«Ein Berggrat beschwingt mich»

Kabarettist Franz Hohler stand mit 20 auf dem Matterhorn. Erstaunlich – der passionierte Alpinist ist nicht schwindelfrei.

«Früher brachte man den Bouillonwürfel selbst mit in die SAC-Hütte.» Franz Hohler zu Hause in Oerlikon. Foto: Dominique Meienberg

«Früher brachte man den Bouillonwürfel selbst mit in die SAC-Hütte.» Franz Hohler zu Hause in Oerlikon. Foto: Dominique Meienberg

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Was fasziniert Sie an Berggipfeln?
Wenn man auf einem Gipfel ankommt, geht es nicht weiter hinauf. Man ist so hoch oben, wie es der Gipfel erlaubt. Das gilt auch für Berge, die bloss 700 oder 800 Meter hoch sind.

Der Titel Ihres neuen Bergbuches «Immer höher» klingt nach Sucht.
In meinem Freundeskreis gibt es Leute, die leicht vorwurfsvoll sagen: «Warum musst du das machen?» Aber bei der Sucht ist es so, dass man meint, ohne das Suchtmittel nicht leben zu können. Ich bin in einem Alter, in dem die Knochen sich melden und bewusst machen, dass es irgendwann eine Grenze gibt – dann kann ich nur noch von unten hinaufschauen. Das ist für mich in Ordnung. Ich muss nicht hinaufsteigen.

Als Familienvater mässigten Sie sich zwischenzeitlich und merkten mit 50: Ich will auf den Mönch, die ­Jungfrau, den Eiger, die Bernina . . .
Inzwischen kenne ich sie alle von oben.

Welche Berge möchten Sie jetzt mit 71 noch besteigen?
Ich habe keinen Traumberg mehr, was ein wenig schade ist. Heute finde ich es auch schön, statt auf den Bergen in den Bergen zu sein. Zum Beispiel auf einem Pass oder bei einem See.

Sind Sie bei allem Gipfel-Ehrgeiz auch schon umgekehrt?
Schon einige Male. Etwa am Mürtschen­stock im Glarnerland. Wir waren zu zweit. Der Wetterwechsel war auf den Nachmittag angesagt, kam aber schon am späteren Vormittag. Es fing an zu regnen und zu gewittern. Unten auf dem Pass war wieder wunderschönes Wetter. Es hatte dort gar nicht geregnet, das Gewitter hatte nur für uns beide stattgefunden. Auch am Aletschhorn kehrte ich um, vor gut zehn Jahren. Wir waren um halb elf Uhr vormittags einfach nicht hoch genug. Schnee war gefallen, man musste stapfen, ich hatte eine leichte Muskelzerrung, fürchtete den Abstieg. Ich sagte meinem Bergführer, ich wolle umkehren. Ich kam sehr zufrieden von der Tour zurück, sie war Selbsterkenntnis. Ich hatte gemerkt: Das ist mir jetzt zu viel. Es zwingt mich niemand hinaufzugehen. Ich muss es nicht machen.

Sie schrieben einmal, Sie fühlten sich auf dem Grat wie ein Tänzer. Was ist mit der Gefahr?
Auf dem Grat balanciert man, daher das mit dem Tanzen. Ein Grat beschwingt mich – wenn es links und rechts hinabgeht und es nur den einen möglichen Weg gibt. Der Biancograt am Piz Bernina etwa war ein enormes Erlebnis.

Bis zum Horizont sich reihende Schneegrate beschreiben Sie als «geräuschlose Brandung». Kommt Ihnen die Poesie am Berg?
Während ich unterwegs bin, denke ich nie ans Schreiben. Nachher setze ich mich hin und überlege, was ich gesehen habe, was wie auf mich gewirkt hat.

Woher rührt Ihre Lust auf das Wandern und Bergsteigen?
Ich bin schon als Bub sehr gern gelaufen. In Adelboden in den Ferien haben ich und mein Bruder die ganze Zeit «gmüedet», wir wollten dort und dort hinauf. Etwa zur Bonderchrinde, dem Pass nach Kander­steg. Mein Vater wollte nicht, er war nicht schwindelfrei. Wie ich.

