Das helvetische Stonehenge

Es ist gar nicht weit in die Jungsteinzeit. Am Neuenburgersee ballen sich die Monumentalsteine der Vorgeschichte. Einer von ihnen lächelt uns über die Jahrtausende sogar zu.

Dies ist unser helvetisches Stonehenge: In Clendy am Rand von Yverdon sind 45 Menhire aufgereiht. (Bild: Doris Fanconi)

Dies ist unser helvetisches Stonehenge: In Clendy am Rand von Yverdon sind 45 Menhire aufgereiht. (Bild: Doris Fanconi)

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Am Neuenburgersee massieren sich die Monumentalsteine der Vorgeschichte. Einer hat ein Gesicht und lächelt uns aus 6500 Jahren Abstand mysteriös zu.

1. Das Viereck von Corcelles

Es braucht Fantasie, um in Corcelles-près-Concise auf der Anhöhe über dem Neuenburgersee die Prähistorie zu erspüren. Die Autobahn rauscht. Eine Familie fährt auf dem Veloweg durch die Felder und Reben vorbei. Die vorgeschichtliche Preziose in einer Wiese entgeht ihnen: vier Steine aus Granit, jeder gut zwei Meter hoch.

In den einen Stein sind kleine Schalen graviert. Bei Ausgrabungen entdeckte man 1994 noch zwei weitere Steine; das Viereck wäre eigentlich ein Sechseck.

Das stumme Ensemble wirkt unscheinbar – und ist doch eigentlich eine Sensation. Denn die Steine datieren aus der Jungsteinzeit. Sie führen uns Tausende Jahre zurück in die Welt der ersten Bauern. Sie gehören zu einer versunkenen Zivilisation, wurden mit ungeheurem Aufwand von unseren Vorfahren platziert. Die Menschen errichteten zu allen Zeiten Monumente und Kultanlagen. Im Mittelalter waren es Kathedralen. Im antiken Griechenland Tempel und Theater. Im Ägypten der Pharaonen Pyramiden. Und in der Jungsteinzeit Menhire.

Das Wort leitet sich ab vom bretonischen Men gleich «Stein» und hir gleich «lang». Es bedeutet etwa dasselbe wie «Megalith»: grosser oder eben langer Stein. Die Grundregel: Menhire und Megalithen liegen nicht, sie stehen. Sie sind Menschenwerk. Die meisten wurden ursprünglich von eiszeitlichen Gletschern in die Gegend getragen. Das Eis schmolz, die Findlinge lagen nun auf dem Trockenen, Leute kamen, schleppten sie an den richtigen Ort, stellten sie auf, arrangierten sie zu Kultstätten.

Das geschah in besagter Jungsteinzeit, dem Neolithikum vom fünften bis dritten Jahrtausend vor Christus. An dessen Anfang steht, was die Archäologie «neolithische Revolution» taufte.

Die Jahrtausende vor der Revolution: Das war die Zeit der Jäger. Die Pfeile, die sie von ihren Bögen verschossen, hatten messerscharf zugekantete Steinspitzen. Die Jungsteinzeit-Menschen, die auf die Jäger folgten, lebten ganz anders – deshalb der Begriff der Revolution. Sie betrieben Ackerbau, Viehzucht, Vorratshaltung; sie fertigten Beile an und rodeten den Wald. Der Wandel dauerte Jahrhunderte, zeitweilig existierten beide Zivilisationen nebeneinander. Die Jäger zogen herum. Die Jungsteinzeitler hingegen waren sesshaft, wohnten in der Nähe von Seen, bauten Hütten auf Stelzen, Pfahlbauten. Es war überhaupt erst ihre Idee, dass man Boden, Häuser, Dinge besitzen kann.

Genau deswegen kamen die grossen Steine auf. Mit ihnen signalisierte eine Sippe, ein Stamm, eine Gemeinschaft: Dies ist unser Land!

Auch die Menhire von Corcelles sind solche Markierungen. Auf dieser Seite des Neuenburgersees gab es in regelmässigen Abständen ähnliche Anlagen, hat man an einigen Orten Menhire gefunden. Ein Glücksfall, dass diese bis in die Moderne überlebten. Anderswo wurden sie nämlich zerkleinert und dienten als Baumaterial; sie fielen, sagt der welsche Publizist Henri-Charles Tauxe, «dem Geschmack der Bauunternehmer für guten Granit zum Opfer».

2. Die Anlage von Clendy

Vom Bahnhof Yverdon ist man zu Fuss schnell am Stadtrand – und ja: Die Megalith-Anlage von Clendy ist viel imposanter als das Viereck von Corcelles! Zwar ist sie kein Stonehenge, wie das weltberühmte jungsteinzeitliche Bauwerk in Südengland heisst. Immerhin stehen 45 Steine auf dem grossen Platz am Rand eines schütteren Wäldchens. Die grössten ragen über vier Meter hoch auf.

Die Steine bilden Linien und Halbkreise, die an ein Amphitheater erinnern. Manche sind bearbeitet, haben eine Art Kopfbeule oder menschenähnliche Umrisse. Dass sie uns Heutigen bekannt und zugänglich sind, hat mit der Juragewässer-Korrektion des 19. Jahrhunderts zu tun. Der Spiegel des Neuenburgersees senkte sich dadurch, 1878 entdeckte man das «Alignement», die Aufreihung von Clendy; später richtete man es wieder her.

