Ein Wellnesshotel setzt auf den Apfel

In der Schweizer Hotellerie geht der Trend hin zu Authentizität und Regionalverbundenheit. Das neue Wellnesshotel Golf Panorama im Thurgau ist ein Beispiel dafür. Hier landen ausschliesslich eigene Apfelblütenprodukte auf dem Körper.

Apfelblüten statt Ayurveda: Das Hotel Golf Panorama in Lipperswil lockt mit fruchtiger Wellness.

Apfelblüten statt Ayurveda: Das Hotel Golf Panorama in Lipperswil lockt mit fruchtiger Wellness. Bild: PD

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Alle tuns. Lassen sich ab und zu von warmen Dämpfen umnebeln, mit heissen Steinen bestücken, durchkneten von Kopf bis Fuss. Wellness, die neue Religion – speziell für gestresste, urbane Zeitgenossen. Es gehört mittlerweile zum Standard, dass Hotels ab einem gewissen Preissegment einen eigenen Wellnessbereich bieten.

Bloss: Irgendwann hat man es gesehen. Was könnte die Wellnesshungrigen noch locken? Das, was auch in anderen Bereichen zieht: Exklusives, Authentisches, etwas, das niemand sonst bietet. Derzeit besonders beliebt: regionale Verbundenheit. Nach dem Hype exotischer Wellnessangebote wie Ayurveda oder Thalasso-Behandlungen, die sich weltweit ähneln, sind hierzulande zum Beispiel Heubäder angesagt.

Und nun setzt erstmals ein Hotel auf den Apfel. Diesen Sommer öffnete das neu gebaute Haus im Thurgau seine Pforten. Es nennt sich Wellnesshotel Golf Panorama und befindet sich in Lipperswil – jawohl, dort, wo das Connyland ist. Es ist ein Prototyp der angesagten Hotellerie: lokale Produkte, viel Design, ein Schuss Glamour.

Vom Schwein zum Luxus

Das Haus verschreibt sich der Frucht, die derzeit tonnenweise rotbackig an Bäumen prangt. Zwischen den Obstbäumen nahe dem Golfplatz Lipperswil, wo bereits in der Früh motivierte Gestalten die 27 Löcher zu treffen versuchen, thront der Neubau. Einst lebten hier 16 000 Schweine, jetzt hat der Luxus Einzug gehalten. Das Hotel zieren vier Sterne. Zum Empfang wählt der Gast zwischen einem Glas Möhl-Apfelsaft und Apfel-Sekt und bestaunt alsdann die Apfelblütenmotive in allen Variationen: auf Tapeten, im Design der Hausbar, auf dem Wellnessprogramm.

Der Apfel dominiert, er ist Konzept. Und, die etwas plumpe Assoziation sei verziehen, selbst die makellose Haut des jungen Direktorenpaares, Caroline Thoma und Alexandre Spatz, gemahnt an die Frucht.

Das Paar tritt in die Fussstapfen von Caroline Thomas Eltern: Ferdinand und Renate Thoma. Sie führen das Management des Hauses und leiten bereits zwei Wellnesshotels im Schwarzwald (Auerhahn und Alpenblick). Die Senioren haben eine Ausbildung zum Wellnesstrainer und zum Heilpraktiker gemacht. Vor allem aber: Sie haben im eigenen Labor in Deutschland eine Holunderblüten- und Fichtennadel-Kosmetiklinie entwickelt. «Thalasso im Schwarzwald macht einfach keinen Sinn», fand Ferdinand Thoma. Als er an einem Meeting in Zürich über seine Wellnessphilosophie referierte, biss Roman Ochsner, gebürtiger Thurgauer und Investor des geplanten Hotels in Lipperswil, sofort an. Thoma zögerte nicht lange: wenn Wellness, dann mit lokalen Produkten, auch in Lipperswil. Also mit Äpfeln.

