Hintergrund

«Ich bin die Kugel in der Trommel»

Oscar Pistorius, der beinamputierte Spitzensprinter, war Südafrikas Lichtgestalt. Nun steht er unter Mordverdacht. Sein Fall ist voller Rätsel und Fragen.

Zwischen Allmachts- und Ohnmachtsgefühl: «Der schnellste Mann ohne Beine», Oscar Pistorius.

Zwischen Allmachts- und Ohnmachtsgefühl: «Der schnellste Mann ohne Beine», Oscar Pistorius. Bild: Anja Niedringhaus/Keystone

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Es war ruhig um ihn geworden, fast beängstigend ruhig. Mehr als drei Monate lang hielt er sich in der Versenkung versteckt, gab sich in der «Bateleur» (Gaukler) genannten Villa seines Onkels in offenbar dunkelster Stimmung dem Studium der Bibel hin und liess Fremde, vor allem wenn es sich um Journalisten handelte, durch einen auf der Strasse postierten Sicherheitsmann abwimmeln.

Doch heute Dienstag wird die Isolation des südafrikanischen Ausnahmesportlers Oscar Pistorius zumindest unterbrochen werden: Dann muss der beinamputierte, mithilfe futuristisch anmutender Grafitprothesen sprintende Kurzstreckenläufer zum Auftakt seines Verfahrens vor dem Amtsgericht in Pretoria erscheinen. Ihm wird der Mord an seiner Geliebten Reeva Steenkamp vorgeworfen. Schaulustige werden sich mit Reportern um Plätze im Gerichtssaal balgen, Fans ihrem gestolperten Idol aufmunternde Worte zurufen, Horden von Fotografen jede Regung in seinem Gesicht festhalten.

Wie damals, Mitte Februar, als Südafrikas Nationalheld während der Anhörung über seine Freilassung auf Kaution zum ersten Mal vor dem Richter stand. Der Vorfall erregte Aufsehen, wie es das Kap der Guten Hoffnung seit der Freilassung Nelson Mandelas nicht mehr erlebt hatte: Die Nachricht vom sensationellen Fall des Sportidols lockte Reporter aus aller Welt an. Janine Hills, damalige Pressesprecherin der Pistorius-Familie, musste gegen eine Flut von täglich bis zu 500 Anrufen und 2000 E-Mails ankämpfen: «Keiner von uns hatte einen Schimmer, wie gross Oscar in aller Welt tatsächlich war.»

«Oscar bricht zusammen»

Radioreporter Barry Bateman konnte die am Morgen des Valentinstags in seinem Sender 702 verbreitete Meldung wie Millionen seiner Landsleute kaum fassen. Oscar Pistorius, von einem Lifestyle-Magazin zum begehrenswertesten Mann am Kap gekürt, soll seine Geliebte, das 29-jährige blonde Fotomodell Reeva Steenkamp, erschossen haben: Es habe sich um einen tragischen Unfall gehandelt, beteuerte er der Polizei.

Schnell werden jedoch Zweifel an Pistorius’ Darstellung laut. Ob der Athlet seine Freundin tatsächlich in der Dunkelheit für einen Einbrecher hielt, oder ob er sie mit vier durch die Toilettentür abgefeuerten Schüssen absichtlich tötete, wird in der Folge rund um die Welt debattiert. Bateman wird die Frage noch für Jahre beschäftigen, denn nach Abschluss des Verfahrens, das heute vermutlich gleich wieder vertagt werden und wohl erst Ende des Jahres richtig beginnen wird, will der Reporter ein Buch über den gefallenen Heroen schreiben. Über die Verkaufszahlen braucht sich der Autor keine Sorgen zu machen: «Es gibt keinen besseren Thriller-Stoff», meint ein Verleger. Die Geschichte eines verkrüppelten Jungen, der durch eisernen Willen zum olympischen Star aufsteigt und auf dem Höhepunkt seines Ruhms seine bildhübsche Partnerin – entweder absichtlich oder aus Versehen – umbringt, enthält alle Rohstoffe einer klassischen Tragödie.

«Oscar bricht erneut zusammen»

Barry Bateman konnte seine Hauptfigur bereits vier Tage lang aus nächster Nähe studieren: So lange sass der Reporter während der Kautionsverhandlung Ende Februar im Saal C des Magistratsgerichtes von Pretoria, versandte in diesem Zeitraum fast 500 Tweets und erhöhte so seine Twittergemeinde von weniger als 10'000 auf über 130'000. «Oscar bricht erneut zusammen», meldet der Cybergraf am 19. Februar um 12.32 Uhr. Und wenig später: «Das Verfahren wird unterbrochen ... Oscar hat den Kopf zwischen den Händen verborgen und schluchzt unkontrolliert.»

