«Scheidungskinder gehen oft zu früh eine Partnerschaft ein»

Welchen Einfluss hat die Trennung der Eltern auf ein Kind? Dazu Psychologie-Professor Guy Bodenmann von der Universität Zürich.

Scheidungskinder wollen oft wieder eine intakte Gemeinschaft erleben, sagt Guy Bodenmann.

Scheidungskinder wollen oft wieder eine intakte Gemeinschaft erleben, sagt Guy Bodenmann. Bild: Keystone

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Scheidungskinder lassen sich als Erwachsene 2,1 mal häufiger scheiden als Kinder aus sogenannten intakten Familien. Warum ist das so?
Es gibt mehrere Gründe. Einer ist, dass sie häufig eine negativere Einstellung bezüglich der Stabilität von Partnerschaften haben.

Findet so etwas wie eine «Vererbung des Scheidungsrisikos» von einer Generation zur nächsten statt?
Ja, die Wahrscheinlichkeit, dass Scheidungskinder in ihrer eigenen Partnerschaft scheiden werden, ist deutlich erhöht. Eine neuere Studie zeigt, dass sich 33 Prozent der Kinder mit Scheidungserfahrung und anschliessender Patchworkfamilie später ebenfalls scheiden lassen. Bei einer Scheidungserfahrung und anschliessendem Leben mit einem alleinerziehendem Elternteil beträgt die Wahrscheinlichkeit 28 Prozent. Bei Kindern aus intakten Familien liegt die das Risiko bei 16 Prozent.

Was begünstigt die soziale Vererbung von Scheidungen?
Scheidungskinder haben häufig von ihren Eltern nicht angemessene Fertigkeiten für die Lösung von Konflikten gelernt. Hinzu kommt, dass ihre eigene Schwelle für eine Scheidung niedriger liegt.

Was sind die Folgen? Heiraten Kinder getrennter Eltern schneller?
Ja, sie wünschen sich wieder eine intakte Gemeinschaft. Häufig gehen sie sehr früh eine eigene Partnerschaft ein. Oftmals zu einem Zeitpunkt, wo ihre persönliche Identität noch zu wenig gefestigt ist. Das macht sie anfälliger für Partnerschaftsprobleme und Trennungen.

Reagieren Scheidungskinder in der Ehe denn feinfühliger und empfindlicher?
Das kann man so nicht sagen. Eine Scheidung ist für ein Kind eines unter mehreren kritischen Lebensereignissen, das es verletzlich macht. Es gibt im Leben eine ganze Reihe weiterer Erfahrungen, die letztlich zur selben Empfindlichkeit und Unsicherheit in späteren Beziehungen führen können. Etwa die gemachten Bindungserfahrungen. In Abhängigkeit derer fällt es später leichter oder schwerer, sich an andere Menschen zu binden.

Halten Scheidungskinder länger an ihren Ehen fest oder lösen sie diese schneller auf wenn es schwierig wird?
Statistisch ist die raschere Auflösung häufiger.

Welchen Einfluss hat das Alter des Kindes beim Zeitpunkt der Scheidung der Eltern? Wie lange dauern die Folgen?
Studien zeigen, dass Kinder in der Regel drei bis sechs Jahre benötigen, um sich an die neuen Gegebenheiten anzupassen. Vorschulkinder und adoleszente Kinder leiden dabei am stärksten.

Wie lässt sich die soziale Vererbung von Scheidungen durchbrechen?
Wenn trotz aller Bemühungen keine glückliche Partnerschaft erreicht werden kann, sollten die Eltern versuchen, sich möglichst einvernehmlich und konstruktiv zu trennen. Das ist allerdings in der Theorie einfacher als in der Praxis. Wichtig ist auch die Versöhnung nach der Scheidung, damit Kinder eine gute Entwicklungsperspektive erhalten.

Was ist die beste Vorbeugung, um Scheidungen zu vermeiden?
Es braucht tägliche Investition in die Beziehung. Kleine nette Gesten. Zeichen der Zuwendung, Nachfragen und Interesse zeigen, Zärtlichkeit, sich wertschätzend verhalten. Die Partner sollten bewusst das Positive ihrer Beziehung im Alltag pflegen. Gleichzeitig sollten sie ihre Grosszügigkeit und Toleranz gegenüber dem Partner nicht einbüssen - zu Beginn einer Beziehung ist die ja meist beeindruckend. Und dann sollte man auch nach Jahren über kleine Macken des Partners hinweg sehen können. Wichtig sind ferner Zeit füreinander haben, eine gute gegenseitige und gemeinsame Unterstützung und Commitment. Es braucht ein konstantes Engagement für die Beziehung.

Erstellt: 10.03.2015, 18:02 Uhr

Guy Bodenmann ist Paarforscher und Professor der Psychologie an der Universität Zürich.

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