Die Probleme mit der Political Correctness

Angebracht oder absurd? Wann man auf politische Korrektheit achten sollte und wann nicht.

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PC regt alle auf. Diejenigen, die Political Correctness praktizieren, erregen sich, weil es die anderen nicht tun, und umgekehrt. Es gibt kaum ein Kulturthema, das die Gesellschaft derart spaltet. Und fast täglich gibt es neue Aufreger für beide Seiten. Hier drei Beispiele aus jüngster Zeit.

  • Die Universität Lund in Schweden hat angeordnet, dass 40 Prozent der für Seminare zu lesenden Texte von Frauen stammen müssen. Als in einer Veranstaltung zur konservativen Ideologie im 19. Jahrhundert die Quote nicht erfüllt war (es gab damals wenige konservative Denkerinnen), rügte die Institutsleitung die Leseliste und setzte einen theoretischen Text der Feministin Judith Butler drauf.

  • Der französische Premierminister Édouard Philippe hat seinen Beamten verboten, in offiziellen Texten die «inkludierende Schreibweise» zu verwenden. Diese besteht unter anderem darin, den sogenannten «point médian» zwischen männliche und weibliche Endung zu setzen, um zu betonen, beide Geschlechter seien gemeint («les député.e.s»). Hintergrund war, dass an vielen französischen Universitäten eine «gendersensible» Schreibweise praktiziert oder vorgeschrieben wird.

  • Der Zürcher Polizeivorsteher Richard Wolff hat ein Gemeinderatspostulat umgesetzt, nach der bei Straftätern die Nationalität nicht mehr automatisch genannt wird. Auch das Verschweigen von Information kann politisch korrekt sein.

Drei Fälle, die zeigen: PC ist ein weites Feld. Versuchen wir erst einmal, das Grundsätzliche zu beackern. Wer politisch korrektes Sprechen, Denken und Verhalten fordert, will damit gegen Rassismus und Sexismus angehen. Eine gute Sache: Niemand kann im Ernst wollen, dass Frauen, Schwarze oder andere Gruppen diskriminiert oder abschätzig behandelt werden, auch nicht in der Sprache. Es ist gut, dass in der Öffentlichkeit und von Meinungsführern nicht von «Negern» oder «Schlitzaugen» geredet wird, auch nicht von «Balkan-Machos» oder «Kanaken».

Fülle der «neutralen» Formen

Neben grösserer Sensibilität fordern Gender-Aktivisten auch mehr Sichtbarkeit: Die Existenz und Bedeutung von Frauen soll nicht geleugnet oder bloss «mitgemeint» werden, sondern im Gegenteil sprachlich herausgestellt. Kritisiert wird etwa das sogenannte generische Maskulinum, also die formal männliche, inhaltlich aber geschlechter­übergreifende Pluralform («die Schweizer»). Stattdessen müssten Frauen explizit genannt werden, was von allen Rednern und Schreibern, die nicht anecken wollen (etwa weil sie zu einer Wahl stehen), längst befolgt wird durch Doppelformen: Schweizerinnen und Schweizer.

Alternativ zur Doppelform wird eine Fülle von «neutralen» Formulierungen verwendet. Das sind oft Präsenspartizipien (Studierende, Lernende, Forschende) oder Zusammensetzungen mit -person (Fachperson, Lehrperson). Eine weitere Gruppe von «gendergerechten» Formen funktionieren nur schriftlich: das Binnen-I (LehrerInnen), das Sternchen (Lehrer*innen), der Unterstrich (Lehrer_innen) oder, die allerneueste Variante, die auch diejenigen Menschen mitmeinen oder «inkludieren» soll, die sich weder als Mann noch als Frau fühlen, das «x»: («Professorx»).

Manche Kritiker sagen, PC sei ein reines Elitethema, ein Problem geförderter Minderheitengruppen.

Politisch korrekte Sprache vermeidet also diskriminierende oder abschätzige Wörter ebenso wie Formen, die bestimmte Menschen oder Gruppen vermeintlich ausschliessen. Kann man dagegen etwas haben? Ist eine Gesellschaft, die im öffentlichen Gespräch pfleglich und fair miteinander umgeht, kein erstrebenswertes Ziel? Zweifellos. Und wenn Gegner der Political Correctness vor Sprech- und Denkverboten warnen oder gar eine PC-Diktatur heraufziehen sehen, übertreiben sie gewaltig. Gewiss, in manchen Milieus hat sich das PC-Denken derart durchgesetzt, dass Skeptiker es schwer haben – auch wenn sie keine Frauen oder Schwarze diskriminieren, sich aber keine Sprachregelungen auferlegen lassen wollen.

