«Berge sind der Ort für das Märchen, die Fantasie»

Der österreichische Schriftsteller Christoph Ransmayr ist den Bergen seit seiner Kindheit nahe. Obwohl er sich selbst nur als «hochalpinen Spaziergänger» sieht, ist er regelmässig mit Reinhold Messner unterwegs.

«Rekordjagden haben mich nie besonders interessiert»: Christoph Ransmayr (rechts) in Südtirol nahe Reinhold Messners Schloss Juval. Foto: Robert Brembeck

«Rekordjagden haben mich nie besonders interessiert»: Christoph Ransmayr (rechts) in Südtirol nahe Reinhold Messners Schloss Juval. Foto: Robert Brembeck

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Was bedeutet Angst für Sie?
Lähmung, vor allem Lähmung. Dabei bedrohen uns ja viel öfter die Gefahren aus dem eigenen Kopf als äussere Katastrophen. Die blosse Ängstlichkeit dagegen ist als eine Spielform der Vorsicht eine Überlebensstrategie.

Angst nicht?
Die bezieht sich weniger auf das Leben als auf den Tod; im Grunde ist alle Angst Todesangst. Wer kennt nicht das Gefühl, in panischen Momenten wie festgenagelt, festgewurzelt zu sein, unfähig, auch nur einen einzigen Schritt ins Entkommen zu tun. Die Ängstlichkeit dagegen rückt auch die Komplementärwinkel in unseren Blick, nicht nur das Faktische, sondern auch das bloss Mögliche. Wir erinnern uns dann an Situationen, die wir ähnlich schon einmal erlebt haben, und daran, welche Schritte damals ins Freie führten. Aus dieser vollständigeren Wahrnehmung der Welt setzen wir dann den nächsten Schritt und bewegen uns weiter.

Reinhold Messner hat einmal gesagt: «Die Angst ist der Beginn des Intellekts.» Würden Sie dieser Aussage zustimmen?
Aus jeder Bedrohung, jeder Ungewissheit resultiert ja zumindest eine Frage: Wie komme ich hier wieder heraus, wie überlebe ich? Und die Frage war seit je der Motor für alles, was unser Denken in Gang setzt: Was ist über unser Leben hinaus noch möglich? Was liegt unter dem Horizont? Was über den Wolken? In diesem Sinn bin ich mit Reinhold einmal mehr einer Meinung.

Welche Rolle spielen die Berge, wenn es darum geht, Angst zu überwinden?
Wenn wir über die Begrenztheit unseres Lebens und unserer Möglichkeiten nachdenken, heben wir meistens den Kopf. Vielleicht nur, um zu sehen, wo der Horizont endet. Den gibt es ja auch in der Höhe, allerdings ist er dort oft keine Linie wie am Meer oder in der Salzwüste, sondern gezähnt wie ein Sägeblatt. Der Blick darüber hinaus führt zu den Sternen. Und auf dem Weg in diese Lichtjahrmilliarden messenden Räume findet der Blick einen letzten ­irdischen Halt – und der befindet sich im Gebirge, bevor er sich in einer schein­baren Endlosigkeit verliert.

Müssen diese Berge hoch sein?
Nein, natürlich nicht. Wenn sich aus einer flachen Sandwüste nur eine einzige mächtige Düne erhebt, zeigt sich vor uns so etwas wie ein Gipfel.

Und man muss dort hinauf.
Die Anziehungskraft ist auf jeden Fall gross. Egal, ob man diesen Weg dann tatsächlich in die Höhe und bis an sein Ende geht oder ob man dies nur in seiner Vorstellung tut. Es gibt in Tibet und in Nepal Menschen, die als Träger bei Expeditionen die letzten Schritte zum Gipfel nicht tun, niemals, selbst wenn sie bereits acht- oder neunmal auf der Chomolungma oder der Sagarmatha, also dem Everest, waren, weil dieser Ort allein den Götter gehört.

Sie hingegen gehen tatsächlich auf die Gipfel?
Nur auf die meinen Kräften entsprechenden. Reinhold Messner und ich haben viele gemeinsame Reisen gemacht, allerdings nur einen Teil davon im Gebirge: Wir waren in den Wüsten der Arabischen Halbinsel und Nordindiens, im brasilianischen Regenwald, auf den Inseln der Südsee und in der Hocharktis. Natürlich waren wir in Tibet und in Nepal auch auf Bergen, an deren Flanken mir die Luft knapp wurde. Dadurch habe ich immerhin gemerkt, dass ich mich nicht zum Höhenbergsteiger, sondern eher zum hochalpinen Spaziergänger eigne: Ich möchte auf allen Wegen in die Höhe über die Gesamtheit meiner inneren und äusseren Kräfte verfügen und gehe deshalb nie bis an den Rand der Erschöpfung. Schliesslich will ich die Landschaft in ihrer Gesamtheit wahrnehmen und nicht bloss durch den Tunnelblick auf die nächsten Höhenmeter.