Ist das ein Witz? Am Biancograt braucht es doch Schwindelfreiheit.
Ich muss mit Leuten gehen, die keine Angst haben. Auf dem Mittellegigrat am Eiger sagte ich mir: «Das Paar, mit dem ich unterwegs bin, hat Kinder. Die wollen wieder nach Hause. Die wissen, dass man hier durch kann, also kann ich es auch. Wenn die keine Angst haben . . .» Manchmal muss ich mich aber zusammenreissen. Geht es schauerlich hinab, schaue ich auf die Schuhe des Bergführers. Das hilft. Am Biancograt spielt einem die Fantasie die verschiedensten Sturzmodelle vor, man muss mit dem Verstand dagegen kämpfen.

Sie mögen Berghütten nicht besonders. Warum?
Ich kehre unterwegs nicht gern ein. Wenn ich esse, werde ich träg und schlaff. Ich habe immer ein Picknick dabei, ein «Brügeli», Brot, einen Apfel.

Dass Sie Hütten meiden, hat nichts mit Ihrer Prominenz zu tun?
Ich kann gut mit Leuten reden, die rufen: «Oha, schaut mal, das ist doch der Hohler!»

Die wollen sicher alle Ihre berühmte Nummer hören, das «Totemügerli».
Das passierte mir letzten Herbst im Tessin. Ich war mit einem Freund unterwegs auf dem Höhenweg über dem Maggiatal. Wir kamen in eine Hütte mit fast nur Deutschschweizern. Sie bettelten am Abend so lange, bis ich nachgab und das «Totemügerli» zum Besten gab.

Sie gehen seit mehr als einem ­halben Jahrhundert in die Berge. Was hat sich verändert?
Die Ausrüstung ist viel professioneller geworden; die Schuhe, die ergonomisch richtigen Rucksäcke. Früher trug auch keiner einen Helm. Ich ging mit Ulrich Inderbinen aufs Matterhorn . . .

. . . dem legendären Inderbinen, der 371-mal das Matterhorn bestieg und 104 Jahre alt wurde?
Das war 1963, ich war 20. Mein Bruder und ich waren damals das letzte Mal zusammen mit den Eltern in den Ferien. Sie erschraken, als wir ihnen das mit dem Matterhorn mitteilten, und zahlten uns einen Bergführer. Wir bekamen den Inderbinen zugeteilt. Wir waren jung, stiegen auf wie die Gämsen, waren als erste Partie oben. Inderbinen war souverän und sicher und kannte jeden Tritt. Aber einen Helm trug er nicht.

Was ist sonst anders als früher?
Früher brachte man den Bouillonwürfel selbst mit in die SAC-Hütte. Heute sind es kleine Restaurants, in denen man oft sehr gut isst. Dass man zum Beispiel in der neuen Monte-Rosa-Hütte duschen kann, finde ich allerdings überflüssig, das ist eine verlagerte Wellnesszone. Auch das Rettungswesen hat sich geändert. Dass man jederzeit geholt werden kann, gilt als selbstverständlich.

Sind Sie ein Handynavigierer?
Nein, ich habe ein ganz simples Handy. Einmal kam ich zu einem Unfall. Zwei Glarner waren das erste Mal auf dem Tödi gewesen, mit einem Bergführer. Ihm passierte im Abstieg etwas Dummes. An der Stelle, wo man vom Gletscherfirn auf den Fels wechselt, war der Schnee brüchig. Er brach in ein Loch ein, verstauchte sich den Fuss und merkte, dass er allenfalls noch geradeaus laufen konnte, sicher nicht 1000 Meter abwärts. Er und die anderen hatten Smartphones, aber keinen Empfang. Mein altes Nokia ging sofort. Es hat 700 andere Funktionen nicht, dafür klappt es mit dem Telefonieren. So konnten wir die Rega aufbieten.

