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Wie wir uns selbst überzeugen

Dass der Mensch Fakten ignoriert, die seine Ansichten nicht stützen, hat auch evolutionäre Gründe.

Anhänger von Marine Le Pen im Februar in Nantes: Das Bauchgefühl wird gestärkt, wenn man hört, was man schon kennt. Foto: Adrien Selbert (Agence VU/Keystone)
Anhänger von Marine Le Pen im Februar in Nantes: Das Bauchgefühl wird gestärkt, wenn man hört, was man schon kennt. Foto: Adrien Selbert (Agence VU/Keystone)

Donald Trump wollte an seiner Amtseinführung 1,5 Millionen Besucher gezählt haben, und seine Fans glaubten ihm – wider alle Gegenbeweise. Glaube keinen Fakten, die du dir nicht selbst zurechtgelegt hast, lautet das Credo unserer Zeit, in der «postfaktisch» zum «Wort des Jahres» gewählt wurde. Fakten überzeugen uns selten – und schon gar nicht im aktuellen politischen Diskurs.

Warum das so ist, erklärt der renommierte französische Kognitionswissenschaftler Dan Sperber in seinem neuen Buch «The Enigma of Reason» («Das Rätsel der Ratio»), das eben erschienen ist (Harvard University Press). «Es ist ein trauriger Zufall, dass die Studie die brennenden Fragen der politischen Landschaft behandelt: die Rolle von Fakten und Rationalität bei der Entscheidungsfindung und der Entwicklung von Weltanschauungen», sagt der 74-Jährige im Gespräch. Er hat sich mit anthropologischen Grundlagenwerken wie «Re­thinking Symbolism» und «Relevance: Communication and Cognition» einen Namen gemacht und firmiert unter anderem als Direktor des International Cognition and Culture Institute.

Warum die Ratio nicht der Wahrheitsfindung dient

Wie bilden wir uns eine Meinung, wie verbreiten wir sie und organisieren uns in «Blasen»? Und wieso finden wir da so schwer wieder hinaus? Weshalb hängen sich rationale Menschen ans Übernatürliche und Religiöse? Solche Fragen liessen ihn schon früh nicht mehr los, den atheistischen Sohn nicht religiöser aschkenasischer Juden, die 1942 vor den Nazis in die Schweiz geflohen waren; sein Vater war der österreichisch-französische Schriftsteller Manès Sperber.

Antworten suchte Dan Sperber zuerst im Strukturalismus à la Lévi-Strauss, später in soziologischen und kommunikations- wie kognitionspsychologischen Ansätzen. In «The Enigma of Reason» unterfüttert er seine über Jahrzehnte gewonnenen Erkenntnisse, zusammen mit seinem ehemaligen Studenten Hugo Mercier, mit empirischem Material und Evolutionstheorie. Die Fähigkeit, eine fruchtbare Kultur zu entwickeln, und die Bereitschaft, beweisbar falsche Ideologien zu verteidigen, gehen nach Sperber Hand in Hand. «Wir müssen uns von der Vorstellung verabschieden, dass die Ratio der Wahrheitsfindung dient und dem Individuum hilft, die Welt richtig zu verstehen und bessere Entscheidungen zu treffen. Die Hauptfunktion unseres Verstandes ist, uns einen Vorteil bei der sozialen Interaktion zu verschaffen.»

Der Kampf ums Rechthaben

Dass das menschliche Gehirn selbst bei simpelsten Rechenoperationen oft versagt, ist ein vielfach untersuchtes Phänomen – das laut Sperber offenlegt, dass es bei der Ausbildung des Verstandes in Urzeiten eben nicht ums korrekte Deduzieren ging. Und dass wir uns an unsere Fehlschlüsse klammern wie Ertrinkende an ein morsches Brett, zeige, dass der Kampf ums Rechthaben der eigentliche Antrieb hinter dem scheinbar rationalen Argumentgerüst sei. Mit dem Verstand feilen wir an Argumenten, die andere überzeugen sollen – und evaluieren die Argumente der anderen kritisch. «Der Verstand in der Savanne war nicht dazu da, abstrakte Probleme objektiv anzugehen, sondern es ging ums Überleben im Kollektiv – in Gruppen mit Konflikten, die für den Existenzkampf zusammenarbeiten mussten.»

