Die Schweiz, ein Land von Vielfliegern

Die Schweizer reisen gerne viel und weit, auch mit dem Flugzeug. Ihre Klimabilanz ist entsprechend dürftig – und kaum mit dem Ziel einer 2000-Watt-Gesellschaft zu vereinbaren.

Blick aus dem Fenster auf den Flügel eines Swiss-Jets unterwegs nach Chicago. Foto: Christian Beutler (Keystone)

Blick aus dem Fenster auf den Flügel eines Swiss-Jets unterwegs nach Chicago. Foto: Christian Beutler (Keystone)

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Aufschlussreich sind die Werte trotz Unschärfen in der Ökobilanzierung gleichwohl, und zwar vor dem Hintergrund der teils ehrgeizigen energiepolitischen Ziele, die sich Teile der Schweiz gesetzt haben. Die Stadtzürcher Bevölkerung zum Beispiel hat vor sechs Jahren mit überwältigender Mehrheit dem Ziel einer 2000-Watt-Gesellschaft zugestimmt. Damit verknüpft ist das Vorhaben, die Emissionen von heute rund 13 Tonnen CO2 pro Person und Jahr auf ein Niveau von 1 Tonne zu drücken. Wie schwierig das zu erreichen ist, zeigt sich dank der ESU-Studie eindrücklich: Die Hälfte der untersuchten Ferienszenarien überschreitet den angestrebten Zielwert. Flugreisen, so der Befund, sind in einer 2000-Watt-Gesellschaft kaum mehr möglich, zumindest solange der Flugverkehr auf fossile Treibstoffe angewiesen ist.

Der Ansturm war gross. Allein an den letzten beiden Wochenenden reisten vom Flughafen Zürich rund 500 000 Personen ins Ausland. Doch nicht nur während der Sommerferien zieht es die Schweizer in fremde Gefilde. Im letzten Jahr transportierten die Flughäfen Zürich, Basel und Genf 45 Millionen Passagiere, vier Prozent mehr als im Vorjahr – und so viele wie noch nie. Eine Erhebung des Bundesamts für Statistik zeigt zudem: Von den 16,2 Millionen Reisen, welche die Schweizer Bevölkerung 2011 unternahm, führten rund zwei Drittel ins Ausland.

In 30 Jahren verdoppelt

Zu einem ähnlichen Befund gelangt eine Studie der Universität St. Gallen. Demnach hatten 2012 rund 74 Prozent Reisen mit vier und mehr Übernachtungen einen Ort im Ausland zum Ziel (37 Prozent Nachbarländer, 21 Prozent weiteres Europa, 16 Prozent Übersee). Vor 30 Jahren war es noch weniger als die Hälfte. Auch im europäischen Vergleich entpuppen sich die Schweizer als Vielflieger, steigen sie doch doppelt so häufig ins Flugzeug wie etwa die Deutschen, Franzosen oder Österreicher.

Die Wahl der Reisedestination befeuert nicht nur Ferienträume, sondern auch den Ausstoss von Treibhausgasen. Der WWF Schweiz wollte wissen, wie stark, und hat die vier grössten Reisever- anstalter und Internetportale gefragt, welche Destinationen im Ausland die Schweizer am häufigsten buchen. Für die Top Ten hat er in der Folge stellvertretend je einen typischen Trip der Anbieter aus deren Angebot herausgefiltert. Im Auftrag des WWF haben Ökobilanzexperten der Firma ESU-Services die CO2-Berechnung durchgeführt. In die Bilanz floss dabei nicht nur die Reise, sondern auch die für das Angebot charakteristische Art der Übernachtung und der Verpflegung. Unberücksichtigt blieb, was die Feriengäste vor Ort unternehmen, da diese Aktivitäten sehr unterschiedlich sein können. Für alle Reisen galten dieselben Annahmen: Start- ort Bern, sieben Übernachtungen, Anreise zum Flughafen per Zug (2. Klasse), Hin- und Rückflug Economyclass.

Der Vergleich offenbart markante Unterschiede. Eine Reise nach Hurghada zum Beispiel verursacht mit 2,5 Tonnen Treibhausgasen gleich viel Emissionen, wie ein Schweizer mit einem Auto in zwei Jahren durchschnittlich in die Luft entlässt. Der Grund: Die Reise nach Ägypten ist lang und erfolgt per Flugzeug. Ferien in Scuol im Unterengadin hingegen verursachen dank kurzer Distanz und Zugfahrt weniger CO2.

Hotelferien belasten mehr

Weiter überraschend ist dieser Befund nicht, interessant sind jedoch seine Dimensionen: Ferien in Scuol verursachen nur 7 Prozent der Emissionen eines Ägypten-Trips. Auffallend ist zudem: Je kleiner die Wegdistanz und je höher der Zuganteil am Gesamttransport ist, desto bedeutender wird, wie der Gast übernachtet und was er isst. So verursachen Ferienwohnungen anders als Hotelübernachtungen vergleichsweise geringe Emissionen, unter anderem weil die beanspruchte Fläche pro Person geringer und der (kulinarische) Luxus generell kleiner ist.

Auch die Ferien im französischen Arles schneiden vergleichsweise gut ab, weil der Weg nicht allzu lang ist und die Bahn dank eines hohen Anteils an Atomstrom verhältnismässig geringe Emissionen verursacht. Die Experten von ESU-Services räumen in der Studie allerdings ein, die Bewertung sei so nicht komplett, weil sie die Risiken der Entsorgung radioaktiver Abfälle oder die hohen Umweltbelastungen des Uranabbaus nicht berücksichtige.

Auch Grüne überziehen Budget

Doch selbst rot-grüne Politiker, die Promotoren der 2000-Watt-Gesellschaft, scheinen diese politischen Ziele nicht weiter zu kümmern. So war zum Beispiel der Zürcher Regierungsrat Mario Fehr (SP) Gast an der Fussball-WM in Brasilien, sein Regierungskollege Martin Graf (Grüne) verbringt seine Sommerferien in Tansania.

Erstellt: 26.07.2014, 07:27 Uhr

Wie Ferien die Umwelt belasten (Grafik für grosse Ansicht anklicken).

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