«Entschuldigung! Was sollte ich dort?»

Christoph Blocher reiste nach Nordkorea, in den Iran und nun nach Eritrea. Was sucht er eigentlich?

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Herr Blocher, Sie haben schon viele Länder bereist und, so scheint es, Sie sind ein Extremtourist: Entweder zieht es Sie in die Schweizer Berge, oder dann muss es gleich Pyongyang sein. Badeferien in Griechenland oder Spanien – kommt das für Sie nicht infrage?
Entschuldigung! Was sollte ich dort tun? Zuschauen, wie die Menschen am Strand liegen?

Wieso nicht?
Das ist nichts für mich. Aber, ich bin froh, wenn viele Menschen Badeferien machen, dann habe ich mehr Platz bei «Wanderferien in Nordkorea» (lacht). Nein, im Ernst: Mich interessieren politisch und gesellschaftlich unbekannte Länder. Eritrea und Äthiopien zum Beispiel möchte ich dieses Jahr besuchen.

Können wir einen Blick in Ihre Fotoalben werfen?
Von mir aus. Meine Frau fotografiert hie und da auf unseren Reisen.

Und Sie?
Ich nicht.

Fotografieren gehört doch zum Reisen.
Ich fotografiere nicht mehr. Ich will nicht ein Fotosujet, sondern die Welt, das Leben. Die Welt kann ich viel offener anschauen, wenn ich nicht fotografiere.

Ist es nicht umgekehrt? Wenn man fotografiert, prägt sich einem die Welt besser ein.
Nein. Es fehlt die Zeit für einen Gesamteindruck. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass ich viel mehr nach Hause trage, wenn ich nicht fotografiere. Auch Tagebücher führen ist fast ein Betrug.

Beides hilft aber, sich zu erinnern.
Das stimmt. Aber ich mache nicht Reisen, um mich später an Details zu erinnern. Mein Ziel ist es, einen Gesamteindruck zu bekommen. Ich schaue. Ich beobachte. Als Geschäftsmann und Bundesrat reist man viel in fremde Länder, aber man sieht sie nicht. Man landet auf irgendeinem Flughafen, wird mit viel Brimborium abgeholt, sitzt in einem Konferenzsaal, abends an einem Bankett. Dann geht es zurück an den Flughafen und nach Hause.

So sieht das Standardprogramm für Businessreisende und Politiker aus.
Leider.

Das könnte man ja ändern.
Früher war das nur beschränkt möglich. Heute kann ich anders reisen, ich kann Wanderferien in Nordkorea machen, abseits offizieller Routen.

Bekommen Sie wirklich authentische Eindrücke von diesen Ländern?
Es gelingt natürlich nie vollständig, gerade in Ländern, in denen man von Aufpassern umringt ist. Aber es gibt immer wieder Situationen, die einem helfen, von den offiziellen Wegen abzukommen. Als ich in Nordkorea war, mussten wir wegen eines Autounfalls einen Umweg machen. Dann kommt man plötzlich durch Gegenden, die man nicht hätte zu Gesicht bekommen sollen. Dann wird das offizielle, geschönte Skript plötzlich unterbrochen. In der DDR wollte ich einst einen Kindergarten besichtigen. Der Taxifahrer sagte: Das geht nicht. Ich gab ihm fünfzig Westmark und behauptete, ich sei Lehrer, ich wolle wissen, wie es dort zu- und hergehe.

Das hat funktioniert?
Ja. Ich konnte auch in ein Spital. Nur so kann man sehen, wie der Sozialismus funktioniert. Es war beängstigend, was ich dort gesehen habe. Es gibt auch andere Tricks.

Welche?
Ich war mit meiner Frau in einer Stadt in der DDR unterwegs. Als sie dringend eine Toilette benötigte, riet ich ihr, an einer Türglocke von irgendwelchen Leuten zu läuten, und nach der Toilette zu fragen, um sie dann in ein Gespräch einzubinden. Als sie nach einer halben Stunde noch immer nicht zurück war, läutete auch ich und fragte schüchtern nach meiner Frau. Man bat mich ebenfalls, reinzukommen. Meine Frau sass mit diesen Menschen im Gespräch vertieft beim Tee. Da erfährt man sehr, sehr viel – aus dem Leben, dem Alltag der Menschen.