Welcher Kontrast zu den Bildern, die die Welt von dem Athleten gewohnt war! Die Arme weit ausgebreitet, den Kopf in Richtung der höchsten Stadionränge gereckt: Einmal mehr überquert der «schnellste Mann der Welt ohne Beine» mit federnden Schritten die Ziellinie als Erster. Siebenmal bricht Pistorius einen Weltrekord. Bei den Paralympics heimst er insgesamt sechs Goldmedaillen ein. Schliesslich schafft er den geschichtsträchtigsten aller Rekorde: Als erster amputierter Läufer wird er zu den Olympischen Spielen in London zugelassen. Dort qualifiziert sich der Blade Runner im 400-Meter-Lauf fürs Halbfinale. TV-Crews und Fotografen lassen selbst Usain Bolt links liegen, um sich auf den Ausnahmeathleten zu stürzen.

Den Erfolg verdanke er vor allem seiner Mutter, erklärt Pistorius in einem der sich anschliessenden Interviews. Sie hatte ihrem ohne Wadenbeinknochen auf die Welt gekommenen Jungen nach der Amputation beider Unterschenkel im zarten Alter von elf Monaten einen Brief geschrieben, den er erst später zu lesen bekam. «Nicht wer als Letzter durch die Ziellinie läuft, ist ein Verlierer», heisst es darin: «Der wirkliche Verlierer ist derjenige, der statt anzutreten an der Seite sitzen bleibt.»

Oscar beherzigt den Rat, lernt wie ein gesunder Bursche laufen, spielt Tennis, Cricket und sogar Rugby und wendet sich nach einer schweren Knieverletzung auf dem Rugbyfeld der Leichtathletik zu. Seine Mutter stirbt, als Oscar 15 Jahre alt ist. Er lässt sich ihr Geburts- und Todesdatum auf seinen rechten Arm tätowieren, und auf den linken Arm: «1. Korinther 9 Vers 26+27.»

«Ich laufe nicht ins Blaue hinein», schreibt dort Paulus an seine Gemeinde in Korinth: «Ich zerschlage meinen Leib und mache ihn mir untertan.» Sein Sportsfreund pflege derart hart zu trainieren, dass er nach dem Training mit ihm manchmal regelrecht krank gewesen sei, erzählt der britische Läufer Iwan Thomas. «Gewinnen ist für ihn alles», sagt Sportjournalist Gary Lemke: «Ein zweiter Platz ist für ihn der des ersten Verlierers.»

Der Wille des Siegers

Hochleistungssportler hätten nicht selten eine «sehr schwierige Vergangenheit» hinter sich, meint der Johannesburger Sportpsychologe Martin Scheepers. Ihr eiserner Siegeswille werde oft «von einer tiefen seelischen Verletzung» genährt. Ohne diesen Willen wären die Entbehrungen, die eine professionelle Sportlerkarriere mit sich bringt, kaum zu ertragen. Der amerikanische Basketballstar Michael Jordan erzählte in einem Interview zu seinem 50. Geburtstag, er habe stets unter dem Eindruck gelitten, dass sein Vater seinen älteren Bruder bevorzuge: Zur Kompensierung dieses Defizits habe er sich zu den höchsten sportlichen Leistungen getrieben.

Pistorius’ Verletzungen liegen noch wesentlich tiefer. «Sie können sich nicht vorstellen, wie schwierig es für einen Behinderten ist, sich mit seinem als mangelhaft erlebten Körper zu versöhnen», sagt die mit Behinderten arbeitende Johannesburger Psychologin Jutta van Dalsen: In der Regel sei dafür eine jahrelange therapeutische Auseinandersetzung nötig. Doch Pistorius wählte einen anderen Weg. Er suchte seine Behinderung damit auszugleichen, dass er seinen Körper zu Höchstleistungen peitschte, mit – zumindest oberflächlich betrachtet – atemberaubendem Erfolg.

«Teils Mensch, teils Gott»

Das Image des seine Benachteiligung mit eisernem Willen überwindenden Siegertypen begeisterte die Welt – und bescherte der Werbeindustrie eine einzigartige Symbolfigur. Der Kosmetik-Konzern Thierry Mugler kürte Pistorius zum Typus seiner Produktlinie «A*Man»: Auf einem Video sieht man den Sportler mit den Prothesen auf einem Thron im Universum sitzen. «Teils Mensch, teils Gott», schwelgt der Begleittext in bombastischen Tönen: «Der Held wird von seiner inneren Stärke und seiner Sehnsucht zu erobern beherrscht.»