Hat es Sie nie gereizt, mal einen 8000er zu besteigen?
Reinhold hatte angeboten, mich auf einen der sogenannten einfacheren 8000er zu führen, etwa den Gasherbrum II. Und ich gebe zu, es hat mich ein Jahr lang immer wieder beschäftigt. Ohne das wirklich geplant zu haben, begann ich damals, mit der Uhr ins Gebirge zu gehen, ich kontrollierte, wie viele Höhenmeter ich schaffen konnte, es mussten irgendwann – nur eine Kontrollmarke – 1000 Höhenmeter pro Stunde sein. Die Folge: Ich kam von Sternen umtanzt am Gipfel an.

Sie meinen nicht die schönen Sterne am Firmament.
Nein, sondern die von Atemnot und Blutdruck verursachten. Die höchsten Berge, deren Gipfel ich erreicht habe, waren um die 6600 Meter. Diese Erfahrung habe ich in meinen Roman «Der fliegende Berg» eingearbeitet, allerdings beginnt das entsprechende Kapitel damit, dass der Ich-Erzähler sagt: «Ich starb.»

Das war also eine sehr persönliche Erfahrung?
Allerdings. Ich konnte mir damals zwar durchaus vorstellen, Kräfte zu aktivieren, um noch höher zu gehen. Aber irgendwann habe ich begriffen, dass es mir viel eher entspricht, durchaus fordernde, aber für mich machbare und damit lustvolle Touren zu bewältigen, ohne die Erschöpfungsgrenze zu überschreiten. Und ich habe dann meine Erfahrungen benützt, um tatsächlich höher zu steigen – allerdings nur noch in der Fantasie, habe Menschen wie Reinhold zugehört, wenn sie erzählten, welchen Trugbildern einer begegnen kann, wenn er weiter und weiter klettert, steigt –, und habe so die Erzählung eines Weges zum Gipfel aus eigener und der Erfahrung anderer zu einem vollständigen Bild zusammengefügt.

Legen Sie Reinhold Messner entsprechende Textstellen vor?
Zumindest die Schlüsselpassagen, über die ich viel recherchiert, gelesen, gehört habe, von denen ich aus eigener Erfahrung aber nicht weiss, ob sie tatsächlich bis ins Detail so stimmen.

«Der fliegende Berg» wurde inspiriert durch die tragische Geschichte der Messner-Brüder am Nanga Parbat, als Reinholds Bruder Günter starb. Wie wichtig war es für Sie bei der Niederschrift des Romans, tatsächlich selbst im Himalaja und auf über 6000 Metern gewesen zu sein?
Gleichgültig, worüber man schreibt: Wer mit dem Gerüst einer vorgefassten Geschichte in die betreffende Landschaft geht und sich von der Wirklichkeit nicht erschüttern lässt, ist kein Erzähler, sondern Autist. Sich der Wirklichkeit auszusetzen, befördert das Denken, die Kunst, die Poesie auf eine mitreissende Art. Es gibt ja Menschen, selbst Dichter, die sagen, unser ganzes Unglück begänne damit, dass wir nicht ruhig in einem Zimmer bleiben könnten. Dieser Satz ist nur dann nicht im wörtlichen Sinn schwachsinnig, solange es Menschen gibt, die ihre Bücher, ihre Gedanken, ihre Bilder, ihre Töne und Erfahrungen aus der realen Welt in dieses Zimmer hineintragen.

Einer muss sich aufmachen.
Natürlich, einer muss sich irgendwann der Weite, der Höhe, Kälte und Grösse aussetzen, von der wir umgeben sind – und dann davon berichten. Wie sollen wir sonst verstehen, was mit Worten gemeint ist, die uns bis in die entlegensten Winkel der inneren und äusseren Welt führen sollen? Wenn ich nie einen Gletscher gesehen habe, brauche ich Erzähler, Maler, Fotografen oder Musiker, die mir nahebringen, was ein jahrtausendealter Eisstrom sein könnte. Sonst bleibt ein Gletscher nur ein Wort, bestehend aus zwei Silben. Was zur Sprache gebracht, in Sprache verwandelt wird, beginnt erst lebendig zu werden, wenn es eine tragfähige Brücke zwischen Wort und Wirklichkeit gibt.