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Gruppendruck oder institutionelle Vorgaben führen vielerorts zu Sprachlenkung und gelenkter Empörung über alle, die sich dem nicht beugen. Dass ein 160-seitiges Büchlein Schweizer Behörden vorschreibt, wie sie gendergerecht zu formulieren haben, ist ja noch harmlos gegen Vorkommnisse an manchen amerikanischen Universitäten, die nicht weit von Gesinnungsterror und geistigem Lynchmord sind. Vielen wird noch der grossartige Roman «Der menschliche Makel» von Philip Roth in Erinnerung sein, bei dem ein Professor über zwei stets abwesende Studenten scherzhaft sagte, sie seien wohl «dunk­le Gestalten, die das Seminarlicht scheuen». Da sich herausstellte, dass diese beiden chronischen Schwänzer Schwarze waren, wurde die harmlose Bemerkung plötzlich rassistisch gedeutet – und entsprechend ausgeschlachtet. Eine Hexenjagd brach los, die zur Demission des Professors führte.

«Dornröschen» als Vergewaltigungsgeschichte

Nachrichten über ähnliche Vorfälle (Roths Roman geht auf einen tatsächlichen Fall zurück) dringen in regelmässigen Abständen über den Ozean. Sie rufen hier bei PC-Skeptikern entweder Kopfschütteln – die spinnen, die Amis – oder Sorgenfalten hervor, denn bekanntlich kommt ja alles, was die USA umtreibt, irgendwann auch bei uns an.

Dazu gehört auch die «Reinigung» von Klassikern: Weil von «Nigger Jim» die Rede ist, soll Mark Twains «Huckleberry Finn» sprachlich überarbeitet – oder gleich vom Lehrprogramm gestrichen werden (wie bei uns der «Negerkönig» bei Astrid Lindgrens «Pippi Langstrumpf»). Das Märchen «Dornröschen» wird in England gerade als Vergewaltigungsgeschichte interpretiert.

Dazu gehört weiter die Debatte um «Cultural Appropriation». Die weisse Regisseurin Kathryn Bigelow: ungeeignet für die Verfilmung eines Falles von Rassismus. Weisse Schauspieler dürfen keine Schwarzen spielen («Blackfacing»), weisse Köche keine Burritos verkaufen (weil sie damit den Mexikanern ihre Kultur stehlen), weisse Kinder sich nicht als Indianer verkleiden.

PC-Kampagne sei reines Elitethema

All das kann man lächerlich finden, gelassen betrachten – oder aber alarmiert: Schlägt hier das Bemühen um Sensibilität nicht in Zensur um? Manche Kritiker gehen noch weiter: Die PC-Kampagne sei ein reines Elitethema, ein Problem gezielt geförderter, verzärtelter Minderheitengruppen. Linke Politiker und Medien hätten ihre ganze Aufmerksamkeit der Political Correctness gewidmet und die wahren Probleme – das soziale Absacken der Mittelschicht – ignoriert. Deren trotzige Reaktion habe Trump an die Macht gebracht. Auch bezüglich der AfD in Deutschland wird gelegentlich ähnlich argumentiert.

Eine steile These. Ob sie stimmt, werden einmal die Historiker entscheiden müssen. Die heutigen Probleme mit der Political Correctness liegen anderswo.

  • Sprachlich sind die Ersatzformen für die «männliche Sprache» oft umständlich, hässlich oder absurd (Lernende lernen nicht unentwegt). Und manche PC-Vorschriften greifen in die Sprachstruktur ein, wo es eigentlich um den Sprachgebrauch geht. Das generische Maskulinum ist eine Konvention (ebenso wie die, dass der Pluralartikel der weibliche ist), aber das ganze Sprachsystem, also unsere Verständigung, beruht auf solchen Konventionen, die in der Grammatik festgeschrieben wurden. Aus demselben Grund sind alle Eingriffe in den Wortkörper mittels Zeichen (Binnen-I, Sternchen, Unterstrich, x) sprachfremd und sind abzulehnen.

