Einmal digital entgiften, bitte!

In manchen Hotels und Restaurants ist weniger mehr: Der Verzicht auf Internet, Handy und Tablets soll gestresste Berufsleute entspannen.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Was wie ein Programm für Schwerstsüchtige klingt, ist weit harmloser: «Digitale Entgiftung» nennen die kalifornischen Betreiber ihr Ferienangebot für jene, die sich für ein paar Tage von der ständigen Erreichbarkeit befreien wollen. Die Teilnehmer ziehen sich in Bungalows oder in eine Ranch im Norden von San Francisco zurück und tauschen ihre Smartphones, Tabletcomputer und Laptops gegen Gelassenheit und Glückseligkeit ein. So lautet zumindest das Versprechen der Anbieter. Gelingen soll dies mit Yogastunden, Meditationskursen, Kunst-Workshops und gesundem Essen.

Zwar sind solche Angebote noch spärlich anzutreffen, dennoch dürften sie einem wachsenden Bedürfnis entsprechen. Experten warnen vor den gesundheitlichen Folgen, wenn Arbeitnehmer an Wochenenden und in den Ferien für ihren Job ständig erreichbar sein müssen. So bleibt auch in der Freizeit eine innere Anspannung zurück, echte Erholung wird schwierig. Dabei hätten viele Menschen heute Erholung nötiger denn je, schreibt Thomas Mattig, Direktor der Stiftung Gesundheitsförderung Schweiz in der «Aargauer Zeitung».

Die dauerhafte Belastung stelle ein erhebliches Gesundheitsrisiko dar und könne krankmachen. «Echte Ferien sind umso wich­tiger, um Körper und Psyche ­wieder ins Gleichgewicht zu bringen», ist Mattig überzeugt. Das Handy ist für ihn ein leicht vermeidbarer Stressfaktor. Er plädiert für den Mut zur Unerreichbarkeit.

Was der Chef erwartet

Gerade in der Schweiz fällt dies vielen Menschen schwer, wie Studien zeigen. 56  Prozent aller berufstätigen Schweizer sind auch in den Ferien ständig auf Empfang, wie eine Umfrage des Link-Instituts zeigt. Viele unter ihnen lassen ihr Handy eingeschaltet, weil es der Chef von ihnen erwartet.

Die Flucht vor der ständigen Erreichbarkeit hat sich auch die Region Steiermark in Österreich auf die Fahne geschrieben. Mehrere Hotels bieten dort sogenannten Offlineurlaub an. Die Besucher sollen «wieder mal auf ihre eigenen Bedürfnisse achten und dem Burn-out keine Chance geben», lautet die Werbebotschaft. Die Betriebe garantieren absolut handyfreie Zonen, keinen Internetzugang, kein Fernsehen oder Radio, selbst der Wecker fehlt.

Andere Hotels bieten netzfreie Zonen als Option an, die zusätzlich gebucht werden kann. Der Lake Placid Lodge im US-Bundesstaat New York etwa hat das «Check-in to Check-out»-­Paket im Angebot. Statt mit dem Smartphone können sich die Gäste mit Wandern oder Fischen die Zeit vertreiben, statt dem Tab­let steht eine grosse Auswahl an Büchern zur Verfügung. Abgegeben werden die elektronischen Gadgets an der Réception.

In der Schweiz sind solche Angebote noch kaum verbreitet. Dem Verband Hotelleriesuisse sind keine Hotels bekannt, die auf handyfreie Zonen setzen. Das Hotel Schloss Wartegg in Rorschacherberg SG schaltet seine Zimmer zumindest in der Nacht netzfrei, um Elektrosmog zu verhindern. Tagsüber ist Internet über den Festnetzanschluss gewährleistet. Netzfreie Zonen finden sich zudem in den Alpen. Zahl­reiche SAC-Hütten haben keinen Handyempfang (eine Liste ist ­allerdings nicht verfügbar).

Redeverbot beim Znacht

In den USA erklären sich derweil nicht nur Hotels zu handyfreien Zonen, sondern auch Restaurants. Radikal ist der Ansatz des New Yorker Lokals Eat. Das ­Restaurant hat seit kurzem an ausgewählten Wochentagen ein Schweigegebot eingeführt. Der Erfolg gibt dem Betreiber recht, er wird von Buchungsanfragen überschwemmt.

Ganz verboten ist das Handy auch in einem Restaurant in Chicago. «Wenn Sie so wichtig sind und Ihr Telefon benutzen müssen, dann sollten Sie in einem weit gehobeneren Lokal essen», steht auf der Verbotstafel. Mit Bestrafung arbeitet ein Restaurant im US-Bundesstaat Vermont. Dort wird den Gästen eine Busse von 3 Dollar aufgedrückt, falls sie mit dem Handy telefonieren. Anders funktioniert der Ansatz in einem Lokal in Los Angeles, wo der Gast einen Rabatt von 5  Prozent erhält, wenn er sein Handy am Eingang zurücklässt.

Erstellt: 19.10.2013, 12:10 Uhr

Artikel zum Thema

Mit dem Handy auf Pilzsuche

Zwei Berner Informatiker haben eine App fürs Smartphone entwickelt, mit der man auf Pilzsuche gehen kann. Über 30'000 «Pilzler» benutzen bereits diese Technik. Mehr...

Der Kampf ums digitale Portemonnaie

Google, Barclays, Mastercard, Apple: Grosskonzerne aus aller Welt wollen am Bezahlen mit dem Handy mitverdienen. Was jetzt auf die Schweizer Konsumenten zukommt. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blogs

Sweet Home Kleine Wohnung – grosse Kunst

Geldblog Stimmung bei Novartis hellt sich auf

Die Welt in Bildern

Kampf gegen das Aussichtslose: In Kalifornien versuchen die Feuerwehrleute immer noch das Ausmass der Buschfeuer einzugrenzen. (11. Oktober 2019)
(Bild: David Swanson) Mehr...