Provokateure und Fakten im Fleischwolf

Wie verschafft man sich heute Gehör? Mit Provokationen zum Beispiel. Oder, indem man Sepp Blatter zu Jesu Bruder macht.

Schweizer des Jahres? Sepp Blatter auf dem Cover der aktuellen Weltwoche. (17.12.15)

Schweizer des Jahres? Sepp Blatter auf dem Cover der aktuellen Weltwoche. (17.12.15) Bild: Weltwoche

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Seit Kommunikation wie ein neuronales Netzwerk funktioniert, ist die Provokation das Mittel der Stunde, vor allem in der Politik. Man sage etwas Unerhörtes, Verächtliches oder Verletzendes, und schon verbreitet sich die Botschaft wie von selbst in den sozialen Medien. Die Empörung ist kalkuliert, denn sie erreicht sehr viel mehr Menschen, als vernünftige Argumente es je könnten. Donald Trump exerziert das seit Wochen vor, poltert frisch von der Leber weg, lügt, verdreht und provoziert, sodass der Aufschrei garantiert kommt, ja kommen muss. Und das ist das Perfide daran. Man schickt sich die Botschaft, weil man sich gegenseitig versichern will, wie abscheulich sie ist, und verbreitet sie damit. Wobei es oft weniger um eine Botschaft geht als um die Gefühle, die so geweckt werden: Angst, Wut, Erregung. Und diese Gefühle sind es auch, die erst die Energie erzeugen, die den Provokateur stets weiter vorantreiben und im Gespräch halten. Damit kann man sich identifizieren, oder man kann sich profilieren, indem man dagegenhält. Der Provokateur gewinnt, sofern er den Bogen nicht überspannt, in jedem Fall, sei es Aufmerksamkeit, seien es Wahlen, sei es Macht.

Brutal ehrlich, brutal unangemessen

Das Prinzip funktioniert natürlich auch bei uns. Die SVP beherrscht es besser als alle anderen, die Jungparteien üben sich darin, allen voran die Juso. Seit Cédric Wermuth vor der Kamera werbewirksam an einem Joint zog und mit dieser Aktion den kommunikativen Crossover zwischen Jung und Alt, links und rechts schaffte, prescht sie immer wieder mit Provokationen vor. Diese Woche mit einer Anzeige auf Youporn, wie «watson» berichtet. Darauf ist ein Bild des Neu-Bundesrats Guy Parmelin zu sehen, wie er sich mit ernster Miene die Brille zurechtrückt. Mit der Aktion will die Juso für ein Referendum gegen das neue Nachrichtendienstgesetz werben – und offensichtlich austesten, wie weit man unter die Gürtellinie sinken kann. Allerdings verfehlte die Aktion den beabsichtigten Aufschrei – vielleicht, weil sie alles andere als raffiniert ist. Schliesslich gibt sie jedem zu verstehen, der sich auf die Pornoseite zuschaltet, dass er ein kleiner Wichser ist. Das ist zwar brutal ehrlich, aber auch brutal unangemessen. Und ungeschickt, denn es erzeugt Scham, und wer schämt sich schon gern?

Eine Botschaft der Liebe

Das Zentralorgan für politische und moralische Provokationen aber ist und bleibt die «Weltwoche». Unübertroffen in der Kunst, Fakten durch den Fleischwolf zu drehen, zu Bullshit zu verwursten. Das Cover der aktuellen Ausgabe ist diesbezüglich ein Meisterstück. «Schweizer des Jahres» verkündet das Blatt, ist Sepp Blatter. Und nicht etwa, weil dieses Jahr wohl kaum ein anderer Schweizer mehr Schlagzeilen machte. Die Begründung ist kreativer: «Sepp Blatters dornenvoller Kampf für eine bessere Welt», so heisst der Claim. Das ist originell in jeder Hinsicht, angefangen beim Adjektiv dornenvoll, das Blatter zu Jesu Bruder im Geiste macht, bis zur Behauptung, der Fifa-Chef kämpfe für eine bessere Welt. Auch das ist brutal ehrlich. Ein brutal ehrliches Bekenntnis zur Hanswursterei.

Erstellt: 17.12.2015, 15:09 Uhr

Wenn alle auf Sepp Blatter einprügeln, macht ein Blatt das krasse Gegenteil: Die «Weltwoche» feiert den Noch-Fifa-Boss als «Schweizer des Jahres».

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