Die Gruppe im Survivalmodus kam so zu den besten Resultaten: Die Probleme stellten sich allen gleich; wenn nun jeder als Advokat der eigenen Lösung auftrat und die Vorschläge der anderen auf Schwachstellen abklopfte, bestand eine gute Chance, dass das Kollektiv eine nützliche Entscheidung traf. «Damit hat der sogenannte Confirmation Bias, die Neigung zur Selbstbestätigung, die seit den Siebzigern in zahlreichen Experimenten nachgewiesen wurde, durchaus ihren evolutionären Sinn», formuliert Sperber. Sucht man als Einzelner nach objektiver Wahrheit, steht einem diese Neigung im Weg. Man sammelt Gründe, um Bauchgefühl und ererbte Meinung zu stärken; es fällt dem «rationalen Tier» extrem schwer, einmal gefasste Meinungen zu revidieren, auch wenn alle Daten gegen sie sprechen. Doch als soziales Instrument sei der «Confirmation Bias» erfolgreich, betont Sperber, zumal man mit der Intuition ja häufig richtigliege.

Hats bei Trump geregnet?

«Es besteht eine Asymmetrie: Die Ratio ist viel schwächer bei der Begründung eigener Meinungen als bei der Bewertung fremder. Doch unser rational beschränktes Argumentationsverhalten entpuppt sich als effizientes Werkzeug im Dialog.» In der heutigen Gesellschaft gebe es eine Gruppe, die den rivalisierenden, zielorientierten Argumentaustausch perfektioniert habe: die Wissenschaft. «Dort sticht das Argument mit der stärkeren Evidenz. Selbst Genies, die Thesen gegen die Mehrheit formulieren, arbeiten nicht aus dem Nichts, sondern im kompetitiven Diskurs und triumphieren am Ende.» Wo aber eine wachsende und zunehmend heterogene Gruppe das gemeinsame Ziel aus den Augen verliere, könne die Wirkungsweise der Ratio verheerende Folgen haben: in der Politik. «Es gibt zwar ein Land, in dem das kompetitive argumentative Ringen um die beste Lösung für die Gemeinschaft recht gut klappt: in der Schweiz, vor allem auf Kantonsebene. Doch in Frankreich oder den USA ist die echte Diskussion fast tot.»

So beobachtet Sperber in den aktuellen Wahlkämpfen, dass die Politiker sich bemühen, nicht die Argumente des Kontrahenten zu zerpflücken, sondern dessen Glaubwürdigkeit. Besonders die Populisten setzen auf guruhafte Autorität. «Wenn Trump sagt, Gott habe den Regen extra für seine Vereidigungsrede gestoppt, glauben ihm die Anhänger, auch wenn Fotos und Videos Regen und Schirme zeigen. Sie versuchen, das Offensichtliche wegzurationalisieren: ‹Die Schirme waren vorsorglich geöffnet.› Sich selbst zu überzeugen: Das ist für sie überlebensnotwendig, denn es gilt die Autorität ihres Anführers. Was Gegner sagen, ist unerheblich.» Es sei bei uns arbeitsteiligen Wesen auch nicht per se verkehrt, sondern sinnvoll, Experten zu vertrauen, von Spurenleser bis Arzt. Aber in der Politik habe sich dieses Verhalten gefährlich verselbstständigt.

«Marine Le Pen vom Front National etwa liefert immerzu ihre Standards für die Stammwähler. Sie erreicht damit das Gleiche wie Populisten anderswo: Polarisierung. Denn wenn der ‹Confirmation Bias› nicht wider gegnerische Argumente spielt, sondern nur für die eigenen Jünger, führt er zu Abschottung, Fanatisierung und einem ausgeprägten ‹Wir gegen die›-Denken. Leider ist dieses Denken fast überall angekommen.» Auch der belesene Sozialist Benoît Hamon bleibe in seiner Blase.

«Perverse Effekte»

Um unsere Gesellschaft aus dem Würgegriff der Polarisierung zu befreien, hofft Sperber auf Institutionen. «Der soziale Gebrauch der Ratio fürs Allgemeinwohl muss geübt werden, von Familie über Schule und Gemeinde bis zum Parlament – für eine offen beratende, deliberative Demokratie. Prüfen Sie sich selbst», rät er: «Gehts in Ihrer Familie um die Macht oder das Wohl für alle? Welchen Wert hat, wenn es Streit gibt, die Qualität eines Arguments?»

Es sei erwiesen, dass Schulen, die Schüler zum gemeinsamen Diskutieren über Lösungen anregen wie in Finnland, bei der Pisa-Studie besser abschneiden. Dan Sperber selbst verbrachte seine Sommer an der alternativen Ecole D’Humanité im Kanton Bern: «Grossartig! Aus solchen Schulen kommen bessere Staatsbürger, die Verantwortung übernehmen und sich weniger leicht von Demagogen verführen lassen. Die Ratio kann einen perversen Effekt haben, Extremismus und Polarisierung fördern. Aber unter guten Bedingungen stösst sie den gesellschaftlichen Fortschritt an.»

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