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Zarathustras letzte Feuer

Im Iran entdeckt die Jugend die alte persische Kultur neu. Gleichzeitig verlassen immer mehr Anhänger des Zoroastrismus das Land. Der Religion droht das Ende in ihrem Ursprungsgebiet.

Eine Iranerin mit dem Bildnis des Zarathustra in einem Feuertempel in der Provinz Yazd südöstlich von Teheran. Foto: Ebrahim Noroozi (AP, Keystone)
Eine Iranerin mit dem Bildnis des Zarathustra in einem Feuertempel in der Provinz Yazd südöstlich von Teheran. Foto: Ebrahim Noroozi (AP, Keystone)

Was ist das Besondere an einem Feuer, das seit 1548 Jahren ununterbrochen brennt? Vielleicht sind es die Gedanken, die einem durch den Kopf gehen, wenn man in eine Flamme schaut, die zu einer Zeit entzündet wurde, in der Hunnenkönig Attila im untergehenden Weströmischen Reich gewütet hat.

Hier, wo Lut, die grösste Wüste des Iran, auf die Salzwüste Kawir trifft, liegt Yazd, eine der ältesten Städte des Iran. Und im Äteschkadeh, dem Feuertempel an der Kashani-Strasse, brennt das heilige Feuer der Zoroastrier, der Angehörigen jener altpersischen Religion, die es seit etwa 3000 Jahren gibt und deren Lehre einst Zarathustra begründete. Yazd ist heute das Zentrum des iranischen Zoroastrismus. Umgeben von Wüsten, fühlten sich die Anhänger Zarathustras vor der Verfolgung durch die Muslime sicher. Das Feuer im Äteschkadeh soll seit dem Jahr 470 n. Chr. nicht erloschen sein und brannte ursprünglich in der 60 Kilometer nordwestlich gelegenen Stadt Ardakan, bevor es vor etwa 500 Jahren nach Yazd in Sicherheit gebracht wurde. Dass es bis heute brennt, ist ein Wunder.

Beunruhigte Mullahs

Einst loderten Tausende Feuer in den Tempeln der Zoroastrier – vom Mittelmeer bis nach Turkmenistan, von Baku am Kaspischen Meer bis an den Persischen Golf. Doch als die Araber 642 das letzte persische Grossreich der Sassaniden besiegten, begann der langsame Tod der Religion Zarathustras, die das Land zu diesem Zeitpunkt 1600 Jahre lang geprägt hatte. Die Feuertempel wurden zerstört oder zu Moscheen umgewidmet, die Zoroastrier verschwanden, wurden zwangsislamisiert, getötet. Tausende wanderten nach Indien aus, wo sie noch heute als Parsen – Perser also – eine eigene Gemeinschaft bilden.

Doch Zarathustra ist zurück. Ausgerechnet in der Islamischen Republik feiert der mysteriöse Lehrer und Religionsgründer eine Wiedergeburt. Leise, unauffällig, verhalten zwar – doch in einem Ausmass, welches die Mullahs an der Staatsspitze beunruhigt. Weil Faravahar, das Symbol des Zoroastrismus – ein geflügelter Mann mit Bart und Kappe, der seine Hand ausstreckt –, im Iran allgegenwärtig ist.

Es wird von jungen Frauen und Männern als Kettchen um den Hals getragen, als Tattoo, es prangt auf T-Shirts, als Aufkleber an Autos, als Bild oder Steinrelief in Haushalten. Wer sich auf den Strassen der Städte Teheran, Isfahan oder Schiras bewegt, begegnet Faravahar-Symbolen. Für die iranische Jugend ist das Ausdruck ihres Stolzes auf die vorislamische Kultur, für die schiitischen Machthaber eine Provokation.

Zarathustra ist wieder da, obwohl die von den Muslimen einst als Feueranbeter verächtlich gemachten Zoroastrier fast schon verschwunden waren. Lebten 1986 laut dem iranischen Zensus 90000 Zoroastrier im Land, so sind es heute pessimistischen Schätzungen zufolge 6000 bis 7000. Sie leben vor allem in Yazd, in Isfahan und Teheran. Sorush Khosravi ist einer von ihnen. Hellblauer Massanzug, weisses Hemd, gepflegte Erscheinung: Der 41-Jährige managt in Yazd eine Fabrik für Keramikfliesen. Er ist der Spross einer alteingesessenen zoroastrischen Familie.

