Freie Sicht auf Luxus und Armut

Der feuchtheisse Moloch Manila, zusammengezimmerte Holzhütten und Hügel wie versteinerte Tränen: Auf den Philippinen lebt man zwischen den Extremen.

Die Gegensätze sind typisch für Asien: Wellblechhütten gegenüber Bonifacio Global City in der Metropolregion Manila. Foto: Peter Bialobrzeski (Laif)

Die Gegensätze sind typisch für Asien: Wellblechhütten gegenüber Bonifacio Global City in der Metropolregion Manila. Foto: Peter Bialobrzeski (Laif)

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Es sind intensive Tage, mit stunden­langen Fahrten und vielen Eindrücken. Sieben Tage in Manila, auf Negros, Bohol und Cebu, eine Schnellbleiche auf den Philippinen. Als «touristischer Geheimtipp in Asien» hat sie der Reise­anbieter angekündigt, als perfekter Ort für den «modernen Robinson Crusoe». Eine Reise der Gegensätze zwischen ­Luxus und Armut, wie sie für Asien ­typisch sind.

Erster Tag, Manila, angekommen nach 16 Flugstunden. Die Erinnerung an einen der grössten Boxkämpfe der Geschichte, den «Thrilla in Manila» zwischen Muhammad Ali und Joe Frazier. Inzwischen leben 17 Millionen Menschen in der Metropolregion, zwei Millionen mehr sollen es tagsüber sein, wenn die Leute zur Arbeit in den feuchtheissen Moloch strömen. Makati ist das Finanzzentrum, mit Luxushotels und Luxusgeschäften und fast 3000 Bars und Restaurants. Die Terrasse des Bay Leaf Hotel bietet einen Rundblick auf die Stadt. Unten auf der Strasse werden schlecht gehaltene Pferde vor Kutschen gespannt, für die Touristen.

Unter spanischer Herrschaft

60 Kilometer sind es von Makati nach Obando, vorbei an den immer gleichen Strassenzügen, bis man glaubt, man bleibe stets am gleichen Ort. Wo Manila aufhört und Obando beginnt, bleibt ein Rätsel. Obando ist ein Fischerdorf, berühmt für sein dreitägiges religiöses Festival im Mai. Deshalb sind wir hier, um die Fruchtbarkeitszeremonien zu sehen. Vor dem kleinen Restaurant wird gegrilltes Fleisch verkauft, und damit jeder sieht, dass es vom Schwein ist, liegt der Kopf daneben. Drinnen sind Küche und WC nur durch eine halbhohe Mauer ­getrennt. Fahrradtaxis kämpfen sich in der Hitze durch die engen, immer wieder verstopften Gassen und Strassen.

1521 entdeckte der unter spanischer Flagge segelnde Ferdinand Magellan die Philippinen. 330 Jahre spanische Regentschaft haben tiefe Spuren in der Kultur hinterlassen, in der Sprache, im Essen, beim Bier. Dann kamen die Amerikaner, während des Zweiten Weltkrieges die Japaner, und dann wieder die Amerikaner, die die Japaner verdrängten. 1965 kam der Diktator Fernando Marcos an die Macht, 1986 musste er flüchten. Demokratisch gewählte Regierungen versuchen seither mit mehr oder weniger ­Erfolg, die Korruption zu bekämpfen.

Das Schwein auf dem Dreirad

Die Philippinen bestehen aus 7107 Inseln, 2000 davon sind bewohnt. Eine ist Negros, eine Flugstunde von Manila entfernt. Der Zucker, der Muscovado, hat die Insel einst reich gemacht, vor allem die Bewohner aus der Oberschicht. Die Arbeiter dagegen kämpfen gegen die ­Armut. Von den insgesamt 107 Millionen Philippinern lebt knapp ein Drittel, 28 Millionen, unter der Armutsgrenze und muss mit weniger als zwei Franken pro Tag auskommen.