Können Sie sich als prominenter Politiker überhaupt unerkannt im Ausland bewegen?
In alle jene Länder, die ein Visum ­verlangen, kann ich nicht inkognito einreisen. Da holt mich dann meist ein Botschafter am Flughafen ab, und ich reserviere ein, zwei Tage für die unumgänglichen offiziellen Termine. Aber wenn die abgehakt sind, fängt die Reise an. In Nordkorea habe ich Menschen bei der Reisernte intensiv beobachten können. Es war schrecklich anzusehen.

Schrecklich – warum?
Ich sah Sekretärinnen, die früh­morgens in Gummistiefeln und mit Sicheln ins Reisfeld marschieren mussten, um bei der Ernte zu helfen. Alle helfen – aber die meisten sind Laien und darum geht viel Reis verloren. Nordkorea wäre eigentlich eine Getreidekammer, aber jährlich sterben 30 000 Menschen an Hunger. Ich sah bei meiner Reise im Jahr 2009 hungrige Frauen mit kleinen Kindern auf dem Rücken, die auf den bereits abgeernteten Feldern – nicht etwa Ähren – sondern einzelne Reiskörner suchten! Schmerzlich anzusehen! Nordkoreanische Minister fragten mich später, ob ich in ihrem Land investieren könne.

Und, was meinten Sie?
Ich sagte: Ich investiere schon morgen, aber zuerst braucht es eine andere Staatsordnung, es braucht Privateigentum und Privatinitiative. Ich empfahl ihnen: Macht es doch wie China. Die Chinesen sind zwar kommunistisch geblieben, sie haben aber Anfang der 1980er-Jahre ihr Land wirtschaftlich geöffnet. Den Nord­koreanern sagte ich also: In zwanzig Jahren wäret ihr auch so weit wie China heute. Die Antwort war: Wir warten nicht zwanzig Jahre, wir schaffen es bis in drei Jahren, zum 100. Geburtstag des Grossen Führers. Ich fragte: Wie wollen Sie das machen? Die Antwort: Wir spornen die Menschen mit Marschmusik an. Stellen Sie sich das vor: Aufschwung dank Blasmusik!

Sehen Sie auf Reisen auch Dinge, die besser funktionieren als in der Schweiz?
Es gibt durchaus auch Positives.

Zum Beispiel?
Die armen Länder sind viel schöner als die reichen.

Ist das nicht eine zynische Idealisierung der Armut?
Die Armut, die nicht ruinös ist, hat eine eigene Anmut. Wenn Sie etwa in Indien aufs Land gehen, werden Sie Zeuge von geradezu biblischen Szenen: Bauern, die ihr Feld mit Ochsen und Holzpflügen bestellen.

Welche Vorstellungen haben Sie von ­Eritrea?
Keine grosse. Ich reise einfach hin und schaue.

Eritrea gibt vor allem in der Asylpolitik zu reden. Dienstverweigerung und Desertion von Eritreern ist in der Schweiz ein hinlänglicher Asylgrund – dies ist aber freilich umstritten, gerade in der SVP. Werden Sie sich in Eritrea konkret mit diesem Thema beschäftigen?
Das weiss ich noch nicht. Ich werde auf jeden Fall fragen, was mit den Leuten passiert, die den Dienst verweigern, ob sie gefoltert werden.

Könnten Sie sich vorstellen, dass Sie aus Eritrea zurückkehren mit der Einsicht: Ja, es ist richtig, dass die Schweiz Deserteuren Asyl gewährt?
Das möchten Sie am liebsten hören! Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Im Moment herrscht Frieden dort unten. Deserteure und Kriegsverweigerer, denen eine Rückkehr nicht zugemutet werden kann, sind vorübergehend in Sicherheit zu schaffen, jedoch keine Flüchtlinge. Aber ich gehe nicht wegen dieser Frage nach Eritrea.

Ihre Reiseziele sind Risikodestinationen. Welche Vorkehrungen treffen Sie?
Keine besonderen, ich verlasse mich aufs Reisebüro und die örtliche Polizei. Ich würde selbst nach Afghanistan reisen. Das Land steht sogar auf meiner Wunschliste.