  • Das Ersetzen von abwertenden durch neutrale oder gar wohlmeinende Begriffe schafft die tatsächliche Benachteiligung nicht ab. Oft nicht einmal die sprachliche. Wenn man «nigger» erst «negroes», dann «blacks», dann «coloured people», dann «afro-americans» nennt, kann der ursprünglich negative Beiklang mitwandern. Ähnlich verhält es sich, wenn man «geistig Behinderte» als «anders Begabte» oder «Herausgeforderte» tituliert; es verbessert ihre Lage keinen Deut und wirkt oft nur lächerlich.

Jeder Einzelne nimmt an diesem Prozess teil, indem er dem eigenen Sprachgefühl und Sinn für Anstand folgt.

  • Sprachphilosophisch liegen die Verfechter verordneter PC-Formen falsch. Gewiss, Sprache schafft Bewusstsein, und Bewusstsein verändert die Wirklichkeit: aber nicht auf dem Verordnungsweg. Die Lage von Frauen oder ethnischer Minderheiten ist weit entfernt von früherer Benachteiligung; sie ist noch immer nicht optimal, aber dieses Optimum erreicht man nicht durch neue Pluralformen.

  • Gesellschaftspolitisch wird subjektive Betroffenheit zum objektiven Massstab erhoben. Wenn jemand oder eine Gruppe sich nicht «mitgemeint» oder durch einen vermeintlich rassistischen Lesestoff «verletzt» fühlt, ist das erst mal nur ein Gefühl. Daraus einen Befehl zu machen, auf den die Allgemeinheit parieren soll – schwierig.

  • Die Menschheit besteht aus Männern und Frauen; es ist aber nicht in jedem Zusammenhang wichtig, dass Männer Männer und Frauen Frauen sind. Die ständige Erwähnung der Zweigeschlechtlichkeit (wozu neuerdings die LGBTI. . .-Personen kommen, die ihrerseits Ansprüche stellen) erweckt den Eindruck einer vielfach segmentierten Menschheit. Segmentiert durch Geschlecht, Rasse, und warum nicht Grösse? Haarfarbe? Alter? In vielen Fällen und Kontexten sind Menschen einfach Menschen. Noch spricht man ja auch von Menschenrechten (und nicht Frauen-, Farbigen-, LGBTI-Rechten). Fixiert darauf, dem Partikularen sprachlich zu entsprechen, verliert man das Ganze aus dem Blick.

Wolff hat recht

Also – wie viel PC darfs denn sein? Das können Betroffene in ihrer ganzen Subjektivität, das können auch ihre Pressure-Groups nicht bestimmen. Bei öffentlichem Sprechen bildet sich ein Konsens auf komplizierten Wegen, je nach Milieus auch mit anderen Ergebnissen. Jeder Einzelne nimmt an diesem Prozess teil, indem er dem eigenen Sprachgefühl, seinem Sinn für Anstand und Takt folgt. Wem das fehlt, dem zeigt es hoffentlich seine Umgebung durch Missbilligung.

Wie sind nun unsere drei Beispiele vom Anfang zu bewerten? Ich bin froh, dass Édouard Philippe den «Mittel-Pünktchen» einen Riegel vorschiebt. Die französische Sprache bietet, wie die deutsche, genug Möglichkeiten, sich differenziert und allgemein auszudrücken. Es ist eine Frage von Geschick und Höflichkeit. Gute Sprecher können das, Sprecher in der Öffentlichkeit müssen das können.

Richard Wolff hat recht, die Nationalität von Straftätern nicht automatisch zu nennen; die ebenso automatische Assoziation bestimmter Gruppen mit Kriminalität ist ein Faktum, von der Forschung vielfach bestätigt. Hier wirkt sparsamer Umgang mit Informationen gesellschaftlich befriedend.

Und die 40-Prozent-Frauenquote für Leselisten an der Universität Lund? Dagegen hat sogar Judith Butler protestiert. Die akademische Freiheit müsse erhalten bleiben, die akademischen Lehrer das Recht haben, Texte und Autoren nach ihrem professionellen Urteil zu wählen. Und nicht nach unsinnigen Quoten.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 29.11.2017, 18:28 Uhr

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