Zum Neustart gibt es einen Liebestanz mit Pferdeschwanz

Das Centre culturel suisse in Paris startet mit einem kruden Eröffnungsabend in eine neue Ära.

Ohne jede Ironie: Der Film des Performance-Duos Delgado/Fuchs. Foto: Milena Buckel

Ohne jede Ironie: Der Film des Performance-Duos Delgado/Fuchs. Foto: Milena Buckel

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Aus der Unterhose wächst den beiden Tänzern ein meterlanger Pferdeschwanz. Man muss sich das einmal vorstellen, ein Mensch mit einem Pferdeschwanz, der ­jedes Wackeln mit dem Hinterteil verstärkt. Wir vermuten, dass der Schwanz das Tänzerpaar Marco Delgado und Nadine Fuchs bei jedem Schritt daran erinnern soll, dass es sich pferdemässig fühlen will und sich pferdeprächtig bewegt.

Mensch, Metamorphose, Pferd: ein uraltes Thema, wenn man an die Kentauren denkt. Oder die Naturvölker, die in ihren Tänzen Pferde nachahmen. Da sind also zwei Bewegungskünstler aus Lausanne, Balletttänzer, die sich auf dem Weg hin zum Unaussprechlichen, zum Tabuisierten, zum Transgressiven, zum Andern befinden, aber eben nur bewegungsmässig.

Denn das, was hier zum Besten gegeben wird, ist platt und unbeholfen und ohne jede Ironie. Einmal geben sie sich in ­diesem Bergfilmchen mit dem prätentiösen Titel «Horsetail Knickerbelt» einen Kuss. Aber vorher und nachher dürfen wir ihre wohltrainierten Hintern ­anschauen, ja, meistens sieht man sie von hinten, sodass einem der meterlange Pferdeschwanz immer vor Augen ist.

Eigentlich müsste man sie schützen vor so einer Performance. Fehlt es hier nicht einfach an einem klugen Choreografen, Regisseur oder Dramaturgen, der sie vor diesem so banalen wie kitschigen Gestelze bewahrt? Viel Nacktheit präsentieren sie, durchgebogene Rücken und ausgestellte Brüste, auf- und abkippende Becken, aber wozu? Man muss wohl davon ausgehen, dass es ihnen ­gefällt, dass sie sich gut fühlen dabei, dass sie eine Notwendigkeit darin sehen, diese Performance zu machen.

Starke Musiker

Selbstbefriedigung ist aber zu wenig. Auch im Garten der Performance, wo man sich gegenüber Kritik weitgehend immunisiert hat, gibt es ein Gut und ein Schlecht. Hinzu kommt, dass das Duo im Centre culturel suisse in Paris nicht nur diese abgefilmte Pferdeperformance vorgeführt hat, sondern auf Einladung von Jean-Marc Diébold, dem neuen Leiter dieser seit 1985 bestehenden Institution im Trend- und Shoppingviertel Marais, Carte blanche für den ganzen Abend bekommen hat.

Wir haben da also nicht nur Delgado und Fuchs im Film zu Gesicht bekommen und in einer Live-Performance, die das gefilmte Stück an Peinlichkeit noch übertraf. Wir haben auch Musiker und Tänzer gesehen und ­gehört, die mit ihnen befreundet sind und die den Abend mit ihren Vorführungen zu einem kleinen Festival werden liessen, aber nicht retten konnten.

Um es kurz zu machen: Die Musiker sind jeder für sich Meister ihres Faches. Malcolm Braff am Piano und Julian Sartorius am Schlagzeug muss man gehört haben. Die Tänzer hingegen arbeiten sich an ähnlichen Traumas ab wie Delgado und Fuchs. Krassen Krastev turnt an einer Polstange, wie wenn er sich als Stripteasetänzerin versuchen wollte. Emma Murray füllt ihre Strumpfhose und ihr Top, das ihre Brust mehr schlecht als recht bedeckt, mit Luftballons, die mit Wasser gefüllt sind. Dann lässt sie bewehrt mit diesem Ballast ein peinigendes, masochistisches Gehopse vom Stapel, das von sich behauptet (wir lesen das in der Programmvorschau), sich mit Formproblemen des weiblichen Körpers zu befassen.

Wir erlebten die Schweiz an diesem Abend als bescheiden, was ihren Auftritt betrifft, und noch bescheidener in ihren Kunstansprüchen. 

Da dies alles im Centre culturel suisse stattfindet und als Eröffnungsabend einer neuen Ära gedacht ist, drängt sich natürlich die Frage auf, welches Bild von der Schweiz hier vermittelt wird. Wir erlebten die Schweiz an ­diesem Abend jedenfalls als ­bescheiden, was ihren Auftritt betrifft, und noch bescheidener in ihren Kunstansprüchen.

Dabei kann man sich auch ganz grundsätzlich überlegen, was denn ein solches Zentrum der Schweizer Kultur im Ausland leisten soll. Kann man es einfach als Abspielstätte für Kleinkunst aller Art betreiben, Stichwort PR-Plattform, oder muss es nicht vielmehr das Beste vom Besten vorführen, um den Franzosen zu zeigen, was die Kulturnation zwischen Jurabogen und Alpengebirge zurzeit bewegt?

Grenzen der Realität

Nun stösst ein allzu anspruchsvolles Anforderungsprofil schnell an die Grenzen der Realität: Produziert die Schweiz überhaupt genug Erstklassiges für ein nationales Kulturfenster im Ausland? Und braucht es für die wirklich exzeptionelle Kunst ein von der Pro Helvetia finanziertes Kulturzentrum? Schafft es diese nicht auch ohne Unterstützung ins Ausland?

Einstweilen jedoch wird munter fortprogrammiert. Jean-Marc Diébold hat ein dichtes Programm zusammengestellt, das die Räumlichkeiten des Centre culturel suisse bis im Juli füllt. Geplant sind Performances, Jazzkonzerte, Tanz, Theater, Zirkus, Filme und Debatten. Die geladenen Künstler sind, wenn wir uns nicht täuschen, mehrheitlich aus der Romandie. Dazu kommt ein Ausstellungsprogramm, das von der Baslerin Claire Hoffmann kuratiert wird. Hier sind Lauren Huret, Pedro Wirz, Doris Stauffer, Nives Widauer und Reto Pulfer angekündigt.

Nach dem ernüchternden Auftakt wünschen wir dem Zentrum, dass es sich nicht einfach als Spiegel der Kleinkunstseele, pardon: Kleinkunstszene unseres Landes versteht. Sondern sich nicht zu schade ist, den Griff nach den Sternen zu wagen.

Erstellt: 20.01.2019, 18:23 Uhr

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