern in den USA um 1870 ausschliesslich von Schwarzen gespielt werden darf. Zu seinen Lebzeiten hat er Regisseuren, die angeboten hatten, weisse Darsteller schwarz zu schminken, verboten, das Werk aufzuführen.

Szilveszter Okovacs, dem Intendanten der Staatsoper, war das egal, in seiner Inszenierung spielen ausschliesslich Weisse. Da die Rechteinhaber nun gerichtlich dagegen vorgehen wollen, hat er, als das Stück wiederaufgeführt wurde, allen Darstellerinnen und Darstellern eine Erklärung vorgelegt. Anscheinend unterzeichneten 15 der 28 Sängerinnen und Sänger das Schreiben, demzufolge «afro-amerikanische Herkunft und Bewusstsein einen untrennbaren Teil» ihrer «Identität» bilden.

Enger Freund Viktor Orbáns

Nun gilt Szilveszter Okovacs als enger Freund Viktor Orbáns. Orbán und seine Regierung versuchen unablässig, mit Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und Antisemitismus bei ihren Wählern zu punkten. Sie bezeichnen Ungarn als letztes Bollwerk gegen die «Invasion barbarischer Migrantenhorden», hetzen gegen Andersfarbige und feiern die «ethnisch-homogene Gemeinschaft der Magyaren» als völkisch-identitären Gegenentwurf zum europäischen Individualitätskonzept. Und jetzt sollen Budapester Sängerinnen und Sängern plötzlich afro-amerikanische Herkunft und Bewusstsein zugewachsen sein?

In ungarischen Medien heisst es, auf die Künstler sei massiver Druck ausgeübt worden, zu unterzeichnen. Okovacs selbst sagte in einem Interview, er wisse nichts von der Hautfarbe seiner Angestellten. «In Ungarn gibt es kein Hautfarben-Register.» Und als das Magazin Index ihm zu dem Vorfall Fragen schickte, antwortete er mit 22 Gegenfragen, darunter: «Könnten 15 nichtweisse Künstler, die geeignet wären, an der Oper professionell aufzutreten, im heutigen Ungarn leben?» Klingt nach einem Eingeständnis, dass das mittlerweile tatsächlich kaum noch möglich ist.

Im Sommer 2018 war die Oper schon mal in den Schlagzeilen. Damals wurde «Billy Elliot» vom Spielplan genommen, weil reaktionäre Gruppen gewarnt hatten, das Stück könne junge Zuschauer zur Homosexualität verleiten.

Erstellt: 11.04.2019, 16:24 Uhr

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