Im Iran sind Zoroastrier geduldet

Wie lebt es sich als Angehöriger einer religiösen Minderheit in einem Land, das kraft seiner Verfassung 1979 zu einem Gottesstaat wurde? «Wir können weitgehend ein normales Leben führen», sagt er. Das war nicht immer selbstverständlich. «Als mein Vater in den Sechzigerjahren in die Schule ging, warfen Nachbarn faules Obst nach ihm, er galt ihnen als unrein», erzählt Khosravi. Gleichgestellt sind die Zoroastrier den Muslimen auch heute nicht, sie sind geduldet. Diese Duldung basiert auf dem Zugeständnis, für den Glauben nicht zu werben, nicht zu missionieren. Zoroastrier sollen möglichst unsichtbar sein. Wobei dieser auf Vernunft, Erkenntnis und Selbstbescheidung basierenden Religion Missionierungen oder ein offensives Auftreten ohnehin wesensfremd sind. Für diese Bescheidenheit werden Zoroastrier heute von ihren muslimischen Mitbürgern geachtet, sie gelten als ehrlich, freundlich, gebildet.

«Die Familien, die einst meinen Vater mit Obst bewarfen, sind heute unsere besten Freunde und haben sich längst bei uns entschuldigt», sagt Sorush Khosravi. Dass Zoroastrier dennoch das Land in Scharen verlassen, verstärkt in den vergangenen Jahren, hat etwas mit dem Verhalten der schiitischen Geistlichkeit dieser Religion gegenüber zu tun. Und damit, «dass das Leben im Iran für alle Menschen nicht einfach ist. Hinzu kommt, dass wir es leichter haben, das Land zu verlassen», sagt Khosravi, dessen Bruder vor zwölf Jahren nach Kalifornien ausgewandert ist und heute ein Spielcasino managt. Zoroastrier haben mit der westlichen Lebensart kaum Probleme. So droht der Religion, zu deren Kern edle Maximen wie «Gut denken, gut reden, gut handeln» gehören, das Ende ihrer dreitausendjährigen Geschichte im Iran.

Das letzte Kapitel dieses Dramas begann mit dem Sieg der Revolution Anfang 1979. Mit der Ausrufung der Islamischen Republik erhielt der Ungeist der Intoleranz neue Nahrung. Hochgestellte Zoroastrier in Politik, Militär und Verwaltung verloren ihre Posten. Zudem setzten Ayatollah Khomeini und ihm ergebene Eiferer in der Hizbollah-Partei des Iran zum Sturm auf die Symbole der alten persischen Kultur an. Junge Geistliche um den einflussreichen Ayatollah Khalkhali wollten damals die Ruinenstadt Persepolis, Hauptstadt der persischen Grossreiche, dem Erdboden gleichmachen. Im letzten Moment konnte 1979 der Konvoi aus Raupen und Baggern von meist jugendlichen Iranern aufgehalten werden.

Erste Menschenrechtserklärung

Die Mullahs mussten einsehen, dass die Iraner nicht bereit waren, die steingewordenen Symbole der alten persischer Kultur auf Befehl schiitischer Geistlicher zu opfern. Heute, fast 40 Jahre später, wollen das die Iraner weniger denn je. Zarathustras Erbe ist der Nachwelt nicht nur in den antiken Faravahar-Abbildungen von Persepolis erhalten geblieben, sondern auch in iranischen Bräuchen wie dem Neujahrsfest Nouruz im März, in den Versen der persischen Dichter Hafis und Ferdosi, in der mit vielen avestischen, altpersischen Begriffen durchsetzten Sprache. Zoroastrische Prinzipien erscheinen vielen wie eine Art Antithese zum islamischen Dogmatismus. So hat Kyros, der sechste König des altpersischen Achämenidenreiches, im Jahr 539 vor Christus die erste Charta der Menschenrechte verabschiedet, 2484 Jahre vor Gründung der Vereinten Nationen. Mit so beachtenswerten Sätzen wie diesem: «Ich verkünde heute, dass jeder Mensch frei ist, jede Religion auszuüben, die er möchte, und dort zu leben, wo er möchte, unter der Bedingung, dass er das Besitztum anderer nicht verletzt.»

