Bambi auf der heiligen Insel

Der Tourismus in Japan hat sich von der Katastrophe in Fukushima wieder erholt. Im Westen, fernab der Glitzerwelt der Millionenmetropole Tokio, zeigt sich das Land von seiner reizendsten Seite.

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Nur einen freien Tag die Woche gönnt sich Fumie Onoue. Das hält offenbar jung: Wir hätten die 84-Jährige 15 Jahre jünger geschätzt. Seit 50 Jahren steht sie am Herd ihres eigenen Restaurants in Hiroshima und brät Okonomiyaki, japanische Omeletts; die reichhaltig mit Kabis und Speck belegte Spezialität serviert sie mit Nudeln. «Die machen schon etwas viel Tamtam», sagt Onoue über die heisse Herdplatte hinweg und wendet flink ihre Omeletts. Sie scheint froh um den Dunst, der zwischen ihr und ihren neugierigen Gästen in der Luft hängt und sie etwas verbirgt. Sie spricht von den Leuten im Osten Japans, rund um Fukushima. Man brauche doch den Strom. Für oder gegen Kernenergie will sie sich nicht direkt aussprechen.

Sie hat es ja schliesslich auch geschafft, und das nur einen Katzensprung von jener Stelle entfernt, über der 1945 die erste jemals im Krieg eingesetzte Atombombe gezündet wurde, die auf einen Schlag 140'000 Menschen auslöschte. Seither steht die Stadt, die auch die Heimat von Mazda ist und in deren Bucht ausserdem hervorragende Austern gezüchtet werden, für den atomaren Schrecken schlechthin.

Die Haltung der gestandenen Geschäftsfrau zur Kernenergie ist typisch für das Reich der aufgehenden Sonne, wo Unangenehmes nicht gern angesprochen wird. Wer will denn schon Tamtam machen? Onoues Omeletts schmecken vorzüglich und lassen uns das triste Thema Fukushima ebenfalls rasch vergessen.

Hochrangige Terminkollision

Hiroshima, die Stadt im Westen Japans, ist ein Ort der inbrünstigen Erinnerung, ein Mahnmal an die Welt. Das Zentrum der Stadt, der Ground Zero von 1945, ist heute ein Gedenkpark mitsamt Museum. Papst Johannes Paul II. war hier, Jimmy Carter und Vaclav Havel ebenfalls.

Der Zufall will es, dass unser Besuch genau zeitgleich mit jenem von Ehud Barak stattfindet, dem israelischen Verteidigungsminister. Umringt und abgeschirmt von einem filmreifen Tross von Sicherheitsleuten und Militärs, lässt er sich von seinem japanischen Gastgeber durch die eindrückliche Ausstellung führen. Unser Grüppchen, die einzigen anderen westlichen Besucher, zieht wiederholt strenge Blicke der Sicherheitskräfte auf sich, schon bald wird unsere japanische Reiseführerin über uns befragt. Als sie ihnen erklärt, dass wir «nur harmlose Reisejournalisten» seien, entspannen sich die Mienen hinter den Sonnenbrillen.Für gute Laune unter den anwesenden Militärs sorgt derweil ein Exponat des Museums, das die Anzahl der israelischen Nuklearsprengköpfe mit 80 beziffert. Die nahöstlichen Besucher amüsieren sich stumm und werfen einander vielsagende Blicke zu.

Draussen im Gedenkpark, ohne Ablenkung durch den angereisten Politzirkus, entfaltet der Ort seine emotionale Wucht erst richtig. Sei es angesichts der skelettartigen Ruine, die als «Atombombenkuppel» bekannt wurde, oder beim Klang der Friedensglocke, die jeder läuten darf. Das Denkmal für die rund 40'000 koreanischen Opfer, eine steinerne Schildkröte, steht erst seit kurzem im Park, erinnert es doch daran, dass damals viele Koreaner als Zwangsarbeiter im Land weilten – und dass Japan nicht nur Opfer in diesem Krieg war.

Der Fahrtwind an Deck der Fähre nach Miyajima vertreibt unsere düstere Stimmung. Die Sonne scheint, und der Anblick des näher rückenden berühmten Tors des Itsukushima-Tempels erwärmt unsere Gemüter. Auf der Insel vor Hiroshima zeigt sich Japan von seiner besten Seite; man betritt eine dem Alltag scheinbar entrückte, mystische, fast heile Welt.

Geldgierige Rehe

Schon auf den ersten Metern werden wir von handzahmen Rehen umringt. An die Anweisung «Bitte nicht füttern» halten sich offensichtlich weder die Besucher noch die Einwohner der Insel besonders strikt. Das Wild entpuppt sich denn auch rasch als ziemlich aufdringlich. Vor allem auf Papierfetzen aller Art haben es die Rehe abgesehen: Egal ob Karte, Ticket oder Banknote, die gefrässigen Viecher schnappen es unachtsamen Besuchern aus der Hand und fressen es genüsslich – die sympathischste Form von Geldgier, der man begegnen kann. Auch wissen sie ganz genau, in welchen Restaurants ab und zu etwas für sie abfällt; deren Eingänge belagern sie regelrecht. Berühmt ist die Insel jedoch primär für den roten Itsukushima-Tempel, dessen Bauweise an ein Hafenpier erinnert und dessen Tor (Torii) im Wasser steht.

