Interview

«Achttausender sind Massengräber»

Der Extrembergsteiger Benedikt Böhm hat am Manaslu Kollegen in einer Lawine verloren. Sechs Stunden kämpfte er um das Leben anderer Bergsteiger. Danach erklomm er den Gipfel in Rekordzeit.

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Sie haben einmal gesagt: «Es gibt keinen Mut ohne Angst.» Was bedeutet Angst für Sie?
Wenn ich von meinen Projekten erzähle, wenn ich etwa Bilder von Steilwandabfahrten zeige, werde ich oft gefragt, ob ich keine Angst hätte. Ich sag dann immer: «Natürlich hab ich Angst!» Der Angst stellen wir den Mut entgegen. Aber diese Angst rettet immer wieder mein Leben. Übrigens war ich als Kind schon ein Draufgänger, aber auch recht ängstlich.

Inwiefern nutzen Sie Ihre Aktionen und Expeditionen auch bewusst, um gegen Ängste anzukämpfen?
Solche Phasen gibt es immer wieder. Auch wenn mittlerweile mehr Erfahrung dabei ist. Es geht ja darum, auszuprobieren, Grenzen auszutesten. Niemand geht sofort auf einen Achttausender, man steigert sich von Level zu Level und schaut immer: Wie weit kann ich gehen? Ich bin aber keiner, der die Todessehnsucht in sich trägt, das ist nicht mein Antrieb.

Bei Ihrer Speedbegehung am Manaslu waren Sie mit dem Tod sehr direkt konfrontiert. Beim Aufstieg starben neben Ihrem Lager Bergsteiger in einer Lawine.
Ich hatte so etwas nicht zum ersten Mal erlebt. Aber das ändert nichts: Es ist eine absolute Ausnahmesituation. Man bewegt sich auf 7000 Metern eh schon in der Todeszone, der Sauerstoff ist so gering, das ist wie bei einer Kerze unter einer Glaskuppel: Die Flamme flackert nur noch auf dem Minimum. Bei uns sind das die Emotionen, ob das Freude ist oder Traurigkeit, alles ist unten. Das heisst, man handelt in diesen Momenten rein instinktiv.

Was heisst das konkret im Moment der Lawinenverschüttung?
Man schaut, wer noch lebt, um den muss man sich zuerst kümmern. Wer braucht welche Hilfe? Man funktioniert. Das Verarbeiten kommt erst sehr viel später.

Sie haben bei der Rettungsaktion Ihren langjährigen Kumpel Glen Blake gefunden.
Das war in diesen Stunden der einzige Moment, in dem die Emotionen richtig herausbrachen. Ich hatte mich auf der Suche nach Überlebenden die Lawine hoch gekämpft, man hatte mir gesagt, ganz oben sei noch jemand, ich glaubte das erst nicht, bis mir einfiel, dass Glen da oben war. Ich fand ihn tatsächlich, wir fielen uns in die Arme, es war ein extremer Gefühlsausbruch, zwischen einem Glücksgefühl und Trauer, weil Glen zwei Freunde verloren hatte.

Blake war von der Lawine in eine Gletscherspalte gedrückt worden.
Er war mit einem Freund im Zelt gelegen, Glen hatte gerade die Bibel gelesen, plötzlich wird er von den Schneemassen weggerissen, er landet in der Spalte – und der Freund ist weg. Wir haben ihn nie gefunden.

Und dann kommt der Moment, wenn es weitergehen muss. Sie waren zu sechst in der Gruppe unterwegs, drei machten weiter, drei reisten heim. Wie wurde dieser Entscheid gefällt?
Wir haben alle sechs intensiv über das geredet, was passiert ist, wie wir reagiert haben. Das war schön und wichtig. Und jeder hat dann für sich die Entscheidung getroffen.