Sie waren einer der ersten Schweizer, die Anfang der 80er-Jahre China besuchten. Wie kam das?
Ich erkannte, dass China ein interessanter Kunde für unsere Ems-Gruppe werden würde. Die Chinesen lechzten förmlich nach Textilien, nach einem zweiten Hemd. Ich beschloss, den Chinesen schlüsselfertige Produktionsanlagen hinzustellen und die Angestellten in Domat/Ems auszubilden. Die erste Firma entstand in Xinhui, nahe Hongkong. 1984 reiste ich vier Wochen durch China. Weil ich nie Zeit für Ferien hatte, begleiteten mich meine Frau und alle vier Kinder. Meine Frau hatte Bedenken, zu Recht, wie sich zeigte: Monatelang hatte sie nachher noch Magengeschichten.

Sie auch?
Nein. Aber der Rest der Familie. Es kam zu lustigen Begegnungen. In den abgelegenen Gebieten hatten die ­Chinesen noch nie Langnasen und Blonde gesehen. Es gab Volksaufläufe, wenn wir irgendwo ausstiegen. Die Chinesen fuhren unseren Kindern über den Kopf, weil sie glaubten, sie trügen Perücken. Der jüngsten Tochter, Rahel, damals siebenjährig, war das sehr zuwider, sie verlangte einen Hut. Am Abend rechnete ich mit meinen Kindern aus, wie viele Menschen in China leben, schliesslich, wie hoch der Bedarf an Synthesefasern ist, um für diese Menschen Hemden zu produzieren, und wie viele Fabriken es bräuchte. Am Ende kamen wir auf 120 Fabriken. Also beschloss ich, diese zu bauen. Und wissen Sie was: Zwischen 1983 und 2003 haben wir in China 117 Fabriken gebaut!

Marktforschung der Familie Blocher.
Ja, das ist eben auch Reisen! Als wir durch die Städte gefahren sind, habe ich die Kinder zur Seite genommen und gefragt: Wo ist der Chinese schon im Bett? – Da wo Hemd und Hose vor dem Fenster hängen! Der Chinese ist sauber, das muss man wissen, der wäscht sich. Wenn man durch ein Land reist, baut man eine Beziehung zu den Menschen auf.

War es nicht schwierig, überhaupt in den chinesischen Markt dringen zu können?
Die Leute vertrauten uns, weil wir Schweizer sind, weil wir, Gottfriedstutz, neutral sind. Es ist mühsam, bis Sie das Vertrauen des Chinesen haben. Aber sobald Sie es haben, ist die Zusammenarbeit wunderbar.

Wie stark passen Sie sich als Reisender fremden Gepflogenheiten an?
Der Grundsatz ist immer: bescheiden auftreten. Das gilt überall. Politisch habe ich mich aber nie angepasst, nie. Ich habe den Chinesen nie gesagt, dass ihr kommunistisches System gut sei. Daneben gilt: Heikle Themen sollte man umgehen.

Woran denken Sie?
In China war ich etwa auf einem Bauernhof, da schliefen alle im Stroh, neben einer Feuerstelle. Da gehe ich nicht hin und sage: Ihr braucht eine Stube! Ich gehe nicht ins Ausland, um den Menschen zu predigen, wie sie leben müssen. Aber es gibt eine Regel: Rede nie über die Religion, nie über die Politik und nie über Hunde (lacht). Es gibt eben nur Hundefreunde und erbitterte Gegner.

Wie war es in Iran? Trug Ihre Frau da einen Schleier?
Natürlich. Ein Kopftuch ist Vorschrift, und auch die Kleider der Frauen ­müssen über die Knie gehen.

Bundesrätin Michelin Calmy-Rey erntete Kritik, als sie sich bei einem Besuch in Iran 2008 mit Kopftuch von Präsident Ahmadinejad empfangen liess.
Das musste sie doch! Entscheidend sind die Sitten und Gebräuche im Gastland. So ist es auch im eigenen Land: Wenn wir bei uns keine Kopf­tücher wollen, dann können wir das anordnen, fertig. Meine Frau hatte aber Mühe mit den Kleidervorschriften. An manchen Örtlichkeiten musste sie gar einen Tschador tragen.

Haben Sie auch mit einfachen ­Menschen gesprochen?
Ja, sobald man auf dem Land ist, reden die Leute offen. Es schimpften alle über die Regierung.

Schimpfen die Menschen nicht überall über die Regierung?
Nein, früher gab es das in China nicht: Verboten. In Nordkorea: Kein Tönchen der Kritik. In wirklich engen Diktaturen hört man als Reisender nicht mal die Kritik hinter vorgehaltener Hand.