Welche Art von Kult vollzog sich um diese Signale? Man weiss es nicht. Hingegen wissen Experimentalarchäologen, wie die Kolosse einst transportiert wurden. In Bougon in Frankreich bewegten 1979 rund 200 Freiwillige einen 32-Tonnen-Block. Zuvor hatte man Eichenholzbalken wie Schienen ins Gelände gelegt. Auf sie platzierte man hölzerne Querrollen, auf denen nun der Block mit Seilen vorwärts gezogen wurde.

In die Senkrechte bringt man einen solchen Block so: Man zieht ihn bis an den Rand einer Grube, hebelt ihn mit Stangen in die vertikale Position, wobei von der anderen Seite weiter mit Seilen gezogen wird. Der Block rutscht in die Grube, wird mit den Seilen stabilisiert, bis die Grube zugeschüttet ist: die Geburt eines Megalithen.

Die Jungsteinzeit machte die Monumente möglich. In der Jägergesellschaft hatte es an Menschen gefehlt, um über Tage ein solches Werk zu vollbringen. Sie brauchte auch Vorbereitung, Organisation, planmässiges Handeln. Nicht zu unterschätzen der Aufwand für die Hilfsmittel: Die Fertigung der Seile, etwa aus Flachs, war mühevolle Handarbeit. Späteren Menschen kamen die Menhire unglaublich, ja unheimlich vor. Als die Religion der Jungsteinzeit verblasste, störten die Menhire gar. Manche wurden gestürzt. Dass der Kelte Obélix im Comic Hinkelsteine (ein anderes Wort für Menhire) schleppt, ist historisch gesehen übrigens falsch. Den Kelten bedeuteten die grossen Steine kaum noch etwas.

3. Der Lächler im Laténium

Eines der interessantesten Schweizer Museen steht in Hauterive bei Neuenburg am See. Der Besucher des «Laténium» unterhält sich schon im Freien bestens. Ein eisenzeitlicher Grabhügel und eine keltische Brücke sind zu sehen, ein römischer Kräutergarten, ein Pfahlbauerhaus, eine Jägerlagerstelle der Altsteinzeit. Im See ist ein galloromanischer Lastkahn versenkt, dessen grünlich veralgte Silhouette man von einem Steg ausmacht.

Und da sind neolithische Menhire und Schalensteine. Sowie ein Dolmen, ein Sammelgrab von 3000 vor Christus, nahe Auvernier NE ausgegraben: aufrecht stehende Schieferplatten, von einem weiteren Flachstein bedeckt.

Im Inneren des Museums dann ein frappierender Moment. Was den Besucher anlächelt, ist das erste Gesicht der Schweiz. Es besteht aus einer langen Nase und einem kleinen Mund. Weiter unten wird die Sache spekulativ: Ist da ein Bart? Die Hände sind bei den Schultern eingraviert, die Finger ausgearbeitet. Aber was sind das für waagrechte Parallellinien auf Brusthöhe? Sind es Rippen oder ein Brustharnisch?

Den aufsehenerregenden Fund machte man 1996 beim Autobahnbau am Neuenburgersee. Der Menhir mit dem Gesicht wurde in Bevaix-Treytel aus der Erde geholt. Er stammt circa von 4500 vor Christus, steht somit am Anfang der Jungsteinzeit und wurde wohl sogar vor dem ersten Dorf in Seenähe aufgestellt, von dem man heute weiss. So Laténium-Direktor Marc-Antoine Kaeser. Die Gesichtszüge dürften spätere Jungsteinzeitler eingemeisselt haben.

Die Archäologen wissen nicht allzu viel über die damalige Glaubenswelt. Immerhin: Man fand am Neuenburgersee eine Herdstelle mit Resten von Getreide, das womöglich zu kultischen Zwecken verbrannt wurde – eine Art Erntedankzeremonie. Auch wurde in einem Fall, obwohl der See nah war, eine Quelle gefasst; wohl auch aus religiösen Motiven. Belegt sind an einer Stelle rituelle Dreschpraktiken; huldigte man einer Gottheit für das Getreide?

Der Menhir mit dem Gesicht ist über drei Meter hoch und wiegt fast drei Tonnen. Experte Kaeser erklärt: «Die Menschen bauten damals in der Jungsteinzeit eine neue Welt und erschufen sich eine Ideologie, zu der ein Eigentumsbegriff gehörte. Steine wie dieser bezeugten die symbolische Inbesitznahme des Bodens durch die Gemeinschaft.» Dass Findlinge als Menhire herhalten mussten, sei klar: «Granit und Gneis sind viel dauerhafter und edler als Jurakalk.»

Und was den Mann auf dem Menhir angeht: «Er war gewiss kein Mensch, der existiert hat. Es dürfte sich um den mythischen Vorfahren einer jungsteinzeitlichen Gemeinschaft handeln.» Kaeser vergleicht ihn mit Wilhelm Tell. Beide Gestalten seien, wiewohl ausserhistorisch, äusserst bedeutsam für das Selbstverständnis ihres jeweiligen Kollektivs.

Wer unsere Frühestgeschichte näher kennenlernen und verstehen will, der besucht mit Vorteil das Laténium; dort blickt er ihr ins Gesicht.

Erstellt: 14.04.2012, 14:37 Uhr

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