Ohne jede Bewertung?
Es gab schon kritische Stimmen von einem Gruppenmitglied mir gegenüber, dass ich bleibe. Ich hab ihm klar gesagt: «Ich lass dich in Ruhe entscheiden, lass du auch mich entscheiden.»

Werden Sie in Ihren Vorträgen mit dem Vorwurf konfrontiert: Leute sterben, aber Sie haben weitergemacht?
Das kommt vor. Aber wer sich mit den Achttausendern beschäftigt, der weiss, dass das im Prinzip Massengräber sind. Rein moralisch betrachtet, macht es keinen Unterschied, ob ich an Toten vorbeilaufe, die seit 2, seit 20 oder 200 Tagen dort liegen. Zudem war ich positiv motiviert, nachdem ich erfahren hatte, dass alle Verletzten überlebt haben, für die wir oben 6 Stunden gekämpft haben. Wir haben unmittelbar nach dem Lawinenabgang reagiert, und unsere 6-köpfige Gruppe hat alles Menschenmögliche getan, um dort oben Leben zu retten – und das ist uns glücklicherweise gelungen.

Aber bei Ihnen ging es um eine Speedbegehung, also einen Rekord.
Das ist völlig falsch. Mir geht es bei den Speedbegehungen nicht um Rekorde. Ganz im Gegenteil: Weil ich eben Leute habe sterben sehen, will ich mich so kurz wie möglich in der Todeszone aufhalten. Deshalb gehen wir ohne Sherpas, nur mit kleinem Gepäck, wir lassen nichts zurück, deshalb fahren wir mit den Ski ab, wann immer es geht. Die meisten kommen ums Leben, weil sie zu langsam sind, gerade im Abstieg. Niemand möchte lange dort oben bleiben, alle würden eine Speedbegehung machen, wenn sie könnten.

In einer deutschen Zeitung stand einmal der Satz: «Benedikt Böhm, gnadenlos auf den Gipfel programmiert, geht weiter.»
(lacht) Das ist eine Weile her … und ich muss sagen, dass es so um 2009 herum schon speziell war. In jener Zeit habe ich auch gemerkt, dass mein Bergpartner Sebastian Haag nicht mehr so mitgezogen hat. Ich war damals auch fast zu fanatisch, bin jeden Morgen um 3 Uhr aufgestanden und auf die Zugspitze hoch. Ich hab mein Programm tatsächlich gnadenlos abgespult. Heute weiss ich, dass das ein Fehler war. Und ich bin froh, dass ich diesen Fehler machen durfte, ohne dass etwas passiert ist.

Seit zweieinhalb Jahren sind Sie Familienvater. Wie sehr hat das Ihre Bereitschaft, Fehler zu machen, verändert?
Man braucht ein ganz anderes Zeitmanagement. Das Leben wurde um einen Aspekt bereichert, der mindestens noch mal so gross ist wie die Berge. Aber ich habe meine Entscheide immer so getroffen am Berg, dass ich zurückkomme. Und das berühmte Restrisiko, das gibt es immer, ob mit oder ohne Familie, ob am Berg oder auf der Strasse.

Sie versuchen, die viel begangenen Berge zu vermeiden, wehren sich bewusst gegen «Sherpa-Tourismus». Der Mount Everest kann eigentlich kein Thema sein für Sie.
Eine spannende Frage. Ich habe wirklich absolut keine Lust, mich mit 3000 anderen auf die Piste zu stellen. Andererseits: Ich hab den Everest vom Mera Peak aus gesehen, das ist ein wunderschöner Berg. Und ich hab das Selbstbewusstsein vom Manaslu, der ist von der Strecke her schwieriger als der Everest. Dann kommen die abschreckenden Bilder wieder vom Basislager …

Also?
Also stelle ich mir die Frage: Muss ich das Ziel, den höchsten Punkt zu erreichen, darüber stellen, dass es anderswo vielleicht schönere Erlebnisse gibt?