Wie zum Beispiel die äusserst eindrückliche Beschreibung eines heftigen Gewitters im «Fliegenden Berg» auf mehr als 7000 Metern. Diese gefährliche Situation ist bei Ihnen in derart schöner Sprache beschrieben, als hätten Sie durchaus eine grosse Sehnsucht, die Gefahr selbst zu erleben, den Rand der Existenz eben doch zu spüren.
Dazu muss man nicht auf 7000 Meter steigen. Ich habe im Hochgebirge mehrere heftige Gewitter erlebt. Wenn sich am helllichten Tag plötzlich tiefe Dunkelheit über einen herabsenkt und das Knistern zu spüren ist, vielleicht sogar ein Elmsfeuer am Eispickel flackert, das einem die unmittelbare Nähe des ­nächsten Blitzeinschlags anzeigt und es nur noch ein Lotteriespiel ist, nicht getroffen zu werden – dann erfährt man unter Umständen jene lähmende Angst, die sich von einem Zustand einige Tausend Meter höher nicht unterscheidet. Man hat ja, nebenbei gesagt, lange gedacht, in den Achttausenderzonen wären wenigstens Gewitter keine besondere Gefahr mehr – bis dann während des ersten Irakkriegs die Ölfelder in ­Kuwait brannten und der Qualm die Gewitter bis in die höchsten Höhen gedrückt hat.

Wie verfolgen Sie die Grenzüberschreitungen am Berg mit Speedbegehungen, erstmals gekletterten Routen?
Rekordjagden haben mich nie besonders interessiert. Wenn jemand den besonderen Ehrgeiz hat, schneller, stärker oder auch bloss reicher oder dicker als andere zu sein, wird er dabei vielleicht auch Grenzerfahrungen machen, die ihn seine Welt klarer erkennen lassen, aber mein Weg war das nie.

Reinhold Messner gilt quasi als Begründer der Rekordsucht am Berg, des permanenten Verschiebens des Limits.
Aber ihm ging es nicht allein darum, der Erste oder Schnellste zu sein, sondern auch um die Einsetzung des Bergsteigens in seiner ursprünglichen Form. Und er ist dabei weiter, immer weitergegangen, auch was die eigene Entwicklung anbelangt. Auch darin ist er ein absoluter Solitär und spricht jetzt über seine vierzehn 8000er anders als früher. Er ist in gewissem Sinn die lebende Kulturgeschichte des menschlichen Weges in die Höhe. Wenn wir gemeinsam unterwegs waren, stand ein Berg aber immer für etwas anderes als den ziemlich stumpfsinnigen Versuch, noch schneller noch höher zu kommen.

Was haben Ihnen die Berge bedeutet?
Die Berge meiner Kindheit im oberösterreichischen Salzkammergut waren das Höllengebirge und das Tote Gebirge. Diese Ketten haben meinen Blick aus dem Zimmer, das ich mit meinen beiden Brüdern bewohnte, geprägt und meinen Horizont als Mauer begrenzt. Dabei stand dieser zerklüftete Wall aber immer auch für ein Zauberreich, in dem ich alles angesiedelt habe, was jenseits der Realität lag: Elfen und Trolle, Könige, Riesen und Zwerge hausten dort. Die Berge waren der reale Ort für das ­Irreale, das Märchen, die Fantasie.

Haben Sie diesen Blick mittlerweile verloren?
Nein, diese Vorstellung hat mich immer begleitet. Wenn ich heute ins Gebirge gehe, wandere ich manchmal nicht nur in meine Kindheit zurück, sondern der Weg in die Vertikale ist für mich auch immer noch einer zurück in die Zeit. Denn auf dem Weg in die Höhe lassen wir allmählich alles Zivilisatorische hinter uns, die Forststrassen, irgendwann auch den Wald und alle Wege, und wenn wir die Eisregion erreichen, befinden wir uns in einer Landschaft, die sich für einen neolithischen Jäger nicht entscheidend anders präsentiert hat. Und wir streifen dabei ja auch noch durch die Jahreszeiten, gehen vom Sommer über den Herbst in den Winter und wieder zurück in die Tiefe. Diese senkrecht gestellte Welt, die nicht nur durch den Raum, sondern auch durch die Zeit führt, hat mich immer fasziniert.

Wobei uns markierte Wege helfen.
Die vermeide ich. Für mich bedeutet jeder Berg auch die Herausforderung, den Weg zu finden, der mir entspricht. Ich versuche, die Senkrechte zu lesen, so gut es geht: Geröllfelder, Abstürze, Querungen, Risse, Überhänge, was ist machbar für mich, wo muss ich ausweichen? Und dann versuche ich, das Gelesene mit meinen körperlichen Möglichkeiten in Einklang zu bringen – was natürlich auch dazu führen kann, dass ich mehrmals umkehren muss –, um irgendwann meinen Weg, meine Route doch zu ­finden.

