Zwei Päpste, vereint im Verschweigen

Bestsellerautor Anthony McCarten hat eine originelle Doppelbiografie von Benedikt XVI. und Franziskus geschrieben.

Papst Franziskus (links) empfängt den emeritierten Papst Benedikt XVI. 2017 im Vatikan.<br />Foto: Reuters

Papst Franziskus (links) empfängt den emeritierten Papst Benedikt XVI. 2017 im Vatikan.
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Nichts ahnend ist Kardinal Jorge Mario Bergoglio von Buenos Aires nach Rom gereist. Er trifft Papst Benedikt XVI. in Privataudienz, um ihn zu fragen, warum er seine beiden Rücktrittsgesuche nicht beantwortet habe. Er wolle als Erzbischof der argentinischen Hauptstadt zurücktreten und in Pension gehen. Drehbuchautor Anthony McCarten lässt die beiden in einen fiktiven Dialog treten: den allen Relativismus verachtenden Traditionalisten mit dem risikofreudigen Reformer. Ein exemplarischer Dialog, wie er auch im Brexit-geschüttelten Grossbritannien oder im politischen Amerika möglich wäre, erklärt der neuseeländische Autor im Gespräch in einem Zürcher Hotel.

Regisseur Fernando Meirelles hat McCartens Drehbuch für Netflix verfilmt – mit Anthony Hopkins als Benedikt und Jonathan Pryce als Kardinal Bergoglio. Die Produktion wird kurz vor Weihnachten verfügbar sein. Das Buch ist schon da: eine Doppelbiografie der beiden lebenden Päpste – im Unterschied zum Film über weite Teile dokumentarisch. McCarten hat breit recherchiert, er, der mit Romanen wie «Englischer Harem» und «Superhero» oder den Drehbüchern zu «Darkest Hour» (über Winston Churchill) und «Bohemian Rhapsody» berühmt wurde. Auch das Sachbuch trägt die Handschrift des Dramatikers, der seine Protagonisten zueinander in Spannung zu setzen weiss und zu bedenkenswerten Hypothesen gelangt.

Bergoglio stand im Konklave auf Platz 2

Etwa jener, dass sich Benedikt XVI. Bergoglio als seinen Nachfolger durchaus vorstellen konnte und deshalb dessen Rücktrittsbegehren einfach liegen liess. Schliesslich rangierte der Argentinier im Konklave von 2005, aus dem Ratzinger als Papst Benedikt hervorging, direkt hinter diesem auf Platz 2.

Es ist der Rücktritt Benedikts, der McCarten umtreibt. Zum einen, weil zwei Päpste problematisch werden können, wenn der Zurückgetretene nicht, wie versprochen, schweigt, sondern der Öffentlichkeit etwa den Missbrauchsskandal mit der 68er-Verweichlichung erklärt. Wo kommen wir hin, wenn zwei Päpste im Namen Gottes Unfehlbarkeit beanspruchen? Spaltet das nicht die Gläubigen? Welchem Papst sollen sie folgen?

Für McCarten ist Benedikts Rücktritt ein deutliches Eingeständnis von Schuld und Unfähigkeit.

Zum anderen frappiert McCarten, dass ausgerechnet der Traditionalist Ratzinger zurücktritt und mit einer jahrhundertealten Tradition bricht. «Das Noble an seinem Rücktritt ist, dass Benedikt damit die Möglichkeit für Wandel und Reformen schaffen wollte», sagt McCarten. Dennoch ist die Demission für ihn ein «deutliches Eingeständnis von Schuld, Mittäterschaft und Unfähigkeit». Das Ausmass des Missbrauchsskandals, das die Kirche in eine nie da gewesene Autoritätskrise gestürzt habe, habe Benedikt überfordert.

Im ganzen Buch ist McCartens Sympathie für Bergoglio alias Franziskus spürbar. Er mag ihn wegen seines Engagements für die Armen, die Flüchtlinge, die Umwelt. Er mag Franziskus, weil er ihn wieder neugierig gemacht hat auf die Kirche, an der er schon als Teenager das Interesse verloren hatte. «Jahrzehntelang war die Kirche für mich ein Raum, in dem es trotz offener Fenster völlig windstill war. Darum ist die frische Brise, die dank Franziskus durch den Raum weht, so willkommen», sagt der 58-Jährige im Gespräch.

Sein Wohlwollen, ja seine Bewunderung für den argentinischen Papst hindert den Autor nicht daran, akribisch nachzuzeichnen, was andere Biografen und Journalisten als längst erledigt betrachten: die Unterlassungen des argentinischen Jesuitenoberen Bergoglio zur Zeit des «Schmutzigen Krieges» von 1976 bis 1983, als sich die Kirche mit der Militärjunta arrangierte.

