Wie aus Turnschuhen Sneakers wurden

Am Wochenende findet in Zürich die Turnschuhmesse «Sneakerness» statt. Über die Wurzeln der Sneaker-Faszination.

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In den letzten Jahren konnte man auf den Strassen der Schweiz einen regelrechten Boom von Sneakers, modischen Turnschuhen, beobachten. Was vorher nur Kenner zelebrierten, ist zum Massenphänomen geworden. Der weltweite Umsatz wird derzeit auf 55 Milliarden Dollar geschätzt. Woher kommt die Faszination für Turnschuhe? Wieso sammelt man sie, und was haben Veranstaltungen wie die «Sneakerness» noch mit dem Ursprung der Sneaker-Kultur zu tun?

Der erste moderne Turnschuh mit Gummisohle entstand im 19. Jahrhundert. Damals war er beliebt bei Matrosen, die dank ihm auf Deck nicht ausrutschten, und reichen Leuten, die gerne Tennis spielten. Zwischen den beiden Weltkriegen des 20. Jahrhunderts wurde der Turnschuh dann massentauglich. Alle sollten Sport machen, moralisch und körperlich fit sein fürs Vaterland.

Zeitgleich wuchs in den USA eine Sportart, die den Sneaker auch abseits von Turnhallen und Spielfeldern grossmachen sollte: Basketball. 1917 war ein Meilenstein. Marquis Converse stellte den Basketballschuh «Converse All-Star» vor. Einige Jahre später bekam der Schuh die Signatur des damaligen Basketballstars Chuck Taylor. Ansonsten blieb das Design weitgehend unverändert: Gummisohle unten, Stoff bis über den Knöchel oben, Schwarz-Weiss lange die einzige Farbkombo. Grund zum Sammeln gab es damals noch nicht. Der All-Star wurde unlimitiert produziert.

Der Sneaker wird cool

In den frühen 1970er-Jahren begann in den USA ein regelrechter Sportboom. Jogging, Marathon, Fitness und Basketball wurden gross oder wiederbelebt. Die Leute strebten nach persönlichen Bestleistungen, investierten in ihre Fitness und stellten fest, dass die Turnschuhe mittlerweile modisch genug waren, um sie auch ausserhalb der Sportszene tragen zu können. Adidas, Nike und Puma wussten, was sie taten, als sie Sneakers aus moderne Materialien, Leder, Nylon, verziert mit neuen Farben und auffälligen Logos entwarfen; oft speziell für bestimmte Profisportler zugeschnitten, welche die Schuhe perfekt verkörpern und vermarkten konnten.

Die Basketballer, die in diesen Spiele und Meisterschaften gewannen, waren die Idole vieler Jugendlicher, die weit abseits vom Glanz des Superstar-Basketballs lebten, in den Schwarzen- und Latinovierteln New Yorks. Dort boomte die Basketballszene auf den Strassen. Alles musste sitzen wie bei den Profis: die Schritte, die Körbe und das Outfit. Die passenden Schuhe und Schuhbändel dazu waren unabdingbar.

Was auf dem Basketballfeld in der Bronx den Test bestand, war bald auch für die Hip-Hopper und Breakdancer von nebenan interessant. «In den 1970ern veränderten die New Yorker der Basketball und Hip Hop Community die Wahrnehmung des Sneakers von der Sportausrüstung zum Instrument für kulturellen Ausdruck», fasste Bobbito Garcia diese Entwicklung einst zusammen. Bobbito Garcia, der als Sneaker-Papst gilt, war damals selbst Teil der Szene, als DJ, Streetbasketball-Spieler und Sneaker-Fan.

Die neue Männlichkeit

«Der Sneaker wurde zum Ausdruck von Status und einer neuen Männlichkeit», sagt Elizabeth Semmelhack, Chefkuratorin des Bata Shoe Museum in Toronto und Kuratorin von «Out of the Box», einer Ausstellung über die Kulturgeschichte des Sneakers.

Erfolgreich war nicht mehr nur, wer weiss war und in Anzug und Krawatte an der Wallstreet viel Geld verdiente. Man konnte sich als erfolgreicher Mann dank Sneakers nun modisch vielfältiger und individueller inszenieren, ohne an Männlichkeit einzubüssen – Turnschuhe galten als sehr maskulin. Jungs aus der Techbranche, die nichts mit Mode am Hut hatten, signalisierten: Wir sind Teil der neuen Weltordnung, und ans Businessmeeting über die Zukunft der Welt kommen wir in Turnschuhen.

