Analyse

«Zeit fürs Bett»

Eine «Stern»-Journalistin beschreibt in einem Porträt über den FDP-Politiker Rainer Brüderle, wie dieser ihr sexuelle Avancen machte. Die FDP ist empört über den Tabubruch. Dabei sollte sie dankbar sein.

Dirndl-Fan und FDP-Politiker: Rainer Brüderle betrachtet junge Journalistinnen als Freiwild.

Dirndl-Fan und FDP-Politiker: Rainer Brüderle betrachtet junge Journalistinnen als Freiwild.

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Deutschland diskutiert über einen «Tabubruch». Auslöser ist der Artikel einer «Stern»-Reporterin. In einem mit «Der Herrenwitz» betitelten Porträt beschreibt sie, wie FDP-Spitzenkandidat Rainer Brüderle bei einem Gespräch an einer Hotelbar zudringlich geworden sei. Zudringlich heisst in ihrem Fall, dass er Bemerkungen über ihre Brüste machte, sie zum Tanz aufforderte und auf ihre Bemerkung, dass zwischen ihnen ein professionelles Verhältnis herrsche, erwiderte: «Politikern verfallen doch alle Journalistinnen.» Und: «Am Ende sind wir alle nur Menschen.» Beim Abschied, so schreibt die Journalistin, «steuert er mit seinem Gesicht sehr nah auf mein Gesicht zu. Ich weiche einen Schritt zurück und halte meine Hände vor meinen Körper. Die Sprecherin eilt von hinten heran: ‹Herr Brüderle!›, ruft sie streng. Sie führte ihn aus der Bar. Zu mir sagt sie: ‹Das tut mir leid.› Zu ihm sagte sie: ‹Zeit fürs Bett.›»

Durchsichtig und primitiv

Der Text gibt in Deutschland zu reden, zumal vor einer Woche erst eine «Spiegel»-Reporterin über alltäglichen Sexismus in der Piratenpartei berichtete. Allerdings gibt es nicht nur Empörung über das zudringliche Verhalten des Politikers, sondern auch über dasjenige der Reporterin. Denn die beschriebenen Vorfälle haben sich vor einem Jahr zugetragen, publik machte sie die Journalistin erst jetzt, im politisch heiklen Moment, da Brüderle als FDP-Spitzenkandidat vorgestellt werden soll.

Dies sorgte in den Reihen der FDP denn auch für grosse Empörung. Unprofessionell sei das, schimpfte etwa Rainer Stinner, aussenpolitischer Sprecher der FDP, und lässt sich zur Aussage hinreissen: «Das ist so durchsichtig, und das ist so primitiv, dass ich sage, das fällt eher auf den Journalismus des ‹Stern› zurück als auf Rainer Brüderle.» Wolfgang Kubicki, FDP-Fraktionschef in Schleswig-Holstein, sagte gegenüber «Spiegel online»: «Es ist schade, auf welches Niveau der ‹Stern› mittlerweile gesunken ist. Ich wundere mich, dass die junge Journalistin offensichtlich über ein Jahr gebraucht hat, um ihr Erlebnis zu verarbeiten.»

Aber geht es hier wirklich darum, dass die Journalistin etwas «verarbeiten muss»? Müsste nicht viel eher die FDP sich überlegen, ob ihr Kandidat einen Charakterfehler hat, der ihm auch später noch und damit der Partei zum Verhängnis werden könnte?

Ein Spiel mit den Trieben

Der «Stern» selber schreibt dazu: «Zur vollen Wahrheit gehört allerdings auch, dass in manchen Redaktionen junge, attraktive Frauen strategisch eingesetzt werden. Dabei geht es nicht nur um einen anderen, weiblichen Blick. Sondern darum, eine grössere Nähe zu Politikern herzustellen, eine anders geartete Nähe. Offenherzigkeit gegen tiefes Décolleté und klimpernde Wimpern. So einfach ist das manchmal wirklich, leider. Und auch das ist Sexismus, nur anders herum. Ein Spiel mit den Trieben.»

Aber stimmt das wirklich? Wo beginnt denn Sexismus mit umgekehrten Vorzeichen? Bei der Körbchengrösse einer Journalistin? Beim Alter? Oder gibt es eine Skala von gutem Aussehen, die nicht überschritten werden darf, um Politiker nicht in Versuchung zu führen?

Am Ende zählen Handlungen. Wirft sich eine Journalistin einem Politiker aktiv an den Hals, um an sensible Informationen heranzukommen, ist das nicht korrekt. Aber jeder Politiker hat in einem solchen Fall die Möglichkeit, sie zurückzuweisen, professionelle Distanz zu verlangen und die fehlbare Journalistin zu outen. Nur geht man offenbar davon aus, dass Männer aufgrund ihrer Triebe attraktiven Frauen wehrlos ausgesetzt sind und sich nicht wehren können. Was lächerlich ist. Es geht hier nicht ums Können, es geht ums Wollen. Und gewisse Politiker scheinen es als ihr Privileg zu betrachten, Grenzen zu überschreiten, solange sie dafür nicht zur Verantwortung gezogen werden.

Sklaven ihrer Triebe

Genau das ist der Punkt. Hätte die Journalistin das als Privatperson erlebt, hätte sie sich wohl nicht öffentlich darüber geäussert. Jede Frau erlebt solche Avancen, die vielleicht nicht wirklich übergriffig, auch nicht justiziabel sind, aber unangenehm. Dass Männer sich Frauen gegenüber korrekt verhalten sollten, ist ein frommer Wunsch. Für einen Politiker aber ist es ein Muss, wenn er verhindern möchte, dass er deswegen bald in einem schiefen Licht dasteht. Schliesslich hat der Fall Dominique Strauss-Kahn gezeigt, was mit Politikern passieren kann, die Sklaven ihrer Triebe sind.

Fraglich ist auch, warum Herr Brüderle nicht einfach eingeräumt hat, dass er angetrunken war, sich daneben benommen hat. Warum er sich nicht entschuldigte, sondern die Schuld bei der Frau, bei den Medien sucht. Natürlich sind wir alle nur Menschen, und natürlich gibt es immer wieder zwanglose Rahmen, in denen man sich durchaus näherkommen kann. Natürlich ist Verführung ein nicht immer eindeutig zu entschlüsselndes Spiel. Und natürlich ist eine Empörungsgesellschaft, in der Blicke und harmlose Bemerkungen als sexuelle Belästigung taxiert werden, nicht die Gesellschaft, die man sich wünscht. Die Frage ist bloss, wo Harmlosigkeit endet und wo Belästigung beginnt. Aber wenn eine Frau ausdrücklich darauf hinweist, dass sie nicht auf dieses Spiel einsteigen will, gibt es nichts mehr zu diskutieren. Wer das nicht begreift, der ist als Politiker nicht geeignet.

Erstellt: 24.01.2013, 15:07 Uhr

Das «Stern»-Porträt über den FDP-Spitzenkandidaten Rainer Brüderle.

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