Die Widerspenstige

Marseille hat einen schlechten Ruf. Zu Unrecht, denn die diesjährige Kulturhauptstadt Europas hat mehr zu bieten als Kriminalität und Bouillabaisse.

Der Ombrière von Norman Foster auf der östlichen Seite des Vieux Port.

Der Ombrière von Norman Foster auf der östlichen Seite des Vieux Port. Bild: Edmund Summer/Keystone

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Marseille in der Erinnerung: Die zweitgrösste Stadt Frankreichs als charmant zu bezeichnen, verbot sich. Wohlmeinende französische Freunde verwiesen bei jeder geäusserten Besuchsabsicht sogleich auf die hohe Kriminalitätsrate und mahnten eindringlich, dieses oder jenes Quartier auf keinen Fall zu betreten. Diese Verbotszonen begannen meist bereits beim Bahnhof Saint-Charles. Wollte man dennoch zu Fuss zum Vieux Port hinunter, musste man also diese Orte, wo Taschendiebe, Huren und Drogendealer ihren Geschäften nachgingen, durchqueren, was sich indessen jedes Mal als ungefährlich erwies.

Wenig gefällig, schmutzig, im Würgegriff des Autoverkehrs, insbesondere um den alten Hafen herum: Diese Erinnerungen setzten sich fest. Ach ja, und dann ist da noch das Bild einer verflossenen Liebe, mit der man zu nächtlicher Stunde auf einer Bank am Vieux Port sass: Statt sich romantischen Gefühlen hinzugeben, wand sich der Begleiter vor Schmerzen – die Bouillabaisse. Nie mehr Fischsuppe, nie mehr Marseille, presste der Bedauernswerte unter Krämpfen hervor.

Menschen statt Autos

Nie mehr? Ja nicht! Marseille, die uralte Stadt mit schlechtem Ruf, versucht sich in diesem Jahr als attraktive Kulturhauptstadt Europas ein neues Image zu schaffen. Mit knapp 1 Milliarde Euro aus den Kassen der EU, der französischen Regierung und der Provinzverwaltung wurden neue Museen hingestellt und längst überfällige Infrastrukturen verwirklicht. Aus den Geldtöpfen durfte sich die oberste Liga der Architekten bedienen: Sir Norman Foster, Zaha Hadid. «Eine Stadt schüttelt sich zurecht», nennt es der Marseillais Philippe Carrèse in seinem wunderschönen Buch «Marseille, Porträt einer widerspenstigen Stadt».

Widerspenstig ist sie tatsächlich. Kunstbeflissene, die sich bereits im Frühling nach Marseille aufmachten, wurden enttäuscht. Man stolperte durch Baustellen, die meisten der neuen Kunsttempel waren wegen verspäteter Arbeiten noch geschlossen. Das wohl kostspieligste städtische Renovationsvorhaben im südlichen Europa war arg im Rückstand. Nur der Vieux Port, das Herzstück der Cité phocéenne, wie sich Marseille in Erinnerung an die Phokäer gerne nennt, die im 7. Jh. v. Chr. das damalige Massilia gründeten, glänzte im neuen Licht. Die Schnellstrassen waren zurückgedrängt, Abschrankungen niedergerissen worden. Wo einst infernalischer Verkehrslärm herrschte, flanierten die Menschen auf einem breiten Streifen, der sich bis zu den alten, leer stehenden Docks im Westen hinzieht, wo die neuen Museen im Bau waren.

Erst jetzt, da sich das Kulturjahr langsam seinem Ende nähert, ist die Stadt bereit, ihre wiedererstrahlten alten Schätze sowie die neuen Juwelen zu präsentieren. Idealer Ausgangspunkt für fast jede Exkursion ist der Vieux Port mit seiner ausladenden Flaniermeile und – auf der östlichen Hafenseite – der Ombrière, Norman Fosters Beitrag zum Kulturjahr. Auf schlanken, hohen Säulen ruht ein riesiges, dünnes Dach aus Spiegelelementen. Das Ganze erinnert an eine überdimensionierte, aber überaus luftige Bushaltestelle. Doch keine Bank lädt zum Verweilen ein, das Kunstwerk scheint keinen Zweck erfüllen zu wollen. Auch dieser Architekturfantasie begegnete die Stadt zuerst mit Widerspenstigkeit. Immer wieder riss der Mistral, Südfrankreichs Antwort auf unsere Bise, Dachelemente herunter.