Wurden Sie auf Ihren Reisen nie gerügt für Ihre kritischen Erkundungen?
Das kam schon vor. In Nordkorea darf man nicht einmal alleine aus dem Hotel. Ich habe es aber natürlich trotzdem probiert und bin einfach alleine in der Stadt herumgelatscht. Lange dauert es nicht, und man wird von einem Aufpasser eingeholt. Ich gab mich stets unwissend-naiv. Das sind kleine Risiken. Meine Frau aber verzweifelt fast, wenn ich mich jeweils nicht an die Regeln halte. Ich zeige Ihnen jetzt etwas, ein Foto­album von der Reise nach China.

Bitte.
Da zogen wir in eine Stadt in den Bergen, die nur per Zug erreichbar war. Als wir mit der Bahn einfuhren, haben die Menschen auf dem Perron vor Freude geschrien: «Blogger – Blogger: Ein Industrieller, der investiert!» Wie anders in der wohlgenährten Schweiz. Wer investiert, stösst auf Hindernisse. Lastautos? Lärm? Immissionen? Viele sagen: «Lieber nein.» China gibt einem Industriellen gute Gefühle!

Was sehen wir hier?
Das ist eine Fabrik, die wir gebaut haben. Da stehe ich inmitten der ­chinesischen Ingenieure, da, meine Frau, hier meine Kinder: Sie alle waren bereits dabei. Die gepredigte Trennung von Beruf und Familie ist ein Blödsinn! Man muss die Familie miteinbeziehen, sie kann sich mit dem Unternehmen identifizieren, hat auch Verständnis für die grosse Belastung von Vater und Mutter.

Sie waren mehr als dreissigmal in China. Was denken Sie heute von dem Land, von dem Wandel, den es vollzogen hat?
Dreissig Prozent des Landes sind moderne Industriestädte – der Rest ist nach wie vor Entwicklungsland. Aber dreissig Prozent bei einer Bevölkerung von 1,3 Milliarden ist natürlich gewaltig! Die Ungleichheit der Regionen ist gross, und durch das Fernsehen wird dies allen bewusst. Doch China weiss das. Sie lösen ihre Probleme sehr zielgerichtet.

Gibt es Dinge, die Sie immer mitnehmen, wenn Sie reisen?
Wenn ich ins Ausland gehe, nehme ich Schweizer Literatur mit. In Nordkorea habe ich die Biografie von Ulrich Ochsenbein, dem Schöpfer des Schweizerischen Bundesstaates, gelesen. Das war wunderbar. Man hat ja immer auch Heimweh. Und was macht man in schlaflosen Nächten, an primitiven Orten, wenn man auf der Pritsche liegt oder in einem ungeheizten Zug? Man schaltet die Taschenlampe an und liest.

Wieso gerade Schweizer Literatur, wieso nicht Literatur aus dem Land, das Sie bereisen?
Das nützt nichts gegen Heimweh.

Was bedeutet Heimweh bei Ihnen?
Heimweh ist immer das gleiche Gefühl: Wenn ich doch nur zu Hause wäre! In Nordkorea dachte ich: Oh, wenn es hier nur einen Ochsenbein gäbe, der dieses Land auf den Kopf stellen würde. Auch die Schweiz war mausearm und ist reich geworden. Es kann so einfach sein. Es braucht nur Freiheit. Der Sozialismus ist eine gottvergessene Dummheit! In Nordkorea sind alle indoktriniert: Jeder bekommt einen Fernseher und alle haben drei Programme, nordkoreanische natürlich.

Sie haben in Nordkorea auch Fernsehen geschaut?
Klar, und ich liess mir die ganzen Sendungen von unserem Dolmetscher übersetzen. Nordkoreanische Nachrichten gehen so: Der Grosse Führer hat wieder eine Fischzuchtanstalt eröffnet – die Anlage wäre bei uns vielleicht vor hundert Jahren durchgegangen. Dann eine Auszeichnung der fleissigsten Bauern. Und dann die Auslandnachrichten: Amerika. Ein Kran liegt am Boden, ein toter Mann daneben. Da sieht man, sagt der Moderator, wie schlecht die Leute im Westen behandelt werden. Nordkorea aber hat nicht einmal Kräne. Die Leute haben eine völlig verwirrte Sicht auf die Realität: Sie denken, wir seien die armen Cheiben.

Nehmen Sie Souvenirs aus der Schweiz mit, die Sie in Gastländern verteilen?
Sackmesser, und für die Frauen Schminkzeugs – ganz beliebt in Iran. Uh, da haben die Frauen Freude!