Bereitet Ihnen dieses Überwinden Zufriedenheit?
Es ist vor allem ein Vergnügen, einen Weg durch die Zeit aus eigener Kraft zu gehen und so eine Linie, einen unsichtbaren Weg in die hochragende Landschaft einzuschreiben, der nirgendwo Spuren hinterlässt als in meiner Erinnerung.

Das Vergnügen kommt vor sportlichen Kriterien?
Sport langweilt mich. Ich suche manche Berge oft allein nach der jeweiligen Flora aus. Zum Beispiel, wenn ich zur Zeit der Enzianblüte über einen Ostgrat auf den Schneeberg bei Wien gehe, der zwischen Felstürmen steil nach oben und dabei im wahrsten Sinne durchs Enzianblaue führt . . . Oder über einen Steilhang der Rax, eines Nachbarberges, der im Frühsommer wie beschneit ist von Aberhunderten Edelweissblüten. Bei günstigem Wetter sind in den nördlich davon liegenden Geröllfeldern Jahr für Jahr sogenannte Gämsenkindergärten zu beobachten, in denen die Geissen ihren Kitzen spielerisch beibringen, wie man am schnellsten über Geröll- und Firnfelder flüchten kann. Auf der Suche nach den Dramen in Flora und Fauna erscheint die mit der Stoppuhr gemessene Rekordzeit auf einer bestimmten Route ziemlich armselig, weil sie einen blind machen kann für alles, was unterwegs zu erfahren ist.

Reinhold Messner lobt Sie ausdrücklich für Ihre bergsteigerischen Fähigkeiten.
Reinhold ist ein guter Freund und dazu ein sehr höflicher Mensch . . . Er sieht mich als das, was ich bin und als was ich mich fühle: ein hochalpiner Spaziergänger, der gelegentlich auch nach den Felsen greift. Aber ihn zeichnet auch aus, was alle guten Bergführer auszeichnet – er erwartet nie, dass andere ebenso kühn, erfahren, entschlossen und trittsicher sein sollten.

Messner hat nach Ihrem Buch «Die Schrecken des Eises und der Finsternis» über eine dramatische österreichisch-ungarische Nordpol-Expedition im 19. Jahrhundert den Kontakt zu Ihnen gesucht. Wie hatten Sie ihn davor wahrgenommen?
Er war auffällig, ja unübersehbar. Denn wie er über die Berge geredet hat, das hatte ich noch von keinem anderen grossen Bergsteiger gehört. Nachdem er beispielsweise mit Peter Habeler den Everest bestiegen hatte, ohne Sauerstoff, gab es in Südtirol einen grossen Empfang, auf dem es in einer Rede hiess, er, Messner, hätte die Fahne Südtirols auf den Gipfel der Welt getragen. Darauf bedankte er sich, fügte aber an, er trage keine Fahne irgendwo hinauf, niemals und für niemanden, und sagte dann: «Mein Taschentuch ist meine Fahne.» Das war grossartig.

Er hat bestimmte Leute damit brüskiert.
Ja, aber nicht, weil er provozieren wollte, sondern weil das, was er dachte, für einige Steinschädel in Südtirol wie im Rest der Bergsteigerwelt unerträglich war. Nachdem ich diese Aussage gehört hatte, habe ich jedenfalls begonnen, Messner zu lesen. Und dabei hat mich gerade das Nanga-Parbat-Buch beeindruckt, vor allem die Art, mit der er darin über seine Angst und seine Traurigkeit schrieb.

Und dann erhielten Sie einen Brief von ihm?
Ja, er wollte mich zu seiner Lhotse-­Südwand-Expedition einladen, weil er nach den «Schrecken des Eises und der Finsternis» glaubte, ich sei ein erfah­rener Eisgänger. Ich habe diesen Eindruck korrigiert und ihm mitgeteilt, dass ich all das, was ich damals über die Arktis geschrieben hatte, nur von Menschen wie ihm und ihren Erzählungen wusste. Wir sind ja erst viele Jahre ­später gemeinsam an Bord eines russischen Eisbrechers in die Hocharktis gereist und über die Inseln des Franz-Joseph-Landes gewandert.