Beides liegt darin begründet, dass gewöhnliche Leute die heilige Insel lange Zeit gar nicht betreten durften, sich also dem Tempel nur vom Wasser aus nähern durften. Noch heute sind Sterbende und schwangere Frauen kurz vor der Niederkunft angehalten, sich von der Insel fernzuhalten.Unser Blick vom Tempel aus durch das Torii fällt auf dem gegenüberliegenden Festland auf ein monströses weisses Gebäude, auf den Tempel einer noch relativ jungen buddhistischen Sekte, die in kurzer Zeit sehr populär geworden ist. Er verunstaltet in den Augen vieler Japaner eine der «drei schönsten Aussichten» des Landes. «Es ist halt einfach viel zu einfach, bei uns eine neue Religion zu gründen», meint eine Tempelbesucherin lakonisch.

Der Tourismus Japans hat nach dem Tsunami von 2011 arg gelitten. Offiziell sind die Besucherzahlen um rund 30 Prozent gesunken, real wahrscheinlich noch stärker. Immerhin war aber der von der Katastrophe in Fukushima getroffene Nordosten des Landes auch zuvor nicht jene Region mit den meisten Touristen. Sie bewegen sich seit jeher im Südosten der Hauptinsel Honshu zwischen Tokio und Hiroshima. Und seit Frühjahr 2012 strömen sie wieder ins Land; die Zahlen befinden sich wieder auf dem Niveau von 2010.Neben den bekannten Destinationen wie Hiroshima und Miyajima, Kobe, Kyoto, Osaka oder Nagoya gibt es in der endlos und oft wenig einladend scheinenden Agglomeration auch echte Schmuckstücke zu entdecken. Beispielsweise Kurashiki, mit 400'000 Einwohnern eine Kleinstadt. Ihr Name bedeutet so viel wie «Ansammlung von Lagerhäusern» oder sinngemäss «Speicherstadt».

Süsses aus Hirsemehl

Die alten Häuser entlang des Kanals mit ihren weissen Steinmauern und silbergrauen Ziegeldächern wirken wie die putzige Kulisse für einen japanischen Kostümfilm – und prompt fällt unser Besuch mit einem Fotoshooting von Geisha-Models zusammen. Die hektische Glitzerwelt Tokios rückt hier in weite Ferne. Einst wurden in Kurashiki allerlei edle Textilien umgeschlagen. Ein reicher Geschäftsmann ist für deren Erhalt verantwortlich. Er gründete unter anderem ein landesweit angesehenes Museum für westliche moderne Kunst.

Unser Highlight ist aber Kibi Dango, eine weiche, gelatineartige Süssigkeit aus Hirsemehl. Bevor man sie probiert hat, sollte man nicht in den Zug steigen und weiterfahren.


Dieser Artikel entstand mit Unterstützung von Japan Tourism.

Erstellt: 25.01.2013, 06:48 Uhr

(Bild: TA-Grafik kmh)

Reisetipps

Anreise: Als Ausgangspunkt bieten sich Osaka oder Tokio an. Innerhalb Japans reist man schnell, zuverlässig und bequem mit dem Japan Rail Pass, den man vor Abreise kaufen muss. Infos und Preise dazu auf:
www.japan-railpass.ch/japanrailpass

Kyoto: Einstige Kaiserstadt mit 1600 Tempel- und Gartenanlagen und futuristischem Bahnhof. Sehenswert auch das neue Manga-Museum. www.kyoto.travel/ge

Osaka: Die überdachten Einkaufspassagen, darunter die mit über zwei Kilometern längste Arkade Japans, ermöglichen ausschweifendes Shopping. Die beste Aussicht bietet der Floating Garden. www.osaka-info.jp/en

Kurashiki: Kleines Schmuckstück, in dessen Altstadt die Zeit stehen geblieben zu sein scheint. Sehenswert ist auch das Ohara-­Museum für moderne (westliche) Kunst.
www.kurashiki-tabi.jp/for/en/

Okayama (bei Kurashiki): Heimat der Korakuen, einer der schönsten Parkanlagen des Landes. //okayama-japan.jp/en/

Hiroshima: An einem Besuch des Hiroshima Peace Memorial Park und des Museums führt nichts vorbei, doch Stadt und Region haben mehr zu bieten. //visithiroshima.net

Miyajima: Die für ihren Tempel bekannte Insel vor der Küste Hiroshimas ist auch bei Wanderern und Naturliebhabern beliebt.
//visit-miyajima-japan.com/flash/german/welcome.html

Allgemeine Informationen: www.jnto.de

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