«Ich wollte mich umbringen»

Influencer reden neuerdings über Selbstzweifel, Depressionen, selbst Suizidgedanken. Das kann verzweifelten Teenagern helfen.

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Das Instagram-Bild zeigt eine langhaarige Brünette, die ihre perfekt manikürten Hände vors Gesicht hält, als wollte sie sich gerade ein paar störrische Strähnen aus der Stirn wischen. Ein neckischer Schnappschuss, denkt man, bis man den Text dazu liest. «Ich habe mich gestern seit langem wieder mal dabei erwischt, mein Glück von anderen Personen abhängig zu machen ... nicht jeder Tag kann ein guter sein, aber auch ein schlechter Tag hat seine guten Momente.» Diese persönlichen Sätze hat die Thurgauerin Nathalie Céline erst kürzlich auf Instagram gepostet, über 27'000 junge Menschen liess sie einmal mehr an ihrem Gefühlsleben teilhaben.

Für die 20-jährige Bloggerin und Youtuberin ist klar, dass sie in sozialen Medien nicht nur eine makellose Fassade präsentieren will. «Meine Follower sollen wissen, dass ich ein ganz normaler Mensch bin, der sich auch schlecht fühlt und mit sich hadert», sagt Nathalie Céline, die offen über Mobbing, Body-Shaming oder Gewalt in ihrer vergangenen Beziehung bloggt. Mit ihrer Einstellung ist die Youtuberin längst nicht allein. Influencer outen sich in den sozialen Netzwerken immer öfter mit ihren Problemen und Schwächen. Es liegt im Trend, dass sich populäre Bloggerinnen und Blogger öffentlich zu Tabuthemen äussern, die sie selbst beschäftigen: Depressionen, Selbstverletzungen, Suizidversuche.

Nahbar sein ist in

Das ist gut so. Denn die Anzahl Jugendlicher, die sich wegen schweren persönlichen Problemen und Suizidgedanken an die Notfallnummer 147 der Pro Juventute wenden, nimmt seit Jahren stetig zu. In fast 30 Prozent der Beratungen kommen depressive Zustände, Ängste oder Schlaf- und Essstörungen zur Sprache. Die Ursachen dafür vermuten Experten in zunehmendem Leistungsdruck, und zwar nicht nur in der Schule. Die inszenierte Perfektion in sozialen Medien setzt Teenager teilweise unter massiven Druck, wenn sie nicht so sind und leben wie die gephotoshopten Idole. Kein Wunder, hat sich in den letzten Jahren unter dem Label «psychische Gesundheit» ein Gegentrend dazu entwickelt: Man zeigt sich echt, nahbar, unperfekt. Bekannte Influencerinnen posten Blogs über ihre Selbstzweifel und geben Tipps, wie sie gelernt haben, sich selbst besser zu akzeptieren.

Mehr als 18'000-mal wurde Iris Reeves’ Youtube-Eintrag über ihre Depressionen aufgerufen (Video: Youtube/Iris Reeves)

Lebenshilfe durch Gleichaltrige ist für verunsicherte Teenager wichtig, weil sie sich besser identifizieren können. Sind die Peers auch noch Social-Media-Stars, ist die Wirkung umso nachhaltiger. Die Beratungsplattform 147.ch arbeitet deshalb auch mit Influencern zusammen. Eine von ihnen ist die 20-jährige Youtuberin Iris Reeves aus Biel. Sie gab auf dem Snapchat-Kanal von 147.ch eine Woche lang Tipps und stand Teenagern Rede und Antwort.

Normalerweise macht die Bielerin Comedy- oder Lifestyle-Videos. Doch letztes Jahr hat sie ihre jahrelangen Depressionen öffentlich gemacht, weil sie anderen Mut machen wollte, wie sie sagt. Mehr als 18'000-mal wurde ihr Youtube-Video aufgerufen. «Ich wollte das Eis brechen, weil die Krankheit viele betrifft.» Früher hat sich Iris Reeves geschämt, dass sie anders war als andere. Der Schritt an die Öffentlichkeit sei deshalb nur konsequent und am Ende sogar heilsam gewesen. «Es ist schön, wenn sich dank meinen Fehlern und Schwächen andere selber besser akzeptieren können.»

Viel Verantwortung für 20-Jährige

Nathalie Céline machte bereits Anfang 2016 auf Youtube publik, dass sie als 15-Jährige Suizidgedanken hatte, weil sie sich hässlich und fett fühlte. «Ich habe mich geoutet, weil ich damals sehr froh gewesen wäre, hätte ich mich mit jemandem austauschen können», sagt die Youtuberin. Das Echo in der Community war riesig: Mehr als 600'000-mal wurde der Eintrag aufgerufen, fast 15'000 Likes, über 1000 Online-Kommentare, die grosse Mehrheit positiv. Unsicheren, von Selbstzweifeln geplagten Teenagern lieferte der Video-Blog quasi den Beweis, dass sie mit ihren Problemen nicht allein dastehen. Und vor allem, dass sie sie überwinden können. Mit Motivationssätzen wie «Wenn euch jemand Steine in den Weg legt, baut ein Schloss daraus» erreicht Nathalie Céline knapp 100'000 Youtube-Fans. Viele werden sich die Worte ihres Idols dankbar zu Herzen nehmen.

Über 600'000-mal wurde Nathalie Célines Outing angeklickt (Video: Youtube/Nathalie Céline)

Dass die Vorbildrolle eine grosse Verantwortung mit sich bringt, wissen die beiden Youtuberinnen. Oft melden sich bei ihnen junge Menschen, die in einer schwierigen Situation stecken und einen Rat wollen. «Manchmal reichen ein paar aufmunternde Worte», sagt Nathalie Céline. «Wenn jemand aber richtig verzweifelt klingt, rate ich dringend, mit einer Vertrauens- oder Fachperson zu reden.» Genauso Iris Reeves, die ihre Fans auf anonyme Online-Beratungen wie 147.ch und entsprechende Therapieangebote verweist. «Ich bin keine Expertin. Ich höre zu, aber ich muss mich auch selber schützen.»

Sind persönliche Blogs heute nicht primär eine Art öffentliches Tagebuch? Iris Reeves verneint. Auf Youtube teile sie anderen nur einen Bruchteil ihrer Persönlichkeit mit, im Guten wie im Schlechten. «Dank meinen Posts sollen andere aber sehen, dass man auch als depressive Person Erfolg haben kann, dass man eben kein gestörter Aussenseiter ist.»

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 07.12.2018, 10:30 Uhr

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