Für immer und ewig

Die Beliebtheit der Ehe hat so markant abgenommen wie ihre Bedeutung. Trotzdem bleibt sie eine heilige Kuh. Wieso eigentlich?

Laden zu: Die Ehe hält auch nicht mehr, was man sich einst von ihr versprochen hat.

Laden zu: Die Ehe hält auch nicht mehr, was man sich einst von ihr versprochen hat. Bild: Stefano de Luigi

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Wie die Franzosen auf die Homosexuellenehe reagierten, wie die zu Hunderttausenden auf die Strasse gingen deswegen, und zwar, weil sie dagegen waren, nicht dafür, das war verblüffend. Und befremdend. Zum einen, weil Frankreich als Land gilt, das sich in sexuellen Dingen gerne leger gibt, zum anderen, weil man sich dort neben der Liberté und der Fraternité auch die Egalité auf die Fahne geschrieben hat und stolz ist darauf. Aber nicht nur in Frankreich, auch hierzulande, in Deutschland und in Amerika verlaufen die Debatten um die Homosexuellenehe hitzig und hoch-emotional.

Der Aufruhr ist unverständlich. Grundsätzlich, weil das Verbot einer gleichgeschlechtlichen Ehe gegen das Gleichheitsprinzip verstösst, da Heterosexuelle bevorzugt werden: Aus der Ehe leiten sich automatisch Rechte ab, die jenen nicht zustehen, denen das Heiraten untersagt ist. Ein aufgeklärter Staat hat diese Ungleichbehandlung zu korrigieren, ohne moralische Erregtheit. Und dann ist der Aufruhr noch viel unverständlicher, weil da etwas verteidigt wird, das bei jenen, die dagegen Sturm laufen, also bei den Heterosexuellen, seit geraumer Zeit markant an Bedeutung verliert. Die Ehe als Institution wird immer unwichtiger. Nicht einmal dann, wenn sich Nachwuchs ankündigt, wird sie noch als zwingend erachtet.

Naive Sehnsucht

Das Max-Planck-Institut veröffentlichte letztes Jahr eine Untersuchung, gemäss der 37,4 Prozent aller europäischen Mütter unverheiratet sind. Konkret: In Frankreich sind es 50 Prozent, die trotz Kind einen Trauschein für unnötig erachten (was die dortige Empörung über die Homoehe noch einmal unverständlicher macht), in Deutschland genauso wie im katholischen Polen 33 Prozent und in der Schweiz 20 Prozent, was einer Vervierfachung seit den Siebzigerjahren entspricht. Uneheliche Kinder sind nicht länger ehrenrührig, von «illegitim» redet niemand mehr und von «Bastarden» erst recht nicht.

Die Ehe befindet sich seit Jahren in der Krise. Ihr Niedergang begann in dem Moment, als die Romantik ins Spiel kam, also gegen Mitte des 18. Jahrhunderts. Davor hatte es sich um ein Zweckbündnis gehandelt, man war die Vermählung sachlich angegangen, entscheidend für eine Verbindung waren pragmatische Interessen: Man legte auf diese Weise Höfe oder Firmen zusammen, und für die Töchter musste ja auch irgendwie gesorgt sein. Als man begann, einen Vertrag basierend auf Gefühlen abzuschliessen, erwies sich die Institution mit einem Mal als instabil. Was wenig überraschend ist: Etwas so Unberechenbares und Vergängliches wie die Liebe als Grundlage für eine juristische Vereinbarung zu nehmen, erscheint geradezu widersinnig.

Die Ehe ist nicht einmal mehr ein Garant für immerwährendes Glück, ihre Erfolgsquote ist vielmehr miserabel.

Das, gepaart mit dem Wegfall gesellschaftlicher Zwänge und mit der zunehmenden Selbstständigkeit der Frauen, hatte zur Folge, dass die Institution an Relevanz verlor – und umgekehrt eine in die Brüche gegangene Ehe immer weniger einen Makel darstellte. In der Schweiz liegt die Scheidungsquote aktuell bei 43 Prozent (der Rückgang von den 54 Prozent im Jahr 2010 ist lediglich auf eine Änderung in der Datenerfassung zurückzuführen). Europaweit wurden 2008/2009 2,3 Millionen Ehen geschlossen – und 1 Million geschieden. Und die Zahl der gescheiterten Ehen ist mit Sicherheit noch höher, denn nicht in diese Statistik fallen jene Paare, deren Liebe längst tot ist, die aber aus finanziellen Gründen, Angst vor dem Alleinsein oder der Kinder wegen dennoch zusammenbleiben.