Die Fahrt in den Südwesten der Insel dauert Stunden, führt vorbei an endlosen Reisfeldern und notdürftig zusammengezimmerten Holzhütten. Im Hintergrund erhebt sich der Karlaon, einer von drei aktiven Vulkanen auf Negros. Wir kommen zur Thunderbird M.A. Farm. Sie züchtet Hähne für Kämpfe, die von den Philippinern am Sonntag nach der Kirche gerne besucht und mit schwer verständlicher Leidenschaft begleitet werden. 3000 bis 50'000 Pesos kostet ein Tier, 60 bis 1000 Franken. In der Arena hat es manchmal nur noch ­Sekunden zu leben – getötet von den messerscharfen Klingen an den Beinen des gefiederten Gegners.

Auf dem Markt von Sipalay wird ein frischer Thunfisch angeschleppt, 73 Kilo schwer. Ein Arbeiter mit nacktem Oberkörper nimmt ihn aus, der Boden ist blutverschmiert, das Kilo Fisch kostet 3.40 Franken. Weiter hinten hängt die getrocknete Haut eines Schweins in Form von Chips.

Ausserhalb von Sipalay findet man das Artistic Diving Resort. Arthur Müller, ein Schweizer aus Ruswil LU, und seine philippinische Frau Evalyn haben den Ort 1997 entdeckt, als es noch keinen Strom, kein Telefon und keine richtige Strasse gab. Der Tauchlehrer und die Rettungstaucherin haben sich ihr ­Paradies geschaffen, nicht in den Bun­galows, sondern davor, am Strand von Punta Ballo. Und draussen, im 28, 30 Grad warmen Meer, wo Müller 45 Tauchplätze entdeckt hat.

Es geht weiter nach Dauin, südlich von Dumaguete. Die Farbigkeit der Natur bleibt in Erinnerung sowie das Bild von den Ziegen, die auf Kleinbus­dächern gebunden sind; von den Schweinen, die auf motorisierten Dreirädern transportiert werden; von hoffnungslos überfüllten Kleinbussen, den Jeepneys. Auf den Feldern wird der Carabao, der Wasserbüffel, zum Pflügen eingesetzt.

Atmosphere Resort heisst das Hotel in Dauin. Der Weg zum Empfang führt vom Parkplatz über einen kurz geschnittenen Rasen, wie das Grün eines Golfplatzes. Die 20 Zimmer bieten, was sich ein Gast für diesen Preis wünscht. Vom Hotel geht es im Boot zum Schnorcheln und Tauchen vor die Insel Apo, «ein Kleinod unter der Tropensonne», wie es im Werbetext steht. Die Sonne geht früh unter, zu früh, wie immer in den Tropen. Das Buffet für das Abendessen wird am Hotelstrand aufgebaut.

1268 Schokoladenhügel

Am folgenden Morgen geht es mit der Schnellfähre in zwei Stunden nach ­Bohol zu den Chocolate Hills und den Koboldmaki. Kinder posieren strahlend in der ältesten Steinkirche der Philippinen, derjenigen der unbefleckten Empfängnis in Baclayon. Die Spanier haben die katholische Religion ins Land gebracht, noch heute sind über 80 Prozent der Philippiner Katholiken, so viele wie nirgends sonst im Fernen Osten.

Die Chocolate Hills liegen im Innern der Insel. 1268 Hügel insgesamt, 30 bis 50 Meter hoch, auf einer Fläche von 50 Quadratkilometern verteilt. Einer wie der andere schaut wie von Hand geformt aus. Ihren Namen haben sie erhalten, weil das Gras auf ihnen in der trockenen Jahreszeit seine Farbe von Grün zu Braun wechselt. Die Hügel wurden vor Tausenden von Jahren aus Korallen und Kalk­algen gebildet. Die Legende dagegen ­besagt, sie seien die versteinerten Tränen des Riesen Argo, die dieser nach dem Tod seiner Angebeteten, der schönen Aloya, vergossen hat.

