Willst du einen Traubenzucker?

Güzin Kar über ihre Panikattacken und nutzlose Verbesserungsvorschläge an ihr Leben.

Unsere Kolumnistin Güzin Kar.

Unsere Kolumnistin Güzin Kar. Bild: Melek Kaya

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«Alles gut?», fragte die Frau neben mir. Wir sassen auf der Bank an der Tramhaltestelle. Sie hatte bereitwillig ihre Einkaufstaschen von der Sitzfläche gehoben, um Platz für mich zu machen. Dabei muss sie meine Aufgewühltheit bemerkt haben. Ich sagte: «Ja ja, nicht schlimm. Ich habe Panikattacken. Die kommen und gehen», und sie sagte: «Oh, nicht gut. Jeder hat etwas. Meine Tochter hat Nierenprobleme.» Sie sprach mit einem Akzent, der auf den Balkan verwies. Wir sprachen übers Einkaufen, ihre Hitzewallungen in Supermärkten und über Männer. Sie sagte, dass sie, wenn sie noch einmal die Wahl hätte, Single bleiben und herumreisen würde. So hangelten wir uns von Thema zu Thema.

Die erste Panikattacke befiel mich vor einigen Jahren, als ich jemandem beim langsamen Sterben zusah. Seither springt sie mich an wie eine Horde wütender Hunde, launisch, unberechenbar. Mal zeigt sie sich zahm und leise, mal bedrohlich und gefährlich mit allem, was an Herzrasen und Schweissausbrüchen aufzubieten ist. Insbesondere vor Lesungen und anderen Auftritten steigert sie sich zu einer Todesangst, begleitet von der unfreiwillig komischen Vorstellung, dass ich beim Lesen meines eigenen Buches sterben könnte und man daraufhin auf dem Cover den Kleber «Vorsicht! Lesen auf eigene Gefahr» anbringen müsste. Was mir aber viel mehr zu schaffen macht als mein Leiden selber, sind die Ratschläge der Mitmenschen: «Einer Freundin von mir hat eine Maltherapie geholfen»; «Eine verschlackte Galle äussert sich in negativen Gefühlen»; «Du musst dein Leben entschleunigen und achtsamer werden»; «Willst du einen Traubenzucker?»

Die Verbesserungsvorschläge an mein Leben und meinen Blutzucker sind nicht böse gemeint, sondern Ausdruck der eigenen Hilflosigkeit. Nur habe ich jeden noch so kuriosen Ratschlag schon öfter gehört, als ein Nichtbetroffener sich dies vorstellen kann. Ausserdem erzeugt es zusätzlichen Stress, wenn man sich zusätzlich zur Störung um die Unbeholfenheit der anderen kümmern muss. Natürlich könnte ich mich dem entziehen, indem ich mein Leiden verschweige, habe aber beschlossen, es zu benennen. Ich gehe nicht damit hausieren, will weder eine Sonder­behandlung noch längere Gespräche zum Thema, sondern nur, dass keiner beleidigt ist, wenn ich mitten im Gespräch plötzlich unkonzentriert bin oder kurz den Raum verlassen muss, was aber selten vorkommt.

Inzwischen weiss ich, dass Panikattacken nicht das Geringste mit einer falschen Lebensführung zu tun haben, sondern im Gegenteil die richtige Reaktion auf ein falsches Versprechen sind. Das Versprechen, dass, wenn wir alles richtig machen, wenn wir uns richtig ernähren, den richtigen Menschen lieben, gut schlafen, Sport machen und Höflichkeit pflegen, ewig leben würden. Dass der Tod uns verschonen würde. Und dann muss man dabei zusehen, wie ein naher Mensch zerfällt und erlischt, und das, obwohl niemand etwas falsch gemacht hat. Meine Panik ist das Eingeständnis, dass es Situationen gibt, die keiner Logik gehorchen. So gesehen, ist sie der schalkhafte Gruss eines derbhumorigen Unterbewusstseins, der daran erinnert, dass man nicht alles kontrollieren kann und dass Sterben kein Versagen ist. Ich habe deshalb beschlossen, sie nicht behandeln zu lassen. Die unbekannte Frau, die mein Leiden so ungerührt hinnahm und mit den Nierenproblemen ihrer Tochter verglich, hatte all meine Sympathien. «Also tschüss, muss kochen gehen», sagte sie noch, als sie aufstand, und: «Gute Besserung.» Ich fand das sehr schön.

Erstellt: 09.03.2018, 16:22 Uhr

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