Schweizer Marken?
Natürlich! Aber nur kleine Sachen. Sie dürfen keine teure Uhr mitbringen, sonst wirkt es so, als würden Sie die Leute schmieren wollen. Sackmesser haben die Leute sehr gerne, Glarner Tüchlein oder kleine Kristalle. Eine gute Schokolade ist ganz wichtig, gut verpackt wegen der Hitze – kleine Dinge halt, die an die Schweiz erinnern.

Sind die Fabriken, die Sie in China gebaut haben, noch in Betrieb?
Die laufen alle in bestem Zustand. Aber wir waren nicht Eigentümer. Wir haben sie für die Chinesen gebaut. Die Chinesen, das müssen Sie sehen, sind in ganz Asien die tüchtigsten Geschäftsleute überhaupt. In der Mentalität wie die Schweizer, nur viel fleissiger als die heutigen Schweizer. Chinesen wollen immer lernen, sind auch gwundrig. Chinesen sind das Gegenteil von Afrikanern.

Das heisst, Sie würden jedem abraten, in Afrika zu investieren?
Die Afrikaner sind keine Industriellen! Schauen Sie sich doch mal die Entwicklungshilfe an: Seit dem Zweiten Weltkrieg hat der Westen 1000 Milliarden Franken in Afrika gepumpt. Der Erfolg? Das Bruttosozialprodukt wurde halbiert.

Sie sind also der Meinung, Afrika müsse man aufgeben?
Ich würde Afrika Afrika sein lassen. Der Kontinent muss selber über die Runden kommen und er wird es auch auf seine Weise.

Sie sagen, es sei ein Mentalitäts­problem.
Der Industrielle rechnet, organisiert, kontrolliert, korrigiert, der Afrikaner ist anders. Ich hatte auch die Illusion gehabt, ich könne Afrika helfen: Ich habe in jungen Jahren in Ghana ein Spital und eine Hebammenschule auf eigene Rechnung gebaut. Als Geschenk für die Basler Mission. Meine Schwester Sophie hat die Institution als «Ärztin» geleitet, sie hatte ein gutes Konzept. Jetzt müssen Sie aber die Mentalität sehen: Zuerst musste man damals den Leuten mal erklären, dass sie die Kinder, die bei Vollmond geboren werden, nicht töten sollen. Was damals so war. Bis Sie den Leuten den Aberglauben ausgetrieben haben, brauchte es viel Zeit und Ausdauer.

Das heisst, das Spital ist gescheitert.
Das nicht gerade. Ich weiss nicht, wie es heute steht. Es ist nicht so ­einfach: Erstens: In Afrika kommt ein Patient nie allein. Er hat seine ganze Familie dabei. Sie müssen also die ganze Familie unterbringen im Spital. Zweitens – das erzählte mir die Schwester – wenn es anfängt zu regnen, dann legen sich alle Helfer, Schwerstern, Assistenten – alle – hin und schlafen. Auch wenn sie am Operieren sind und der Patient auf dem Tisch liegt: Regenzeit ist Schlafenszeit. Wenn der Regen kommt, schlafen die Afrikaner.

Wieso das?
Ja, wieso das? Das ist häufig bei Naturvölkern. Sie finden, wir seien komische Menschen, weil wir bei Regen nicht gleich einschlafen. Andere Länder – andere Sitten.

Aber bitte, Sie erzählen da von einem Dorf in Ghana. Solcherlei lässt sich doch nicht auf einen ganzen Kontinent übertragen.
Natürlich gibt es Unterschiede. Ich erzähle jetzt meine Erlebnisse! Bei Vollmond habe ich mal erlebt, wie die Leute die ganze Nacht wie wild mit Trommeln umhergezogen sind – ich fand das ja schön, zum Zuschauen wunderbar. Aber wollen Sie mit diesen Trommlern eine moderne Chemiefabrik bauen?

Sie waren ja auch in Südafrika, während der Apartheid.
Ja, eine Masse Schwarzer aus dem Norden kam damals ins Land. Die Weissen haben alles unternommen, um diese einzugliedern, haben jedem 5000 Stutz gegeben, um ein Häuschen zu bauen. Was haben die meisten gemacht? Sie haben das Geld in wunderbare farbige Gewänder und in amerikanische Autos investiert. Da sagten die Weissen: Das geht nicht – und haben ihnen selbst Häuschen gebaut. Die Schwarzen haben sie abgebrochen, das Baumaterial verkauft und zogen zum Wohnen in die Slums. Man sollte unsere Massstäbe nicht stets von anderen verlangen!