Wie erleben Sie den Klimawandel in den Bergen?
Die Gletscherschmelze beschert ­extreme Erlebnisse. Vor ein paar Jahren ging ich mit der Frau und dem jüngeren Sohn über den Aletschgletscher. Der Konkordiaplatz ist ein unglaubliches Erlebnis, wie da mächtige Gletscher zusammenfliessen. Dann sieht man die Konkordiahütte hoch oben, mit der riesigen Leiter, die sie jedes Jahr neu ansetzen müssen, weil der Gletscher schrumpft und schrumpft. Die Hütte liegt dadurch absurd. Man steigt gut 100 Meter auf durch die senkrechte Wand. Viele kleine Gletscher im Bündnerland habe ich in den letzten drei Jahrzehnten verschwinden sehen, am Piz Piot oder am Piz Platta zum Beispiel. Das tut weh.

Haben Sie einen Lieblings-Bergkollegen?
Lange hatte ich einen sehr guten Bergfreund. Er war einer, der zu den Bergen und der Landschaft eine innige Beziehung hatte. Er konnte die Landschaft wie kein anderer lesen und verstand sich mit den Leuten. Leider fing er sich eine furchtbare Diagnose ein. Wir wollten dann noch einen Herbstberg machen, einen nicht allzu hohen, den Düssistock zum Beispiel. Aber es war zu spät. Stattdessen mietete ich ein Auto, und wir fuhren zur Frohburg über Olten. Wir gingen zwanzig Minuten bis zum Kreuz auf der Geissfluh, machten ein Feuerchen, schauten übers Land, gingen zurück. Mein Freund sagte: «Das war das absolute Maximum. Mehr hätte ich nicht geschafft.»

Krebs?
Ja. Dabei war er immer so «zwäg» ­gewesen.

Welchen Körperteil spüren Sie in den Bergen am meisten?
Es sind mehrere. Das kennen fast alle, die gern laufen und älter werden: dass man die Knie stärker spürt oder merkt, wo das Hüftgelenk ist. Und auch das Kreuz meldet sich. Man muss halt schauen, wie viel es verträgt.

Brauchen Sie Stöcke?
Beim Abwärtslaufen.

In Ihren Berggeschichten gibt es keine grossen Dramen. Haben Sie keine erlebt?
Ich blieb immer verschont. Einmal kam ich in einen Schneerutsch. Wir wurden ein Stück vom Weg geschoben, verloren die Pickel, das war alles, ein Drama war das nicht. Ich bin froh darüber. Das Leiden gehört ein wenig zum Pathos all der Bergbücher, Walter Bonatti etwa, der zwei Tage in der Wand hockt, auf besseres Wetter wartet und sich die Finger abfriert. Auf den klassischen Bergfotos haben sie krasse Eisklumpen am Bart und schauen unheimlich tapfer. Mir geschahen solche Dinge nie. Ich habe sie auch nie gesucht. Aber ich finde schon, dass der Berg einen Kraft und Ausdauer kosten darf.

Haben Sie sich wenigstens schon zünftig verlaufen?
Am Pizzo della Palù hoch über dem Avers im Grenzgebiet zwischen Graubünden und Italien wollte ich im Abstieg einen anderen Weg nehmen. Das Gelände war sehr unwegsam, wir peilten einen Wanderweg an, den es auf der Karte gab, suchten ihn lange, doch er kam nie. Und es waren 1200 Höhenmeter abwärts. Ich sagte zu meinem Sohn: «Es wäre einfacher gewesen, wir hätten denselben Weg genommen wie im Aufstieg.» Und er sagte: «Das ist ohne Zweifel so. Aber weder du noch ich sind fürs Einfache gemacht.»

Erstellt: 03.05.2014, 08:41 Uhr

Franz Hohler

Franz Hohler wuchs in Olten auf, begann in Zürich ein Studium der Germanistik und Romanistik und entdeckte bald die Kunst. Er wurde Theaterautor, Schriftsteller, Übersetzer, Kabarettist; bei seinen aufmüpfigen Nummern begleitet er sich gern mit dem Cello. In seiner Freizeit war er von Jugend auf ein Wanderer und Bergsteiger. Auch darüber hat er einiges geschrieben. Sein neustes Bergbuch «Immer höher» erscheint am 10. Mai im AS-Verlag und schildert Gipfel­erlebnisse. Hohler, 71-jährig, verheiratet und Vater zweier Söhne, lebt in Zürich-Oerlikon.

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