Wo hast du die her?

Sneakers waren das Stück eines Traums, dem es nachzujagen galt, und die Jagd danach begann oft mit der Jagd nach den Schuhen selbst. Damals an die heissbegehrten Schuhe zu kommen, war nicht einfach. Sneakers wurden lange gar nicht verkauft, sondern von den Herstellern oder Trainern abgegeben, an Profis oder Lokalmatadoren der Quartierbasketballplätze. Spezialisierte Geschäfte für Sneakers gab es bis in die 1970er-Jahre nicht in New York. Herkömmliche Sportgeschäfte führten nur eine kleine Auswahl an coolen Turnschuhen. Man musste sich durchfragen, die richtigen Leute kennen, Verhandlungsgeschick beweisen, tagelang mit der U-Bahn durch New York fahren und hoffen, dass man jemanden sieht, der die gewünschten Schuhe hat. Dann konnte man ihn fragen, ob man einen guten Deal machen könne.

War man dann endlich im Besitz eines Paars Adidas Superstar oder Puma Suede, wurden die Schuhe täglich gepflegt, die Zahnbürste zum Polieren war immer mit dabei. Weil sich die Kids keine sieben verschiedene Paar Schuhe leisten konnten, wurden die Schuhbändel gewechselt. Auch diese wurden stets sauber gehalten, gewaschen und das Schmutzwasser mit den Fingern aus den Bändeln gestreift. Wer mit gut gepflegten, seltenen Modellen über den lottrigen Gehsteig heruntergekommener, trostloser Viertel schwebte, wurde bewundert. «Where’d you get those?» – «Wo hast du die her?», lautete die Frage aller Fragen.

Michael Jordan und Nike treten den Hype los

1984 markiert einen weiteren Meilenstein in der Kulturgeschichte des Sneakers. Nike bringt den «Air Jordan I» raus und tritt damit buchstäblich einen Hype los. Der Schuh verstiess gegen den Farbcode der NBA. Jordan ignorierte diese Regelung und hüpfte voller Stolz in «seinen» Nikes über den Court. Nike bezahlte ihm die Busse von 5000 Dollar – pro Spiel in den nicht konformen Schuhen. Die Werbung, die Nike dadurch erhielt, war unbezahlbar.

Die Werbung zum damals «verbotenen» Air Jordan I. Quelle: Youtube

Alle wollten den Schuh. «Die Serialisierung und Nummerierung des Schuhs befeuerte die Erwartung auf mehr und passte genau in das männliche Schema des Sammelns», erklärt Elizabeth Semmelhack. Das Schema: «Ich will möglichst von allem eins, ich will die erste Ausgabe davon, ich will das Beste.» Für viele markiert 1984 deshalb die Geburtsstunde der modernen Sneaker-Kultur und der Sneakerheads, den bessessenen Sammlern.

1986 erhielt die Rap-Gruppe Run-DMC als erste Künstlergruppe einen Vertrag mit Adidas, nachdem sie mit ihrem Lied «My Adidas» das Image der Sneakers reingerappt hatten. Denn die Turnschuhe wurden lange mit Kriminalität in Verbindung gebracht. To sneak heisst übersetzt so viel wie auf leisen Sohlen gehen – auch ungehört stehlen gehen.

Run-DMC mit «My Adidas». Quelle: Youtube

Die Treter schafften es aus den dunklen Ecken der Bronx auf die polierten Laufstege und Bühnen der Welt. Die Ausgaben wurden limitiert, das Design war nicht mehr schlicht und reinlich, sondern möglichst extravagant und teuer. Die Hersteller gingen immer mehr Kollaborationen mit namhaften Künstlern ein, Gucci brachte einen Sneaker raus, Christian Louboutin und Kanye West waren plötzlich Sneakerdesigner.

Sammeln statt anziehen

Das Internet habe viel dazu beigetragen, dass die ursprüngliche Kultur rund um Sneakers verloren gegangen sei, sagt ein Kenner der Szene, der selbst einmal Sneakerhead war. «Früher ging es um Connections, du warst in der Szene, hast viel mit den Leuten kommuniziert. Dann kam das Internet und hat das «Wow, wo hast du die her» kaputtgemacht. Man bestellt einfach per Mausklick.»

