«Oliver verhält sich wie ein öffentlicher Ankläger»

Der Historiker Caspar Hirschi plädiert dafür, dass sich nicht nur Betroffene zu #MeToo äussern sollen.

Ein neuer Typ Intellektueller? Der Late-Night-Host John Oliver. Foto: Redux, Laif

Ein neuer Typ Intellektueller? Der Late-Night-Host John Oliver. Foto: Redux, Laif

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Täuscht der Eindruck, oder können Wissenschaftler heute keine Debatten mehr führen, die für unsere Gesellschaft relevant sind?
Sie können schon, aber viele wollen nicht mehr. Das hat unter anderem institutionelle Gründe. Universitäten sind heute ganz andere Gebilde als noch vor 30 oder 40 Jahren, als sie Unruheherde waren. Seither haben sie einen massiven Disziplinierungsprozess durchlaufen.

Etwa mit der Bologna-Reform, die zu einer Verschulung geführt hat.
Betroffen davon sind vor allem die Geisteswissenschaften, deren gesellschaftliche Relevanz entscheidend von originellen Widerspenstigen abhängt, die sich kritisch in öffentliche Angelegenheiten einmischen. Heute sind diese Figuren selten geworden, was teils an den Geisteswissenschaften selbst liegt; sie haben das Feld freiwillig anderen überlassen.

Wem?
Ökonomen etwa. Die führen sehr wohl noch relevante Debatten. Thomas Piketty ist heute der französische Intellektuelle mit der stärksten internationalen Ausstrahlung. Vor 20 Jahren war es undenkbar, dass dies einem Ökonomen gelingen könnte. Dabei macht Piketty nichts Revolutionäres. Er setzt die reiche Tradition der engagierten Wirtschaftswissenschaft linker Prägung fort, macht sich zum gezähmten Urenkel von Karl Marx. Es gibt auch Intellektuelle neuen Typs, etwa die TV-Comedians.

Die TV-Comedians?
Ja, denken Sie nur an John Oliver: In seinen Fernsehmonologen verhält er sich wie ein öffentlicher Ankläger, der sein Publikum über den Machtmissbrauch von Politikern und Managern aufklärt und zum Widerstand auffordert. Damit kommt er einem Emile Zola, der die Intellektuellenrolle im späten 19. Jahrhundert geprägt hat, näher als die meisten heutigen Wissenschaftler und Literaten.

John Olivers Anklagen sind aber sehr unterhaltsam.
Selbstverständlich unterläuft John Oliver den hohen Ton der Anklage mit allerlei Albernheiten, und er hat im Hintergrund ein Autorenteam, das für ihn recherchiert und Witze schreibt. Aber Oliver bekennt sich zu einem aufklärerischen Aktivismus: Er will mit seinen Anklagen Wirkung erzielen, wenn er etwa seine Zuschauer dazu aufruft, die Websites staatlicher Behörden mit Anfragen lahmzulegen. John Olivers Erfolg zeigt, dass Orientierung durch Intellektuelle gerade heute wieder gefragt ist.

Die Geisteswissenschaften hätten auch Chancen, packen sie aber nicht.
Einige tun es, etwa der US-Historiker Timothy Snyder oder sein britischer Kollege Timothy Garton Ash. Aber die beiden sind Ausnahmen. Die Schwierigkeit ist, dass Geisteswissenschaftler viel ideologischen Ballast abwerfen müssen, bevor sie sich wieder als Intellektuelle engagieren können. Einen beträchtlichen Teil dieses Ballastes hat ihnen Michel Foucault aufgeladen.

«Die Debatte dreht sich um Stars und Sternchen und verliert so an gesamtgesellschaftlicher Relevanz.»