Auch der Bekleidungskonzern Nike beteiligt sich an der Überhöhung des behinderten Sportlers. Pistorius’ Botschaft: «Das ist der Körper, den ich bekommen habe. Er ist die Waffe, mit der ich meinen Krieg führe.» Unter einem Foto, auf dem der Athlet vor stahlgewittergrauem Himmel aus den Startlöchern schiesst, heisst es: «Ich bin die Kugel in der Trommel.» Nach den Ereignissen am Valentinstag zieht die Firma die Kampagne schnell aus dem Verkehr.

Doch der Schaden bleibt. Die Diskrepanz zwischen seiner Vergötterung und der täglich erlebten Erniedrigung – etwa wenn er des Nachts auf den Knien zur Toilette hoppeln muss – habe den Mann vermutlich «fast zerrissen», glaubt Sportpsychologe Scheepers: Die Gefühle der extern gefeierten Allmacht und der intern erlebten Ohnmacht seien wohl kaum zu harmonisieren gewesen.

Die Spannungen hätten sich auch im zunehmend aggressiven Verhalten Pistorius’ bemerkbar gemacht, fährt Scheepers fort: Einmal warf er ein Mädchen, das sich bei einer Party angeblich danebenbenahm, mit Gewalt aus seinem Haus; ein andermal drohte er einem Nebenbuhler an, ihm «beide Beine zu brechen»; schliesslich fauchte Pistorius einen Paralympioniken an, der die Frechheit besass, gegen ihn zu gewinnen: Er habe den Sieg ja nur seinen überlangen Prothesen zu verdanken. «Ich ahnte, dass irgendwas im Begriff war zu zerreissen», sagt der italienische Journalist Gianni Merlo, der Pistorius bei dessen Autobiografie geholfen hat.

Super Man, Gun Man

Noch rasanter als der Aufstieg des schnellsten Krüppels aller Zeiten zur Ikone erfolgt nun seine Demontage – der «Hero» wird von Fernsehanstalten und Boulevardblättern zum «Zero» umgedeutet. Dabei sind ihnen alle Mittel recht: Oscar habe unter dem Einfluss von Steroiden gehandelt, heisst es etwa. Oder: Er habe die schwangere Reeva mit einem Baseball-Schläger erschlagen. Nichts davon ist wahr. Die Demontage des Helden verkauft sich allerdings noch besser als seine Glorifizierung. «Ruiniert!», schreibt das südafrikanische «You»-Magazin. Und das US-Magazin «Time», das Pistorius noch im vergangenen Jahr als «Ausgeburt globaler Inspiration» in den Kreis der einhundert einflussreichsten Menschen aufnahm, titelt jetzt: «Man. Super Man. Gun Man.»

Manche sehen in Pistorius gar so etwas wie ein Symbol des Bösen. Die Antiwaffenlobby brandmarkt den Burensohn als Waffenfetischisten, und die Frauen-Lobby fühlt sich an die 17-jährige Südafrikanerin Anene Booysen erinnert, die wenige Tage vor dem Valentinstag von einer Meute junger Männer vergewaltigt und grausam ermordet worden war.

Auch bei Reevas Tod handle es sich um einen Fall der allgegenwärtigen Gewalt gegen Frauen, klagt Lulu Xingwana, Ministerin für «Frauen, Jugendliche und Menschen mit Behinderungen», und kündigt gemeinsam mit der Frauenliga des regierenden Afrikanischen Nationalkongresses im Fall eines Freispruchs für Pistorius erbitterte Proteste an. Und wenn er Reeva nun doch aus Versehen erschossen hat? Oscars Version der Ereignisse in der Nacht zum Valentinstag sei durchaus schlüssig, antwortet Barry Bateman seiner Twitterschar, die ihn immer wieder nach seinem Urteil fragt: «Ich bin kein Richter. Lasst uns doch wenigstens mal das Verfahren abwarten.»

Dort wird jede Seite des Angeklagten ausgeleuchtet werden: Fernsehstationen und Boulevardpostillen bereiten sich auf einen Jahrhundertprozess vor.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.06.2013, 08:22 Uhr

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Oscar Pistorius unter Mordverdacht Der unterschenkelamputierte Paralympics-Star Oscar Pistorius wird verdächtigt, seine Freundin Reeva Steenkamp erschossen zu haben.

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