Vieles im Zoroastrismus gleicht eher einer Philosophie als einer Religion, weil es sich auf ein vernunftbasiertes ethisches Wertesystem gründet. Der Schöpfergott der Zoroastrier ist Ahura Mazda, der in sieben Phasen die geistige und die materielle Welt, bestehend aus Sonne, Himmel, Erde, Gewässern, Tieren, Pflanzen und Menschen, geschaffen haben soll. So sagt es die Avesta, die heilige Schrift. Ihr Weltbild ist von einem Kampf zwischen Gut und Böse geprägt, den Ahura Mazda und sein Widersacher Ahriman austragen. Das Böse kann nur dauerhaft besiegt werden, wenn alle Menschen immer gut sind; in dieser Dichotomie ist damit auch das ethische Wertesystem enthalten, welches Pflichten und Verbote für die Zoroastrier definiert.

«Es reicht aus, täglich gut zu denken, gut zu reden, gut zu handeln und nicht mehr zu lügen.»

Behzad NikdinPriester und Hüter des Feuers im Tempel von Isfahan

Heute betonen die Zoroastrier, wie fremd ihnen Dogma und Zwang sind. Ihre Kinder müssen mündig und vorbehaltlos mit der Religion vertraut sein, ehe sie sich zu Ahura Mazda bekennen dürfen. Es gibt keine Vorschriften, nicht einmal, was die Gebete betrifft; alles basiert auf Freiwilligkeit, Frauen und Männer sind ebenbürtig. «Warum sich auch zu einer Religion bekennen?», fragt Behzad Nikdin, der Mobed, Priester und Hüter des Feuers im Tempel von Isfahan. «Es reicht vollkommen aus, täglich gut zu denken, gut zu reden, gut zu handeln und nicht mehr zu lügen.» Und um mehr geht es ja eigentlich nicht.

Den vielen Jugendlichen, die ihren Faravahar am Kettchen tragen, unterstellt der Priester, vom wahren Zoroastrismus und der Avesta, dem heiligen Buch, keine Ahnung zu haben. «Aber das ist auch in Ordnung so», sagt er beschwichtigend, «immerhin gibt es da ein Interesse für unsere alte persische Kultur.» Und dabei hat er sicher im Hinterkopf, wie das wachsende Interesse an seiner Religion, das es tatsächlich bei jungen Iranern gibt, die herrschenden Mullahs beunruhigt. Dass der deutsche Philosoph Friedrich Nietzsche Zarathustra einst benutzt hat, um ihn dann seine Philosophie einer radikalen Werteumkehr verkünden zu lassen, findet Behzad Nikdin schmeichelhaft. «Ich habe Nietzsches Bücher gelesen und in seinem Zarathustra viele Übereinstimmungen mit unserem entdeckt», sagt er. «Auch seine Aussage, dass Gott tot sei. Denn in Wahrheit meinte er damit: Hört auf, einen Gott im Himmel zu suchen, findet ihn zunächst einmal in euch selbst», so der 57-Jährige.

Mit einer Grussbotschaft überraschte der iranische Präsident Hassan Rohani den im australischen Perth im Juni 2018 begonnenen 11. Zoroastrischen Weltkongress, den er «einen Grund des Stolzes für alle Iraner» nannte. In den Ohren vieler Zoroastrier mag das wie Hohn geklungen haben, auch sein folgender Satz – angesichts der Politik, für die der Iran heute weltweit steht: «Zarathustra betonte, dass wir Doppelzüngigkeit und Unreinheiten vermeiden müssen, damit unser Leben mit Güte erfüllt wird.» Diese göttliche Botschaft möge sich auf der ganzen Welt verbreiten, schrieb der Präsident. Wobei ihm die Verbreitung der göttlichen Botschaft Zarathustras im eigenen Land eher Angst bereitet – weshalb sich das Regime über jeden Zoroastrier freut, der das Land verlässt.

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