Aber wenn Everest, dann mit Ski?
Auf jeden Fall. Wenn ich ehrlich bin, ist das in meinem Kopf leider schon ein bisserl drin.

Erstellt: 28.03.2013, 06:56 Uhr

Benedikt Böhm
Der 35-jährige Ökonom aus Bayern stellte im September 2012 einen Rekord am Manaslu auf, dem mit 8164 Metern achthöchsten Gipfel der Erde. (Bild: Michael Meisl)

Der 8164 Meter hohe Manaslu-Gipfel in Nepal. (Bild: TA-Grafik)

Extrembergsteiger Böhm

Minimales Gepäck, maximales Tempo
Am 30. September 2012 hat sich Benedikt Böhm einen Traum erfüllt: Der 35-jährige Bayer stand auf dem Gipfel des Manaslu, mit 8164 Metern der achthöchste Berg der Erde. Böhm hatte einen Rekord aufgestellt, nur 15 Stunden hatte er vom 5000 Meter hohen Basislager nonstop auf den Gipfel gebraucht. Böhm nutzte die kurze Zeit in der Todeszone, um einen Karabinerhaken und einen Schal auf dem Manaslu zu vergraben.

Den Schal hatte er bei der Ankunft am Manaslu von einem Lama, einem Priester, zum Schutz überreicht bekommen. Den Karabiner hatte er eine Woche zuvor eingesteckt, als er mit anderen stundenlang nach Lawinenopfern grub und Leben rettete, aber realisieren musste, dass für elf Bergsteiger jede Hilfe zu spät kam. Die Lawine hatte morgens um vier Uhr das Lager unmittelbar neben ihm mitgerissen. Das Vergraben der Gegenstände eine Woche später war eine symbolische Beerdigung, ein Akt auf dem Weg, mit der Tragödie umzugehen.

Benedikt Böhm kam über den Skitourenlauf zum Höhenbergsteigen. 2006 bewältigte er mit Kollegen einen Alpencross auf Ski, 210 Kilometer und 13 500 Höhenmeter in drei Tagen. «Genuss ist Auslegungssache», sagt Böhm dazu. Es folgten Begehungen des Gasherbrum II (8035 Meter) und des Broad Peak (8046). Jeder Aufstieg mit minimalem Gepäck und in maximaler Geschwindigkeit direkt vom Basislager, ohne Sherpas, ohne Lagerketten, dafür mit Ski, damit sie einen auf der Abfahrt so schnell wie möglich aus der Todeszone bringen.

Mit dabei war immer Böhms langjähriger Freund Sebastian Haag. Auch 2009, als Böhm am Broad Peak (8047 Meter) scheiterte; er kam nur bis zum Vorgipfel, und dort stand plötzlich Haag neben ihm. Er war aufgestiegen, obwohl er körperlich am Ende war. Die beiden schafften es zurück, auch dank der Hilfe des Schweizer Bergführers Cedric Hählen. Die Italienerin Cristina Castagna, die tagelang eine Gefährtin im Lager gewesen war, blieb am Berg.

Haag arbeitet als Tierarzt in München, Böhm hat unter anderem in Oxford und Massachusetts Wirtschaftswissenschaften studiert, er ist Internationaler Geschäftsführer der Skitourenmarke Dynafit. Die Freundschaft hat die Belastungen am Broad Peak überstanden. Drei Jahre später gehörten sie am Manaslu der Sechsergruppe an, die sich nach der Lawinentragödie entscheiden musste: bleiben oder heimfahren?

Drei blieben, am Ende aber stand Böhm wieder allein am Gipfel. Haag und Constantin Pade kehrten um, sie konnten das Tempo von Böhm nicht mithalten. «Jeder muss in diesem Moment seinen eigenen Rhythmus gehen», sagt Böhm, es gehe ums Überleben. Am 2. Oktober sassen Böhm und Haag bei einer Mass Bier am Münchner Oktoberfest.(can)

Die Begehung im Video

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