Auf dem Rückweg ans Meer kommen wir zu den Koboldmakis. Geschäftsleute haben 1996 einen Park gegründet zum Schutz der weltweit winzigsten Primaten, 9 bis 16 Zentimeter klein und 90 bis 160 Gramm leicht. Am Tag kleben sie an ihren Ästen, und wer sie erspähen will, sollte wissen, dass sie äusserst lärmempfindlich sind. Aktiv werden die Tiere erst nachts, sobald sie Nahrung suchen. Unverwechselbar machen sie ihre Riesenaugen. Sie sind im Vergleich zum Verhältnis beim Menschen 150-mal grösser.

Vor Bohol liegt Panglao, die kleine Insel mit Hotels wie dem Ananyana mit seinen zwölf Suiten. Es ist nicht billig, aber stilvoll auf philippinische Art. Die Freundlichkeit des Empfangs passt zur Gastfreundschaft des Landes. Wir wohnen ein paar Hundert Meter weiter im Bellevue mit seinen kühlen Annehmlichkeiten. Die Internetverbindung ist stark genug, um auf dem Laptop Schweizer Fussball sehen zu können.

Am Fährhafen von Tagbilaran hängt ein Plakat. «Wenn Sie etwas sehen, das Ihren Urlaub verdirbt», steht da gross geschrieben, «melden Sie das. Wenden Sie sich nicht ab.» Als Illustration dient das Bild einer Männerhand, die nach ­einer Kinderhand greift. Es ist die mahnende Botschaft, Touristen anzuzeigen, die Kindersex suchen.

Die besten Mangos der Welt

Cebu ist die letzte Station der Reise. Hier lief Magellan 1521 mit seiner Flotte ein. Heute ist die Insel auch für ihre Gitarren berühmt. Zum Mittagessen im von Schweizern geführten Marco Polo Plaza Hotel gibt es ein 5-Gang-Menü mit Mangos – diejenigen von Cebu gelten als die besten der Welt. Am Nachmittag folgt die Führung durch die Profood International Corporation. 7000 Angestellte verarbeiten auf dem 16 Hektar grossen Gelände täglich 5 Millionen Mangos. Drei Sekunden darf das Schälen einer Frucht höchstens dauern. Dafür gibt es einen Lohn von 6 Franken pro Tag.

Wir landen im Shangri-La’s Mactan Resort & Spa. Mächtig die Lobby, mächtig der ganze Bau, 500 Zimmer sind es, und die fünf Sterne sind teilweise abgenutzt. Dass der fein gebogene Strand wie am Reissbrett geplant aussieht, erstaunt auch nicht. Er ist künstlich angelegt, der Sand wurde von Bohol herbeigeschafft. Südkoreaner sind häufige Gäste. Sie planschen im Ganzkörperanzug und mit Kapuze über dem Kopf im badewannenwarmen Wasser.

In Cebu beginnt die Reise zurück in die Schweiz. Auf der ersten Etappe überfliegen wir Bohol. Aus 10'000 Metern Höhe sehen wir noch einmal die Schokoladenhügel. Ein eindrückliches letztes Bild von den Philippinen.

Die Reise wurde ermöglicht durch Tourasia und Singapore Airlines.

Erstellt: 15.10.2014, 19:24 Uhr

Grafik zum Vergrössern anklicken.

Philippinen

Reisetipps

Anreise Mit Singapore Airlines täglich bis Singapur, weiter mit Silk Air nach Manila oder Cebu.

Übernachten Fairmont Makati, Manila: Luxushotel im Geschäftsviertel, Zimmer ab 170 Fr.

Artistic Diving Resort, Negros: einfach, aber mit herrlichem Strand. Ideal für Schnorchler und Taucher. DZ ab 30 Fr. Atmosphere Resort, Negros: luxuriös, mit Spa. Zimmer ab 192 Fr.

The Ananyana, Bohol: stilvolle Einrichtung, direkt am Strand, 12 Suiten ab 170 Fr.

Ausflüge auf Bohol Chocolate Hills und Philippine Tarsier Foundation (Park für kleinste Primaten der Welt).

Kulinarik Halt in Singapur, Essen im 71. Stock des Swissôtel The Stamford: Das Jaan ist eines der besten Restaurants Asiens.

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