Ein Quartier wird «seefeldisiert»

Der extravaganteste Neubau befindet sich westlich des Vieux Port hinter einem Hügel, über den sich das alte Quartier Le Panier zieht. Früher wohnten Juden dort, später galt Panier als einer der berüchtigsten Rotlichtbezirke an der Mittelmeerküste. Heute sind die Gassen verkehrsberuhigt, die baufälligen Häuser werden saniert; Boutiquen und Kunstläden breiten sich aus, Le Panier wird «seefeldisiert», wie Besucher aus Zürich unschwer feststellen können.

Die Dame aus dem Tourismusbüro, die fachkundig durch die Gässchen führt, erzählt, wie man hier einst für ganz wenig Geld Wohnungen kaufen oder mieten konnte. «C’est fini», bedauert sie. Nun zögen wohlhabendere Leute hierher. Über einen schattigen Platz zuoberst auf dem Hügel, wo einst Windmühlen standen, führt der Weg hinunter, vorbei an der riesigen Kathedrale Nouvelle Major, die im 19. Jahrhundert im römisch-byzantinischen Stil erbaut wurde und wohl gerade deshalb keine Augenweide ist, was auch die Dame vom Tourismusbüro unumwunden zugibt.

Die Kirche hat es heute definitiv sehr schwer: Denn das Auge wird magisch angezogen vom benachbarten Musée des civilisations de l’Europe et de la Méditerranée, kurz Mucem genannt. Der von Rudy Ricciotti, dem provenzalischen Stararchitekten entworfene Bau an der Hafenmole J4 ist ein Quader, 25 Meter hoch, 72 Meter lang, der auf zwei Seiten mit einer filigranen Haut aus ultrafestem Beton ausgestattet ist. Die Haut erinnert an einen gehäkelten Vorhang, der je nach Lichteinfall die Farbe von Hellgrau bis Schwarz wechselt.

Noch betörender sind die Lichtspiele von Türkis bis Königsblau in der Nacht. Hinter diesem Vorhang, der das gleissende Mittelmeerlicht abhalten soll, befindet sich das rundum verglaste Gebäude. Auf zwei Seiten sind dem Glas baumförmige Betonpfosten vorgeschoben, die den Bau samt Treppen, Gängen und Brücken tragen. Wer sich für das Museumsthema nicht interessiert, kann stattdessen die um den Kubus herumführende, durch die Betonvorhänge in schattiges Licht getauchte Rampe benutzen und das Dachrestaurant aufsuchen, wo Gerald Passedat, ein gefeierter Michelin-Sternekoch, wirkt. Von der Dachterrasse hat man einen unverstellten Blick auf den nordwestlich gelegenen, 142 Meter hohen Turm, der schlank und elegant zwischen der auf Stelzen sich auffächernden Stadtautobahn in den Himmel ragt. Die Zentrale der französischen Reederei CMS wurde von der Architektin Zaha Hadid entworfen.

