Häme für die «Lady-Chips»

Frauen genieren sich, in der Öffentlichkeit laut zu knabbern, glaubt ein Lebensmittelhersteller. Echt jetzt?

Chips für Frauen ohne Biss? Nein, danke. Bild: Gettyimages

Chips für Frauen ohne Biss? Nein, danke. Bild: Gettyimages

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Stellen Sie sich vor, als Konsument oder Konsumentin könnten Sie sich von der Food-Industrie etwas wünschen. Eine Erfindung, auf die Sie schon immer gewartet haben. Schokolade ohne Kalorien? Bier ohne Alkgeruch? Gemüse mit Fleischgeschmack? Schön wärs. Aber die wirklich praktischen Dinge kommen nie auf den Markt. Stattdessen jede Menge Marketingprodukte, die Rätsel aufgeben.

Der neuste Gender-Food-Gag kommt aus dem Hause Pepsico: Die Marketingabteilung will die Chips-Marke Doritos in einer frauenfreundlichen Version lancieren. Die Fantasie ist geweckt. Machen sie Frauen über Nacht zu Superfrauen? Gibts nach deren Verzehr mehr Lohn? Oder sind die Chips gar smart und können Kinder erziehen?

Nein, viel besser: Die dreieckigen Doritos sollen beim Knabbern weniger Krach machen und die feinen Frauenfinger nicht mit Fett besudeln. Wow. Sollten Männer an dieser Stelle vor Neid hyperventilieren: Keine Panik, es gibt Hoffnung. Denn nach einem Radiointerview, in dem die Pepsico-Chefin Indra Nooyi die leisen und sauberen Doritos promotete, ist der US-Konzern nicht mehr sicher ist, ob die Chips nicht doch für alle sind. Aber der Reihe nach.

Spott und Häme auf Social Media

Eigentlich wollte Indra Nooyi den Gender-Doritos bloss den Weg auf den Markt ebnen, indem sie beim US-Radiosender Freakonomics über deren Vorzüge schwärmte. Männer würden beim Knabbern nichts lieber tun, als es im Mund krachen zu lassen und sich lustvoll die Fettfinger zu lecken. Und sie hätten keine Hemmungen, sich auch die allerletzten Krümel genüsslich in den Schlund zu schütten. Frauen, so Nooyi, würden das auch gern tun, aber sie genierten sich. «Sie mögen es nicht, in der Öffentlichkeit laut zu knabbern und sich gierig die Finger abzulecken.» Echt jetzt?

Der Empörungssturm wegen des Gender-Produkts liess nicht lange auf sich warten. Diese Woche hagelte es in den sozialen Medien Spott und Häme, nicht nur von Frauen. Es wurde gewitzelt, ob die Chips nur in der Öffentlichkeit leise knacken oder auch zu Hause. Oder ob auch eine Gratis-Dorito-Burka mitgeliefert wird. Namhafte Medien wie «The Guardian» oder «The New York Times» mischten die Debatte auf und bemühten Marketing- und Genderfood-Experten um schlaue Antworten auf den Lady-Dorito. Als handle es sich um ein echtes Problem. Man könnte den Lady-Dorito aber auch als das betrachten, was er ist: ein teurer Marketing-Flop. Oder wie es «The Guardian» ausdrückt: Die Lösung für ein Problem, das es nicht gibt.

Kommt bald die Lady-Bratwurst?

Jedenfalls sah sich Pepsico gezwungen, auf die Hysterie zu reagieren. CEO Indra Nooyi sei nicht richtig verstanden worden. Es handle sich um Food-Fake-News, sozusagen. Einen expliziten «Lady-Dorito», wie in den Medien kolportiert wurde, werde es nicht geben. Vielmehr gehe es bei den neuen Doritos darum, ob Snacks für Frauen anders designt und verpackt werden können. Wo da genau der Unterschied ist, bleibt ein Rätsel. Offenbar versucht der Konzern mit blumigen Worten zu retten, was nicht mehr zu retten ist. Und verärgert die Konsumenten noch mehr.

Und jetzt? Vielleicht beschwichtigt es ein bisschen, wenn man sich vorstellt, was sonst alles auf den Gender-Food-Markt kommen könnte, das kein Gender braucht. Wie wärs mit Lady-Bratwürsten in Rosa mit 50 Prozent Salatanteil? Oder Men’s-Health-Avocados, die man grillieren kann? Fortsetzung folgt.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.02.2018, 11:53 Uhr

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