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Ehrliche Arbeit

Gemeinsam mit Kooperationspartner Nissan hat Renault zuletzt Lücken in seiner Modellpalette geschlossen. Mit dem Alaskan folgt jetzt noch der erste Pick-up der Marke.

Pick-ups gelten in Südostasien und Südamerika als das Auto schlechthin: Der neue Renault Alaskan. Foto: Renault
Pick-ups gelten in Südostasien und Südamerika als das Auto schlechthin: Der neue Renault Alaskan. Foto: Renault

«So ein Schummel», könnte man jetzt sagen. Einfach ein bestehendes Modell aus dem Konzern nehmen, ein neues Emblem draufkleben und den Renault Alaskan dann als komplett neuen Pick-up präsentieren. Dabei muss man sich zwischen A-Säule und Rücklicht doch ziemlich anstrengen, um irgendeinen Unterschied zum kürzlich neu lancierten Nissan Navara zu entdecken.

Aber mit dieser Kritik würde man zu kurz springen. Denn erstens bilden Nissan und Renault, gemeinsam mit dem neuen Partner Mitsubishi, eben keinen Konzern, sondern eine Allianz: Jedes Unternehmen bleibt eigenständig, aber man kooperiert, optimiert und bilanziert immer dann gemeinsam, wenn es auch Sinn macht. Und zweitens steuert jede Marke auch das ihre bei zum Baukasten, aus dem sich dann alle bedienen können. Im Falle des Alaskan kommt von Renault die Front mit Rhombus und C-förmigem Tagfahrlicht, der ziemlich barocke Chromschmuck am Kotflügel und der Motor dazu. Der 2,3-Liter-Turbodiesel, lieferbar in zwei Leistungsstufen mit einem Lader und 160 PS oder zwei gestuft arbeitenden Turbos und 190 PS wird auch in anderen Renault-Nutzfahrzeugen eingesetzt. Aber sonst? Nicht einmal die Tastenbeschriftung wurde auf einen Renault-Font ungestellt.

Warum macht dann der Alaskan für Renault überhaupt einen Sinn? Er öffnet neue Märkte: In Südostasien, Südamerika oder Afrika sind solche Pick-ups der Eintonner-Klasse – heisst: eine Tonne Nutzlast – das Auto überhaupt. Robust genug für Sand, Schlamm und Schotter, Platzangebot für die ganze Familie und von Zelt bis Ziegelstapel lässt sich alles Mögliche auf der Ladefläche transportieren. Knapp zwei Millionen dieser Allradler mit Pritsche wurden ausserhalb Nordamerikas, wo solche Eintonner nicht ernst genommen und garnicht angeboten werden, im letzten Jahr abgesetzt.

Der Lustwagen

Ausserdem wird alle Jahre wieder wird der Pick-up in Europa zum Lust- statt zum Lastwagen hochgejubelt – vorzugsweise, wenn ein neues Modell lanciert wird. Pritsche für die Freizeit; der Büezer-Bolide als Spassauto. Auch Renault hofft zur Hälfte auf freizeitaktive Privatkunden, wenn Ende Oktober der Alaskan in Europa zu den Händlern rollen wird. Die Zuversicht basiert auf den Verkaufszahlen des ersten Halbjahres 2017: Während in der Schweiz der Markt der leichten Nutzfahrzeuge um nur 5 Prozent gewachsen ist, verzeichnen die Pick-ups als Teil dieses Segments ein Plus von 20 Prozent. Mit rund 3300 Exemplaren im letzten Jahr war jedes neunte leichte Nutzfahrzeug 2016 ein Pick-up.

Die absolut dennoch geringen Stückzahlen rechtfertigen natürlich keine komplette Eigenentwicklung, weshalb sich Renault bei Kooperationspartner Nissan eben Plattform und Technik des Navara borgt. Der Leiterrahmen aus hochfestem Stahl ist die klassische – und robuste – Basis eines Pick-ups, aber im Gegensatz zur Konkurrenz von Mitsubishi, Toyota, Ford und dem Basis-Navara federt die aufwändige Fünflenker-Hinterachse mit Schrauben-, statt Blattfedern. Das bringt höheren Fahrkomfort und mehr Achsverschränkung im Offroad-Einsatz.

Man steigt am besten ein wenig breitbeinig á la Rinderrancher ein, damit der Dreck an den Trittbrettern die Hosenbeine verschont, aber dann sitzt man bequem, hat Überblick und findet intuitiv alle Schalter, weil eben noch nicht alle Funktionen in den zentralen Touchscreen ausgelagert sind. Allein hinten wird es auf langen Strecken für sehr Langbeinige unbequem, weil man die Knie leicht anziehen muss. Bis zu 200 Kilogramm kann man auf der Ladeklappe abstellen und drei Aluschienen mit Ösen helfen beim Verzurren. Wer profanes Gepäck transportieren will, sollte sich aber ein Hardtop für die Ladefläche kaufen oder ein Alurollo ordern.

Bei Nutzfahrzeugen dauert es immer etwas länger, bis typische PW-Assistentzsysteme angeboten werden, und deshalb muss der Alaskan noch etwa auf Spurhalte- und Totwinkelwarner verzichten. Allerdings wird Nissans 360-Grad-Rundum-Kamera verbaut, mit der man deutlich leichter parkieren und im Gelände an den Felsen vorbeipeilen kann. Mit zuschaltbarem Allradantrieb inklusive Sprerre, fast 23 Zentimetern Bodenfreiheit und eher bescheidenen 45 Zentimetern Wattiefe schlägt sich der Fünfplätzer offroad nicht übel. Dafür spürt man auf Asphalt an der etwas ungefähren Lenkung, dass das Auto für Gröberes gebaut ist. Der Federungskomfort überzeugt, dank der speziellen Hinterachse.

Bei den Fotos geschummelt

Wahlweise sind ein Sechsgang-Getriebe oder eine Siebenstufen-Automatik lieferbar, die fürs Gelände die bessere Wahl sein dürfte. Im Alltag dürfte der Verbrauch angesichts 2,1 Tonnen Gewicht und der schrankwandmässigen Aerodynamik wohl die Werksangaben übersteigen. Aber Renault verbaut eine Harnstoffabgasnachbehandlung, sodass der Alaskan die Nutzfahrzeug-Norm Euro 6d erfüllt.

Bei den Fotos hat Renault dann doch geschummelt: Von Sonne keine Spur während der Testfahrten; stattdessen Dauerregen und Schlamm bis zu den Knöcheln. Zumindest das Auto hat es gut überstanden.

*Andreas Faust fuhr den neuen Renault Alaskan am 18. und 19. September auf Einladung von Renault Schweiz in Slowenien.

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