Konkurrenz der Museen

Man könnte vom Mucem-Dachgeschoss auch über eine schmale Fussgängerbrücke in luftiger Höhe zum Fort Saint-Jean und weiter zur Kirche Saint-Laurent spazieren. Doch vorher gilt es, einen weiteren architektonischen Entwurf gleich neben dem Museum zu bestaunen: die Villa Méditerranée des italienischen Architekten Stefan Boeri. Wobei der Begriff «Villa» hier in die Irre führt. Bei Boeris Werk handelt es sich um einen Glas-Beton-Bau mit einem 40 Meter weit auskragenden Dach. Die Attraktion in der Eingangshalle ist eine freistehende Rolltreppe vor einer riesigen Glaswand, die den Blick aufs Wasser freigibt. In der Villa finden Konferenzen, Ausstellungen und Konzerte statt. Kritiker bemängeln, dass sich die beiden Museen in ihrer Kühnheit zu sehr konkurrenzieren. Wollten sich hier Auftraggeber gegenseitig ausstechen? Das Mucem wurde durch den französischen Staat finanziert, die Villa durch die Region Provence–Alpe–Côte d’Azur.

Dem Besucher kann es egal sein, zumal noch ein drittes Museum in der Nähe zur Besichtigung einlädt: In den Consignes Sanitaires, einem schönen alten Bauwerk, ist das Musée Regard de Provence eingerichtet worden. Früher wurden hier alle auf Schiffen ankommenden Immigranten in Quarantäne genommen, um den Ausbruch von Epidemien zu verhindern. Nicht immer erfolgreich: 1720 wurde die Pest eingeschleppt. Die sanitarischen Einrichtungen waren noch bis in die frühen 50er-Jahre in Betrieb. Dann verlotterten die Gebäude, obwohl sie unter Denkmalschutz standen.

Suppe für 120 Euro

Wie bei den Consignes erinnerte sich Marseille noch anderer historischer Bauten, deren dringende Auffrischung einer Kunsthauptstadt gut anstehen würden. Dazu gehört das im Norden der Stadt liegende Wasserschloss Longchamp aus dem 19. Jahrhundert, ein Monumentalbau mit angeschlossenem Museum. Die Fassade wurde gereinigt, das Museum entrümpelt und restauriert. Derzeit werden Werke von Van Gogh, Gaugin, Dufy, Soutine und anderen Künstlern gezeigt, die das Licht einst an die Mittelmeerküste gelockt hatte.

Ein weiteres Bijou ist das Château Borély im Südosten Marseilles mit seinem Musée des Arts décoratifs, de la Faïance et de la Mode. Spezialisten haben die Räumlichkeiten mit modernster Technologie ausgestattet, mit deren Hilfe die Gegenstände überraschend präsentiert werden können. Dazu gehören Hologrammtafeln, die visualisieren, was in den Räumen früher stattfand.Ach ja, und die Bouillabaisse? Selbstverständlich wird das Gericht noch heute in vielen Restaurants aufgetragen. Die beste Variante soll Christian Buffa zubereiten, den man regelmässig am Morgen auf dem Fischmarkt am Vieux Port antreffen kann. Sein Restaurant Miramar ist ja auch gleich über die Strasse. Ein Blick in die Karte zeigt jedoch, dass man dafür tief in die Tasche greifen muss. Gegen 120 Euro. Das sei doch etwas viel, wagt der Gast einzuwerfen, wo es bei der Konkurrenz das Gleiche für 20 Euro gebe. Buffa, ein echter Marseillais, echauffiert sich: Die echte Bouillabaisse bestehe aus mindestens vier Fischarten – «ich verwende sechs». Und man fragt sich, was wohl in der billigen Variante schwimmen mochte, die man einst mit dem Liebsten gelöffelt hatte. Kaum ist die Bestellung aufgegeben worden, tragen zwei Köche eine grosse Platte mit Bergen von Fischen und anderem Meeresgetier an den Tisch. Das, sagen sie grinsend, komme jetzt in die Suppe.

Sie war vorzüglich. Und der Abend unterhaltsam. Am Tisch nebenan gestikulierte lautstark Bernard Tapie, Ex-Politiker, Ex-Präsident von Olympique Marseille, Unternehmer, mit der Justiz immer mal wieder im Clinch. Und regelmässiger Geniesser der Bouillabaisse im Miramar, wie uns der Kellner zuflüstert.

Erstellt: 21.09.2013, 07:19 Uhr

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