Es hat Messner schwer irritiert, dass jemand die Dinge so präzise beschreiben kann, ohne sie selbst erlebt zu haben.
Wir haben uns dann auf seiner Burg ­Juval getroffen, und es herrschte vom ersten Moment an eine grosse, auch heitere Übereinstimmung. Davon war ich nicht überrascht, ich kannte ja seine Bücher. Was aber doch erstaunlich war: Reinholds herzerwärmende Offenheit und seine Selbstironie. Er war alles andere als der unbezwingbare Held der Berge.

Und er nahm Sie mit auf den Ortler, quasi seinen Hausberg.
Das war unsere erste Tour überhaupt und für mich eine Herausforderung – nicht technisch, aber konditionell. Was wäre das für eine Blamage gewesen, wenn ich schwer nach Luft japsend oben angekommen – oder eben nicht angekommen – wäre! Da habe ich gemerkt, wie unaufgeregt er im Vorstieg ist und wie behutsam er korrigiert. Nachdem wir oberhalb des Ausstiegs aus der Nordwand eine steile Eisstufe hochgeklettert waren – ich damals zum ersten Mal in meinem Leben mit Pickel und Steigeisen –, zog er plötzlich ganz leicht am Seil, wie bei einem Hündchen, und sagte ganz ruhig und nur halblaut: «Da würde ich nicht gehen, da ist eine Gletscherspalte.»

Ein Bild zum Abschluss aus dem «Fliegenden Berg»: Die Suche nach dem «unverrückbaren Ort unter einem unverrückbaren Himmel». Wie stark sind Sie auf der Suche nach diesem Ort?

Wenn man diesen Ort nicht in sich selbst findet, wird man ihn auch in der Landschaft vergeblich suchen, egal wie viel man läuft und klettert, steigt und reist. Dieser Ort hat keine geografischen Koordinaten. Aber es gibt durchaus Plätze, die in einem seltsamen Frieden liegen. Nur gilt dieser Friede eben bloss für die Dauer eines Zwischenaufenthaltes. Bleibt man irgendwo länger oder lässt sich nieder, etwa in der Bergwelt, erfährt man nicht allein den Frieden, sondern ein breiteres Spektrum des Lebens, die unterschiedlichen Jahreszeiten mit ihren Temperaturstürzen und Unwettern, die Lawinen oder die Revierkämpfe und Streitereien der Bergbewohner. Das heisst aber nur, dass das wirkliche Leben allgegenwärtig und der Friede, das Glück darin bestenfalls wiederkehrende Augenblicke sein können.

Im Roman ist dieser unverrückbare Ort das Grab des Vaters und der beiden Brüder Padraic und Liam.
Ist das Heimat?
Richtig, wo anders soll ein solcher Ort auf einer Karte auch zu finden sein als auf einem Friedhof oder am Grund des Meeres? Wobei es natürlich immer eine Sehnsucht bleibt, eine wunderbare Vorstellung, einen Ort zu bestimmen, von dem man sagen kann: Hier will ich ­bleiben.

Die Versuchung ist manchmal immer noch gross für mich, den Blick aus unserem Kinderzimmer aufs Höllengebirge und Tote Gebirge für so etwas wie einen Urblick zu halten. Aber dann bin ich irgendwo in Nepal oder im Osten Tibets unterwegs, und plötzlich kommen mir die Trolle und Elfen aus meiner Kindheit auch dort entgegen und gemeinsam mit ihnen die Erinnerungen an die Gesichter meiner Eltern und Liebsten, die schon gestorben sind und die ich vermisse und geben mir das Gefühl, an­gekommen zu sein, geborgen und zu Hause.

Erstellt: 25.03.2015, 23:07 Uhr

Christoph Ransmayr: Lebensfroher Apokalyptiker

Geboren am 20. März in Wels, wuchs Ransmayr in Roitham im Traunviertel auf, nahe dem Höllengebirge und dem Toten Gebirge. Berge spielen in seinem Werk eine grosse Rolle, wie bereits in seinem Roman «Die letzte Welt», mit dem er 1988 international bekannt wurde. Ransmayr gewährt mit seinen Büchern und Reportagen auch neue Einblicke in Welten, die für uns eigentlich alltäglich sind. Mit «Der Schrecken des Eises und der Finsternis», dem nacherzählten Bericht einer Arktisexpedition, und «Der fliegende Berg», das von der Tragödie zweier Brüder im Himalaja handelt, nimmt er uns mit in fremde Regionen. Sein jüngstes Werk, «Atlas ein ängstlichen Mannes», ist eine Reise um die Welt in 70 Klein-Romanen. Marcel Reich-Ranicki nannte Ransmayr einen «Apokalyptiker, der das Leben preist». (can.)

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