Ausgerechnet Foucault, der meistzitierte Autor in den Geistes- und Naturwissenschaften?
Keiner hat die Intellektuellenrolle so wirkungsvoll zerlegt wie er. Als Foucault jung war, gehörte die Intellektuellenbühne Jean-Paul Sartre, der sich als Fürsprecher aller Unterdrückten der Welt verstand. Foucault machte diesen Anspruch lächerlich und erfand als Gegenfigur den «spezifischen» Intellektuellen. Dieser sollte sich für bestimmte Opfer einsetzen und diesen helfen, ihre eigene Stimme hörbar zu machen.

Das klingt ja erst mal sympathisch.
Ja, aber es war dann ausgerechnet Foucault, der als Erster aus der Rolle fiel, die er sich erdacht hatte. Nach 1970 setzte er sich für Gefangene ein, aber sobald diese in den Medien zu Wort kamen, kritisierte Foucault sie dafür, sich in die Pose des «unschuldigen Opfers» zu werfen. Sie redeten anders, als er es für sie vorgesehen hatte! Foucault fand sich also nicht damit ab, zum Lobbyisten zu werden, der zu verstummen hatte, sobald seine Klienten für sich selber sprachen. Später versuchte er, Sartres Rolle wiederzubeleben, nur hatte er ihr schon den ideologischen Boden entzogen.

Für Sartre war der Intellektuelle einer, der sich «in etwas einmischt, was ihn nichts angeht».
Genau das erscheint seit Foucault anmassend. Bis Sartre beruhte die Glaubwürdigkeit des Intellektuellen darauf, dass er sich mit der Autorität des unabhängigen Denkers in fremde Angelegenheiten einmischte. Foucault hat eine Entwicklung mit angestossen, in der nur noch die Perspektive von Betroffenen zählt. Folgen davon sehen wir bei #MeToo.

Wirklich?
Ja, bei #MeToo kommt es zu individuellen Opferklagen, die meiner Meinung nach eine grundsätzliche Diskussion über das Problem sexueller Übergriffe erschwert. Intellektuelle Stimmen wie die feministische Autorin Margaret Atwood, die sich um eine kritische Einordnung des Geschehens bemühen, werden niedergeschrien, weil sie nicht als Opfer oder sonst wie Betroffene auftritt.

Viele Frauen würden Ihnen widersprechen, da mit #MeToo auf Übergriffe hingewiesen wird, die nicht aus unabhängiger Warte beschrieben werden können. Oder sie wären nie öffentlich geworden.
Das seh ich als Historiker anders. In meinem neuen Buch gehe ich auf Voltaires Engagement für religiöse Toleranz in der Affäre Calas und Zolas Kampf gegen Antisemitismus in der Affäre Dreyfus ein. Beide haben einen skandalösen Einzelfall zum Anlass genommen, um einen gesellschaftlichen Missstand anzuprangern und mit allgemeinen Prinzipien zu bekämpfen. Bei #MeToo hätte ein solcher Einzelfall die «Affäre Weinstein» sein können, ein lupenreiner Skandal, der repräsentativ ist für viele Formen von sexueller Belästigung und Machtmissbrauch im Arbeitskontext.

«In vielen Fällen ist nicht mehr klar, ob nun die Frauen Opfer sexueller Übergriffe oder die Männer Opfer medialer Rufmordkampagnen geworden sind.»

Nun jagt ein Skandal den anderen.
Und die Bewegung landete im moralischen Graubereich. In vielen Fällen ist nicht mehr klar, ob nun die Frauen Opfer sexueller Übergriffe oder die Männer Opfer medialer Rufmordkampagnen geworden sind.

Etwa beim Comedian Aziz Ansari, den man nach einem misslungenen Date des Missbrauchs beschuldigte.
Oder beim Comedian Louis C. K. und bei Woody Allen. Da ging die moralische Eindeutigkeit der Weinstein-Affäre verloren. Weil es sich aber um Prominente handelt, wurden die Geschichten von den Medien mit moralisch verbrämtem Voyeurismus hochgekocht. Damit dreht sich die Debatte um unschöne Geschichten von Stars und Sternchen und verliert an gesamtgesellschaftlicher Relevanz.

