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US-Medien im WahlkampfWird Joe Biden von den Medien verhätschelt?

Die US-Medien tun sich im Wahlkampf schwer mit kritischen Fragen an den demokratischen Herausforderer von Donald Trump. Dabei spielt auch die Erinnerung an Hillary Clinton eine Rolle.

Joe Biden stellt sich im Wahlkampf kaum den Medien – und wenn er es doch tut, wird er sanft behandelt.
Joe Biden stellt sich im Wahlkampf kaum den Medien – und wenn er es doch tut, wird er sanft behandelt.
Foto: Reuters

Es ist keine leichte Aufgabe. Wie behandelt man einen Präsidentschaftskandidaten, der offensichtlich viele Mängel hat, aber dessen Gegner Donald Trump heisst – ein Mann, der jeden Tag aufs Neue lügt, Gift ausschüttet und sich eine andere Realität malt? Was heisst das für die Berichterstattung? Kann man da überhaupt noch mit gleichen Ellen messen?

Es sind Fragen, mit denen die politischen Medien in den USA derzeit jedes Mal konfrontiert sind, wenn sie den Demokraten Joe Biden zum Thema machen. Nicht selten hinterlassen diese Medien dabei den Eindruck, dass sie noch keine wirklich gute Antwort darauf gefunden haben.

In einem normalen Wahlkampf würde Joe Biden inzwischen mehrere Auftritte pro Tag haben, verteilt über das ganze Land. Er würde dabei von einem Tross von mitreisenden Korrespondenten begleitet, vor denen er regelmässig Stellung beziehen müsste: zu der Kontroverse des Tages, zu Kritik an seinem Programm, zum Stand des Wahlkampfs.

Bequem für Biden

Doch wegen der Corona-Pandemie ist der 77-Jährige überwiegend digital unterwegs, und wenn er sich doch irgendwo physisch hinbegibt, sind oft keine Medien zugelassen bis auf einen sogenannten Pool-Journalisten, der für die Kolleginnen und Kollegen der anderen Medien aufschreibt, was Biden sagt – ein besserer Stenograf.

Das ist bequem für Biden. Er minimiert damit das Risiko für jene verbalen Ausrutscher, für die er schon länger bekannt ist. Gleichzeitig heisst das auch, dass es in diesem Wahlkampf bereits eine kleinere Sensation ist, wenn der Kandidat dann doch einmal eine Medienkonferenz gibt.

So war das zuletzt vor einigen Tagen, als Biden in seinem Heimatstaat Delaware eine Ansprache zu den neuesten Arbeitslosenzahlen hielt und sich danach den Journalisten stellte, direkt übertragen von den grossen Kabelsendern. Was die Zuschauer da zu sehen und zu hören bekamen, war exemplarisch für den Umgang vieler Medien mit Biden in diesem Wahlkampf. Keine kritischen Fragen – sondern lauter Steilvorlagen.

Trump wird zu Trump gefragt, Biden ebenso

So wollte der erste Journalist von Biden wissen, was er von den angeblichen Aussagen Trumps über gefallene Soldaten halte, die derzeit für Aufregung sorgen: «Was sagt das aus über die Seele von Präsident Trump und über das Leben, das er führt?» Ein anderer Reporter fragte Biden, warum er nicht noch wütender sei über Trump, und ein weiterer lud ihn dazu ein, doch über Trumps Nähe zu Verschwörungstheoretikern zu sprechen. «Softball questions» nennen das die Amerikaner: leichte Fragen.

Kein Wunder also, dass konservative Kommentatoren diese Szenen als Beleg für ihre alte Behauptung hochhalten, wonach die nationalen Medien bloss der verlängerte Arm der Demokraten seien – eine Ansicht, die viele Amerikaner teilen. Trump selbst warf den Korrespondenten im Weissen Haus vor, ihn stets anzugreifen. Biden dagegen? «Ihr habt ihm Fragen gestellt, die man einem Kind stellen würde.»

Wie man es auch ausdrücken könnte: Donald Trump wird gefragt, warum Donald Trump so grässlich ist. Joe Biden wird gefragt, warum Donald Trump so grässlich ist.

In jedem anderen Wahljahr wären Bidens Probleme Gegenstand von wochenlangen Kontroversen.

Es sind nicht nur Trump und seine Verbündeten, die das so sehen. Schon bevor die Pandemie den Wahlkampf auf den Kopf stellte, seien die politischen Medien «bemerkenswert sanft» mit Biden umgegangen, hat der linke Medienkritiker Dan Froomkin beim Webmagazin Salon geschrieben: «Sie stellen ihm nicht einmal die offensichtlichen harten Fragen.»

Die gäbe es tatsächlich, aus der Vergangenheit und der Gegenwart. Da sind die zahlreichen, teils fundamentalen Positionswechsel, die Biden in seiner langen politischen Karriere hingelegt hat. Da sind Fragen nach seinem Umgang mit Frauen, die sich unter anderem wegen Vorwürfen einer ehemaligen Mitarbeiterin stellen.

Und da ist Bidens eigener Hang zu Übertreibungen und erfundenen Geschichten. So hatte er Anfang Jahr behauptet, er sei einst auf einem Weg zu einer Rede von Nelson Mandela verhaftet worden, was nicht stimmte. In jedem anderen Wahljahr wären diese Probleme Bidens Gegenstand von wochenlangen Kontroversen. Nun finden sie nicht statt.

Und immer wieder Hillarys E-Mails

Das hat wohl damit zu tun, dass Bidens Schwächen im Vergleich zu Trumps Entgleisungen und Handlungen als Präsident verblassen. Aber zumindest in Teilen der US-Medien dürfte auch die Erinnerung an den letzten Wahlkampf eine Rolle spielen.

So zeigte eine Studie der Harvard-Universität, dass die Medien – bemüht um Kritik nach allen Seiten – vor vier Jahren häufiger über die Affäre über den privaten E-Mail-Server von Hillary Clinton berichteten als über Trumps gesammelte Skandale.

Viele Journalisten bezeichneten das rückblickend als Fehler, den sie beim nächsten Wahlkampf vermeiden wollten. Aber wie macht man es besser? Tatsächlich keine leichte Aufgabe.