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Krimi der WocheLeben und Sterben in Los Angeles

«Brandsätze» von Steph Cha ist ein brillanter Noir-Thriller über Rassismus und Gewalt in Los Angeles. Und über die koreanische Community.

Los Angeles, koreanisches Viertel: Im Roman von Steph Cha wird es zum Krimi-Schauplatz.
Los Angeles, koreanisches Viertel: Im Roman von Steph Cha wird es zum Krimi-Schauplatz.
Foto: 4kodiak, Getty Images

Der erste Satz

«Okay, das wars», sagte Ava. «Keine Ahnung, wie wir die Idioten hier finden sollen.»

Das Buch

Ein schwarzer Teenager ist in Los Angeles von einem Polizisten erschossen worden. Aufgewühlt von dieser Gewalt, lässt sich Grace Park von ihrer älteren Schwester an eine Protestkundgebung mitnehmen. Während die Ältere den Kontakt mit ihren Eltern abgebrochen hat, lebt die 27-jährige Grace noch behütet bei ihrer immigrierten koreanischen Familie und arbeitet in der Apotheke der Eltern.

An der Kundgebung ist auch Shawn Matthews, ein Schwarzer, der nach einer Vergangenheit in Gangs und einem Gefängnisaufenthalt wieder im «normalen» Leben Tritt gefasst hat. 1991 hatte er als 15-Jähriger miterlebt, wie seine 16-jährige Schwester Ava von einer koreanischen Ladenbesitzerin erschossen wurde.

Einige Wochen nach der Kundgebung wird Grace direkt und brutal mit Gewalt konfrontiert. Als sie von der Arbeit nach Hause fahren wollen, wird ihre Mutter auf dem Parkplatz angeschossen. Erst da erfährt sie von einem düsteren Geheimnis, das auf der Familie lastet und sie nun offenbar eingeholt hat: Es war ihre Mutter, die vor 28 Jahren Ava Matthews erschossen hatte. Und dafür nicht ins Gefängnis kam. Das war nur kurz nach dem Fall Rodney King. Der US-Amerikaner wurde von der Polizei in Los Angeles brutal zusammengeschlagen. Der Vorfall trug dazu bei, dass 1992 gewaltsame Auseinandersetzungen einen Teil der Stadt erschütterten.

Nach drei Krimis über eine Amateurdetektivin hat sich Steph Cha für ihren vierten Roman «Brandsätze» diesen eher schwierigen und komplexen Stoff vorgenommen. Der aus einer koreanischen Immigrantenfamilie stammenden, in Kalifornien geborenen 34-jährigen Autorin ist damit ein brillanter Noir-Thriller über Rassismus, Gewalt, Wut und Rache, über soziale Ungerechtigkeit und Ohnmacht gelungen.

Die Erschiessung von Ava basiert auf einem tatsächlichen Fall, dem Mord an Latasha Harlins im Jahr 1991. Ihre fiktionalisierte Version erzählt Cha aus der Sicht der beiden «gegnerischen» Familien. Sie bleibt dabei keineswegs abstrakt, sondern zeigt mit aller Härte die schmerzlichen Auswirkungen der damaligen Ereignisse auf mehr als eine Generation beider Familien. Es gelingt ihr damit virtuos, die Linie von Rassismus und Gewalt von den «Unruhen», den «LA Riots», von 1992 in die heutige Zeit zu ziehen. Und zu zeigen, wie wenig sich seither geändert hat.

Der Roman bietet keine wohlfeilen Lösungen für die Situation der im täglichen Leben aufeinanderprallenden verschiedenen Kulturen im Schmelztiegel Los Angeles an. Sie deutet in den Haltungen der Hauptprotagonisten vielleicht leise gewisse Hoffnungen an. Aber so einfach ist das nicht. «Du hältst mich für eine Rassistin», sagt Grace einmal zu ihrer Schwester. Diese antwortet: «Grace, ich halte alle für Rassisten.»

Die Wertung

  • Originalität: ★★★★★
  • Spannung: ★★★☆☆
  • Realismus: ★★★★★
  • Humor: ★★★☆☆
  • Gesamteindruck: ★★★★★

Die Autorin

Bevor sie selbst Bücher zu schreiben begann, hatte Steph Cha Rezensionen verfasst.
Bevor sie selbst Bücher zu schreiben begann, hatte Steph Cha Rezensionen verfasst.
Foto: Maria Kanevskaya / PD

Steph Cha, geboren 1986 in Van Nuys im kalifornischen San Vernando Valley in einer koreanischen Einwandererfamilie, wuchs mit den Eltern und zwei jüngeren Brüdern im Stadtteil Encino in Los Angeles auf. Nach dem Besuch der Harvard-Westlake School in Studio City studierte sie an der Stanford University Anglistik und Ostasienwissenschaften, danach Rechtswissenschaften an der Yale Law School in New Haven, Connecticut.

Sie ist als Redaktorin und Journalistin tätig und verfasste nach eigenen Angaben für das Onlineportal Yelp mehr als 2400 Buchbesprechungen. Sie schrieb auch für verschiedene Magazine und Zeitungen, unter anderem in der «Los Angeles Times» über Restaurants.

2013 veröffentlichte sie ihren ersten Roman «Follow Her Home» um die Amateurdetektivin Juniper Song. Bis 2015 folgten zwei weitere Romane mit dieser Protagonistin. An «Your House Will Pay» (2019), der jetzt als erster ihrer Romane auf Deutsch erschienen ist («Brandsätze»), arbeitete sie mehrere Jahre. Das Buch wurde in den USA nicht nur von der Kritik, sondern auch von prominenten Autorinnen und Autoren wie Attica Locke, Michael Connelly und Walter Mosley in höchsten Tönen gepriesen.

Steph Cha lebt mit ihrem Mann und zwei Basset-Hunden in Los Angeles.

Steph Cha: «Brandsätze» (Original: «Your House Will Pay»), Ecco/HarperCollins, New York 2019. Aus dem Englischen von Karen Witthuhn. Ars-vivendi-Verlag, Cadolzburg 2020. 336 S., ca. 32 Fr.