Sie klingen ziemlich desillusioniert.
Sagen wir es so: Ein Spital würde ich nicht mehr bauen. Ich liess damals sogar Ärzte auf meine Kosten an der Uni Zürich ausbilden. Aber keiner ist nach Ghana zurückgekehrt, obwohl sie vertraglich verpflichtet waren. Sie sind geblieben, haben Europäerinnen geheiratet und Vorträge gehalten über Afrika.

Es heisst gemeinhin: Reisen öffnet den Geist. Stimmt das, oder kann sich der Geist auch zu Hause öffnen?
Der Philosoph Immanuel Kant kam meines Wissens nie über Königsberg hinaus. Hatte er keinen Geist?

Er war immerhin mal Wanderlehrer.
Gross kam er jedenfalls nicht rum. Er war vor allem in Königsberg in seinem Studierzimmer, das dreissig Meter lang war. Er arbeitete in einer Ecke, und was er brauchte – einen Zettel, ein Notizbuch –, legte er in die andere Ecke, damit er sich wenigstens ein bisschen bewegte.

Was ist der Witz am Reisen, wenn man geradeso gut zu Hause bleiben kann?
Die meisten Leute erleben die Ferien, indem sie später vom Hotel erzählen, vom Reservieren des Badetuchplatzes, geniessen das Essen und die Glaces. Schön, wenn sie das geniessen. Ich habe nichts dagegen, aber ob das den Geist öffnet? Da lüftet eine Bergtour den Kopf wohl besser durch. Wer sich aber richtig interessiert für Menschen und Geschichten, dem bringt reisen viel. Ich kenne die Welt sehr gut und auch die Menschen.

Was gehört zum Beeindruckendsten, was Sie gesehen haben?
China, Anfang 80er-Jahre. Das war dunkelste, kommunistische Herrschaft. Die Menschen innerlich geschädigt. Aber die Landschaft war unglaublich schön. Mittlerweile ist sie in entwickelten Gebieten weitgehend nicht mehr da, weil modernisiert. Dann kamen die Wolkenkratzer, die Autobahnen.

Sie klingen ob des Fortschritts ja schon beinahe wehmütig.
Natürlich. Die tiefe Erkenntnis ist: Wer lebt, der tötet immer, jeden Tag. Wenn wir uns hinsetzen und essen, töten wir einen Salat, eine Kartoffel. Das Lebensprinzip ist die Vernichtung von etwas anderem. Aber, genau genommen, Vernichtung gibt es auch wieder nicht. Nichts kann verloren gehen. Alles wird nur umgewandelt.

Muss einen diese Erkenntnis nicht gerade zum Fortschrittsfeind machen?
Nein, weil nur Fortschritt Wohlstand bringt. Und wer will keinen Wohlstand? Wenn ich in der Schweiz Freizeit habe, dann gehe ich gerne dorthin, wo es keine Menschen hat: in die abgelegenen Berge. Je weniger Menschen, desto schöner, weil niemand da ist, der die Dinge kaputt macht. Aber den Menschen Einsamkeit als Lebensziel propagieren? Nein.

Erstellt: 02.03.2015, 11:38 Uhr

Der reisende Alt-Bundesrat

Christoph Blocher (74) ist promovierter Jurist, Unternehmer, SVP-Politiker, ehemaliger Nationalrat des Kantons Zürich und Alt-Bundesrat. 1983 erwarb er die Ems-Chemie, die er zu einem milliardenschweren Unternehmen machte. 2004 gab er die Leitung an seine Tochter Magdalena Martullo-Blocher ab. Blocher ist zu einem Drittel an der Basler Zeitung beteiligt und hat einen Sitz im Verwaltungsrat. In Schaffhausen aufgewachsen, lebt er seit vielen Jahren in Herrliberg, Zürich. Er ist verheiratet und Vater von drei Töchtern und einem Sohn. Als Unternehmer und Privatperson hat er wiederholt alle Kontinente bereist. Allein in China war er über dreissig Mal. Für mediales Echo sorgten seine Iran-Reise 2014 sowie seine Wanderferien in Nordkorea 2009. 2014 kündigte er an, Äthiopien und Eritrea bereisen zu wollen.

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