Dann sollten wir den traditionellen Intellektuellen wiederbeleben, der für andere sprechen kann?
Es wäre bereits viel gewonnen, wenn wir zu einer funktionierenden Debattenkultur zurückfinden würden. Dazu müssen wir aber den Opferkult überwinden.

Das ist doch nicht Ihr Ernst!
Doch, die meisten sozialen Missstände lassen sich nicht verstehen, geschweige denn beheben, wenn wir sie in ein Opfer-Täter-Schema pressen. Genau dies geschieht aber, wenn über Missstände nur jene sprechen sollen, die für sich die Opferrolle reklamieren. Lösbare Probleme werden so unnötig polarisiert.

Sie haben mal von einer «Polarisierungssymbiose» gesprochen. Was meinen Sie damit?
Es geht mir darum, falsche Strategien im Umgang mit Rechtspopulisten aufzuzeigen. Die häufigste läuft nach folgendem Muster ab: Ein selbst erklärter Frei­denker begeht eine verbale Grenzüberschreitung, worauf ein moralischer Entrüstungssturm losbricht. Wer sich an ihm beteiligt, wehrt nicht den Anfängen, wie so oft behauptet wird. Man wird vielmehr Gefangener des Diskurses, den die Populisten wollen, und ist ihnen in inniger Feindschaft verbunden.

«Nun führen wir eine Alles-oder-nichts-Debatte, die absurde Züge trägt.»

Beispiele für solche Provokationen fallen uns sofort ein: Roger Köppel liest eine Göring-Biografie und zeigt sich angetan vom Nazi als Mensch.
Das Schlimmste für die Köppels dieser Welt wäre, wenn sie für ihre plumpen Provokationen nichts als Schweigen ernten würden. Alle andern hätten wieder den Kopf frei, um drängende Themen selber zu setzen, anstatt auf Abbruchvorlagen von rechts aussen zu reagieren.

Das sieht man aktuell bei No Billag.
Absolut. Vor und nach der letzten Gebührenabstimmung im Jahr 2015 hätten wir die ideale Gelegenheit gehabt, eine Debatte über Sinn und Zweck der öffentlich-rechtlichen Medien zu lancieren, aus der eine neue Strategie für die SRG hätte hervorgehen können. Nichts geschah, ja die SRG-Verantwortlichen haben munter weiterexpandiert, als habe es keinen Schuss vor den Bug gegeben. Nun führen wir eine Alles-oder-nichts-Debatte, die absurde Züge trägt. Anstatt Szenarien zu entwerfen, wie der Kollaps privater Medienhäuser zu verhindern ist, müssen wir die einzige Institution vor dem Untergang bewahren, die Google und Facebook widerstehen kann.

Was tun? Einen Blog gründen, wie dies Ihre Zürcher Unikollegen gemacht haben, die von dort aus die Rechten kritisieren?
Ich bezweifle, dass dies viel bringt. Der angesprochene Blog ist kein Forum für Debatten, sondern eine Kirche für Bekehrte. Wenn wir Geisteswissenschaftler demokratische Auseinandersetzungen mitgestalten wollen, müssen wir raus aus der Komfortzone und mit Gegnern diskutieren, anstatt gegen Feinde zu polemisieren. Dazu aber brauchen wir Medien, die ein breites und pluralistisches Publikum haben: Säulen der Demokratie wie die SRG.

Erstellt: 28.02.2018, 19:41 Uhr

Caspar Hirschi

Historiker und Essayist

Caspar Hirschi, geboren 1975 in Zürich, ist Professor für Allgemeine Geschichte an der Hochschule St. Gallen. Hirschis Essays wurden unter anderem in der FAZ und im «Merkur» veröffentlicht. Im Herbst 2018 erscheint bei Matthes & Seitz in Berlin sein Buch «Expertenskandale – Skandalexperten: Zur Geschichte eines Gegenwartsproblems».

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