20 Kilo Blüten vom Landwirt

Im Frühling vor einem Jahr, als die Region rund um die Baustelle des künftigen Hotels ein Weiss-Rosa-Meer von blühenden Obstbäumen war, stand der Hausherr erstmals auf dem Feld und pflückte bei einem Bauern 12 Kilogramm Apfelblüten. Dieses Jahr waren es bereits 20 Kilo – Tochter, Schwiegersohn und ein Teil der Hotelcrew mussten mit anpacken. In Kisten gelagert, werden die kostbaren Blüten nach Deutschland ins eigene Labor im Hotel Auerhahn gekarrt, werden verarbeitet und gelangen in stylische Tuben und Dosen verpackt zurück in die Schweiz, wo sie exklusiv im Spa Fleur de Pomme landen, zum Beispiel in der Badewanne.

Da liegt man dann, im von Kerzen beleuchteten Dunkel, sphärische Klänge durchziehen den Raum. Die Wanne übersetze die akustischen Schwingungen in feine Vibrationen, wurde erklärt. Es riecht nach süsslicher Säure, Apfel eben. Das Bad soll den Säure-Base-Haushalt günstig beeinflussen. Zuvor wird man im Raum Rubinette auf einer Wärmeliege mit einem Apfelblüten-Salz-Gemisch gepeelt. Fertig abgeschmirgelt, liegt man zehn Minuten in einer Folie, gart sozusagen – nicht ohne zuvor gefragt worden zu sein, ob man unter Platzangst leide. Und nun also die Resonanzwanne. Ein regenbogenbunter Lichtregen strömt aus den vier unter Wasser montierten Lämpchen. Dieser Raum hier heisst Pomme Rose.

Aus einer Liste von über 200 Apfelnamen sind 11 auserkoren worden für die Benennung der Behandlungsräume. Bei den Namen der verschiedenen Speisen auf der umfangreichen Karte ist offenbar mehr Freestyle erlaubt: Da gibt es zum Beispiel einen «One-Night-Stand vom Kaninchen und Rindsfilet». Und, natürlich, die Apfelspeisen: «Terrine vom grünen Apfel und Entenleber mit Kräuter- und Nusssalat» zum Beispiel.

Krux der Regionalprodukte

Das Konzept der regionalen Verankerung zeigt sich in der Küche besonders klar: Den Honig haben Lipperswiler Bienchen gesammelt, der Wein stammt aus der Region, und künftig sollen auch die Felchen aus dem Bodensee und der Damhirsch von lokalen Produzenten bezogen werden. Das bedeutet allerdings, dass das Direktorenpaar oft unterwegs ist, mit kleinen Anbietern verhandeln und abschätzen muss, ob die Menge reicht, die der Einzelne anbieten kann.

Der Thurgau nämlich ist sich bis jetzt weder Touristenströme noch Premium-Hotellerie gewöhnt. Schafft das neue Wellnesshotel eine Belegung von 70 Prozent, käme das praktisch einer Verdoppelung der Übernachtungen im Kanton gleich. Manager Thoma gibt sich optimistisch. Das Haus liege im Dreiländereck Deutschland, Österreich, Schweiz und bloss wenige Autofahrminuten von der Tourismusregion Bodensee entfernt.

Noch sind die 55 Zimmer nicht ausgebucht. Aber der Hausherr denkt positiv. Schliesslich hat er nicht nur eine Apfelblüten-Kosmetiklinie entwickelt, sondern auch ein Buch geschrieben. Es steht im Wellnesshotel Golf Panorama in einer Vitrine neben Apfelschnitzen: «Die vier Säulen der Gesundheit» heisst es.

Im Kapitel «Positives Denken» steht: «Achten wir darauf, dass wir keine negativen Gedankengänge pflegen!» Und, ja, dann kommt er, der Spruch: «An apple a day keeps the doctor away» – ein Apfel pro Tag hält den Arzt fern.

In Kisten gelagert, werden die kostbaren Blüten nach Deutschland in das eigene Labor gekarrt und verarbeitet.

Erstellt: 27.09.2010, 10:04 Uhr

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