Ein neuer Geschäftszweig entwickelte sich: das Wiederverkaufen von Sneakers, angeheizt durch die limitierten Auflagen und das umso grössere Bedürfnis, einen dieser limitierten Schuhe für die eigene Sammlung zu ergattern. Besonders wenn die Schuhe ungetragen sind, lassen sie sich teuer weiterverkaufen. Und sogar für Sammler begann das Credo zu gelten: Je ungetragener, desto besser. Denn ein limitierter Schuh wie einer aus der Yeezy-Kollektion des Musikers Kanye West für Adidas kann so anstatt der ursprünglichen ungefähr 200 Dollar schnell einmal 1000 und mehr kosten.

Alteingesessene aus der Szene können das nur schwer verstehen. Die Modelle, die auf dem Wiederverkaufsmarkt gehandelt werden, können sie sich schon lange nicht mehr leisten. Ein Essay im Ausstellungskatalog zu «Out of the Box» fragt: «Wenn ein Sneaker ein Statement in einer Box macht, hört es dann jemand?». «Heute sind Sneakers elitär und kapitalistisch. Die Identität, die Szene, ja die Basis ist verloren gegangen», sagt der Kenner, der seine Sammlung vor einigen Jahren verkauft hat.

«Diejenigen, die heute an die Sneakerness in Zürich gehen, sind Modeopfer, Konsumopfer. Sie wollen alle sein wie Kanye West. Von den Ursprüngen der Sneaker-Kultur haben sie aber keine Ahnung», sagt der Szenekenner. «Die Kids zahlen alles, aber wissen nicht, wer Bobbito Garcia ist.» Bobbito Garcia sieht das ähnlich, wenn er sagt: «Sie wissen nicht, weshalb das, was sie tragen, heiss ist.»

Was bleibt?

Hat Elizabeth Semmelhack deshalb eine Ausstellung zur Sneaker-Kultur kuratiert und die Schuhe in ein Museum gestellt – weil die Sneaker-Kultur tot ist? Sie lacht und verneint. Doch auch sie findet, dass heute die Mehrheit der Sneakers, auch wertvolle Kollaborationen oder Retromodelle, ausschliesslich aus modischen Gründen konsumiert wird. «Das Fashion-Moment ist wichtiger als das Interesse und die Liebe zur Geschichte hinter dem Schuh.» Die ursprüngliche kulturelle Bedeutung gerate immer mehr in Vergessenheit.

Was laut Semmelhack aber trotz Kommerzialisierung bleibe: die Verbindung, die zwischen Kennern entstehe, wenn der eine dem anderen ansieht, dass dieser ein seltenes Paar Schuhe trägt – auch wenn beide die Geschichte dahinter nicht kennen.

Und wo der Boom gar Gutes bewirkt habe, sei in der Beteiligung der Frauen an der Sneaker-Kultur, so Semmelhack. Historisch sei das lange schwierig gewesen, da feminin und athletisch in der öffentlichen Wahrnehmung nicht zusammengepasst hätten. Frauen, die in Sneakers und Jupe zur Arbeit kamen, galten nicht als lässig, sondern wurden ausgelacht. Doch das habe sich geändert. War früher der High Heel das Statussymbol der selbstbewussten Frau, so ist es heute der Sneaker.

Erstellt: 03.05.2018, 18:38 Uhr

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Where'd You Get Those?

New York City's Sneaker Culture: 1960-1987


Bild: Goodreads

Wer sich für die Geschichte und Kultur der Sneakers interessiert, findet im Buch von Bobbito Garcia Geschichten, Informationen und Fotos rund um alle wichtigen Klassiker der Sneaker-Geschichte.

Out of the Box

The Rise of Sneaker Culture


Bild: American Federation of Arts/Bata Shoe Museum

Die Ausstellung «Out of the Box. The Rise of Sneaker Culture» zeichnete die Kulturgeschichte des Turnschuhs von seinen Anfängen bis heute nach und zeigte den Besuchenden zahlreiche Originalexemplare. Hier finden Sie Bilder zu Sneakers im Wandel der Zeit. Auf dem Blog zur Ausstellung erfahren Sie mehr über Materialien, Designer, Subkulturen und weitere Aspekte der Sneaker-Kultur. Das Buch zur Ausstellung kann online bestellt werden.

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