Warum sich Franziskus als Sünder bezeichnet

Es ist der stärkste Teil des Buches: Historiker und Dramatiker zugleich, nimmt McCarten Papst Franziskus beim Wort, der sich bei jeder Gelegenheit als Sünder bezeichnet. McCarten zufolge sind damit die Sünden während der Militärdiktatur gemeint. Sehr detailliert schildert er etwa den Fall der beiden Jesuitenpriester Orlando Yorio und Franz Jalics, die 1976 entführt und fünf Monate lang gefoltert wurden, nachdem Bergoglio veranlasst hatte, dass die des Marxismus bezichtigten Befreiungstheologen nicht mehr in den Slums von Buenos Aires arbeiten durften.

Doch McCarten attestiert Bergoglio ein Damaskuserlebnis: Als dieser 1990 nach Córdoba, in den Nordosten des Landes, abgeschoben worden sei, habe diese Zeit der Krise seine Wandlung vom autoritären Kirchenoberen zum demütigen Hirten eingeleitet, der den Gefangenen die Füsse waschen wolle. Die Läuterung habe ihm erlaubt, aus der Asche aufzuerstehen und bis an die Spitze der Kirche zu gelangen.

Läuterung? Noch 2010 hat Bergoglio vor Gericht über die Geschehnisse der Juntazeit ausweichende Antworten gegeben, ja gelogen. «Sünde ist eben nicht etwas, das man in die Waschmaschine tun kann, die Sünde bleibt eine offene Wunde», so McCarten. Bergoglio werde immer Sünder bleiben und nie eine weisse Weste haben.

Gemeinsam sei den beiden Päpsten auch die «Mauer des Schweigens», die sie vor ihre Vergangenheit gestellt hätten.

In einer Doppelbiografie muss es Schnittmengen geben, selbst bei so unterschiedlichen Männern wie Ratzinger und Bergoglio. «Beide wuchsen in autoritären Regimes mörderischer Diktatoren auf», schreibt der Autor, «beide wurden beschuldigt, bei den Brutalitäten tatenlos zugesehen zu haben.» Wobei im Buch der Nazischatten über Ratzingers Jugend viel weniger Gewicht bekommt als der schmutzige Krieg in Bergoglios Zeit als Jesuitenoberer. Gemeinsam sei den beiden Päpsten auch die «Mauer des Schweigens», die sie vor ihre Vergangenheit gestellt hätten.

Der Autor beleuchtet auch dunkle Zeiten der Biografien der beiden Männer und verknüpft so die beiden Lebensgeschichten; Franziskus (links) begrüsst Ratzinger. Foto: Max Rossi (Reuters)

Bei Ratzinger sieht McCarten in der «Überlebensstrategie der kognitiven Distanz» eine Parallele im Umgang mit der Hitlerzeit und dem Missbrauchsskandal. Er male das idyllische Bild einer Kindheit, die sich fast völlig ungestört von den Grausamkeiten des Zweiten Weltkriegs abgespielt habe. Analog habe er sich als Papst geweigert, sich der schrecklichen Realität des Missbrauchs zu stellen. McCarten rollt auch Fälle der Vertuschung aus der Zeit des Münchner Erzbischofs Ratzinger auf.

Bei Franziskus ist der Autor nachsichtiger

Dieselbe Parallele sieht der Autor allerdings bei Franziskus nicht: Auch er schweigt über sein Handeln unter der Militärjunta wie über die Vertuschung verschiedener Missbrauchsfälle. Er machte den (heute inhaftierten) Kardinal Georg Pell zum Finanzminister des Vatikans, obwohl er von den Vorwürfen gegen ihn wusste. Er förderte die in Misskredit geratenen Kardinäle Theodore McCarrick oder Philippe Barbarin. Die Liste liesse sich um viele Namen verlängern.

McCarten indes hält diese Fälle für blosse Munition der Konservativen, um auf Franziskus zu schiessen. Der Missbrauchsgipfel im Februar und die Massnahmen der Nulltoleranzpolitik öffnen für ihn ein ganz neues Kapitel und haben bereits zu einem «ausserordentlichen Rückgang der Anzahl gemeldeter Missbrauchsfälle geführt». Doch den qualitativen Sprung gegenüber dem Pontifikat Benedikts gibt es so nicht. Schon er hatte die Nulltoleranz gefordert und Dutzende von pädophilen Priestern entlassen.

Der Autor teilt das überhöhte Franziskus-Bild vieler anderer, die den Papst wegen seiner Zuwendung zu den Armen auch für einen absolut glaubwürdigen Kirchenreformer halten. McCarten, gerade dabei, für den Broadway ein Musical über Neil Diamond zu schreiben, nennt sich selber einen «Nichtexperten» in Kirchensachen. Dafür bringt er die beiden Päpste in ein dialektisches Verhältnis, wie das nur ein Stückeschreiber kann. Ohne Zorn und Polemik zeichnet er zwei lebendige Charaktere mit Schwächen und Tugenden. Das macht diese Doppelbiografie an der Schnittstelle von Dreh- und Sachbuch so lesenswert.

Anthony McCarten: Die zwei Päpste. Franziskus und Benedikt und die Entscheidung, die alles veränderte. Aus dem Englischen von Stefanie Schäfer. Diogenes, Zürich 2019. 400 S., ca. 32 Fr.

Erstellt: 08.10.2019, 16:42 Uhr

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