Es ist also angesichts der zunehmenden Marginalisierung und der offensichtlichen Störanfälligkeit des Konstrukts Ehe bemerkenswert, wie eifersüchtig es verteidigt wird, wie romantisch verklärt. Der Kampf um das Exklusivrecht für jene, denen es schon immer zustand, wird zwar erbittert geführt, die Argumente gegen die Homoehe sind indes meist irrational: Es wird unter anderem die Einzigartigkeit der Verbindung von Mann und Frau gepriesen und argumentiert, dass nur aus dieser Kinder hervorgehen könnten, ganz so, wie wenn für eine Schwangerschaft ein Trauschein Voraussetzung wäre. Und selbst in säkularen Staaten fällt mit einem Mal das Wort «heilig».

Ähnlich emotional waren auch die Gründe, die gegen ein inhaltlich eng verwandtes Sujet vorgebracht wurden: gegen das Anfang Jahr eingeführte Namensrecht, das Paaren erlaubt, nach der Hochzeit den eigenen Namen zu behalten. Hiessen Familien nicht mehr automatisch wie der Mann, prophezeiten die Gegner, würde das zu schwerwiegenden Problemen beim Erstellen von Stammbäumen führen, ganz zu schweigen von den zu erwartenden kindlichen Identitätskrisen, wenn Mama einen anderen Namen trage als Papa.

Natürlich war das alles wenig überzeugend. Aber es sprach eine deutliche Sprache. Die Ehe ist zu einem Symbol geworden, zu einem Symbol für eine Welt, in der alles noch gut war, in der die Rollen eindeutig verteilt waren, der Mann als Familienoberhaupt, die Frau glückstrahlend daheim. Das Bild war zwar nie mehr als ein Klischee, wird aber trotzig aufrechterhalten, denn es bedeutete einmal: Wer heiratet (und in der Folge meist eine Familie gründet), liegt richtig. Gehört dazu. Hat es geschafft. Ist gesellschaftlich anerkannt. Die Ehe war ein Gütesiegel.

In der Schweiz liegt die Scheidungsquote aktuell bei 43 Prozent.

Heute ist sie das nicht mehr. Sie ist nicht einmal mehr Garant für immerwährendes Glück, ihre Erfolgsquote ist vielmehr miserabel, und alle wissen es. Aber dagegen kommt die naiv anmutende Sehnsucht nach ewiger Liebe und deren Besiegelung nicht an – die Bilder in den Köpfen halten sich hartnäckig. Untersuchungen zeigen, dass es sich für berufstätige Frauen als eher karriere-schädigend erweist, wenn sie verheiratet sind: Der Arbeitgeber geht davon aus, dass sie früher oder später Mutter und allerhöchstens noch Teilzeit verfügbar sein werden, Förderung lohnt sich nicht. Bei den Männern wiederum verhält es sich umgekehrt: Unverheiratet zu sein, macht sie in der Wahrnehmung weniger seriös.

Die Ehe weist Frauen und Männern auch im Jahr 2013 immer noch ihren Platz zu. Sie muss deshalb herhalten als Bollwerk gegen all die gesellschaftlichen Veränderungen, die in den letzten Jahrzehnten scheinbar in Stein gemeisselte Regeln auf den Kopf gestellt haben, sie ist die letzte Bastion, mit der man die Zeit aufhalten möchte, wenn sie sich schon nicht zurückdrehen lässt. Als die französische Justizministerin Christiane Taubira ihren Gegnern während der Parlamentsdebatte zurief, es würde den Heterosexuellen mit der Homoehe doch gar nichts weggenommen, hatte sie damit vollkommen recht, verkannte aber, dass es genau darum geht: darum, dass die Homoehe als endgültige Kapitulation der alten Ordnung begriffen wird.

Dass sich das verzweifelte Verteidigen eines derart schlecht funktionierenden Konstruktes wie der Ehe nicht als Argument eignet, die Modernisierung der Gesellschaft zu verhindern, ist offensichtlich. In der Schweiz ist sechs Jahre nach der Einführung der eingetragenen Partnerschaft unter den Homosexuellen bereits eine Heiratsmüdigkeit festzustellen, auch die Scheidungen nehmen zu. Vielleicht sollte man die Ehe deshalb gar nicht für alle Lebensformen erlauben. Sondern einfach abschaffen.

Erstellt: 10.05.2013, 11:54 Uhr

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