Im Frühtau zur Brücke wir ziehn, fallera

Mit Hängebrücken und grusligen Plattformen erobert die Spassgesellschaft die Berge, traditionell Hort von Ruhe und Erhabenheit.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Sattel-Hochstuckli, Kanton Schwyz: Erstaunlich, das Wetter ist mittelprächtig, doch es hat recht viele Touristen. Mit der Gondelbahn fahren sie zum Mostelberg und schlendern zum Raiffeisen-Skywalk. Eine deutsche Serviceangestellte, die in der Region arbeitet, hat Verwandte bei sich. Sie erzählt, sie habe in der Zeitung von der neuen Hängebrücke gelesen und gefunden: «Das ist was für mich und meine Leute!»

374 Meter lang ist der Raiffeisen-Skywalk, Europas längste Fussgängerhängebrücke. Er ist als Verbindung irrelevant, erschliesst einen unwichtigen und unscheinbaren Gegenhang, hat ja aber auch eine ganz andere Funktion: Abenteuerfeeling soll er vermitteln. Die Brücke vibriert und zittert; sie übersetzt jeden Fusstritt in Schwingung. Straffe Seile und massive Befestigungen an beiden Enden sorgen dafür, dass der Nervenkitzel nicht in Panik ausartet. In der Mitte gruselt es einen freilich, wenn man in den 50 Meter tiefen Abgrund linst.

Hängebrücke der Superlative

Seit bald einem Monat ist der Raiffeisen-Skywalk offen, die Menschen kommen in Scharen. Dabei fasste Sattel-Hochstuckli vor zwei Jahrzehnten den Konkurs ins Auge. Dank einer Sommerrodelbahn ging es aufwärts. 2005 lancierte man die Stuckli-Rondo-Gondel, die sich beim Fahren um sich selber dreht. In vier Jahren verdoppelte sich der Jahresumsatz fast, auf 3,6 Millionen Franken. «Wir haben den Nerv getroffen», sagt Marketingleiter Mathias Ulrich. Und: «Ein Tourismusgebiet braucht eine USP.»

Was er meint, ist eine Unique Selling Proposition, eine einzigartige Attraktion. Eine Hängebrücke des Superlativs zum Beispiel. Um diejenige von Sattel-Hochstuckli zu erreichen, braucht der urbane Freizeitmensch von Zürich aus keine Stunde. Marketingmann Ulrich rechnet denn auch mit 10 bis 20 Prozent mehr Kundschaft.

Sommergeschäft wird wichtiger

Unsere Voralpen und Alpen sind Schauplatz eines Wettrüstens. In einer ersten Runde wurden überall Klettersteige und Seilparks eingerichtet, jetzt sind es Hängebrücken. Sozusagen Pioniere des Showstegs waren die Triftbrücke im Berner Oberland und die Brücke zwischen Belalp und Riederalp im Aletschgebiet. Diese Saison nun hagelt es Hängebrücken-Meldungen: Sattel-Hochstuckli, eröffnet. Salbit, Kanton Uri, eröffnet. Grächen-Zermatt, eröffnet. Muotaschlucht, geplant als Teil eines Spektakelstegs. Um den Thunersee sind gleich sechs Brücken geplant, Ziel ist ein zusammenhängender Panoramaweg, kürzlich war Spatenstich in Leissigen mit Snowboard-Olympiasiegerin Tanja Frieden.

In Sattel-Hochstuckli macht das Sommergeschäft heute fast die Hälfte des Jahresumsatzes aus. Viele andere Gebiete machen sich erst daran, die kürzlich von Schweiz-Tourismus-Chef Jürg Schmid ausgegebene Devise umzusetzen: «Die Zukunft liegt im Sommer.» Man habe «die letzten 40 Jahre vor allem auf den Wintertourismus gesetzt», erklärt Hansruedi Müller, Direktor des Forschungsinstituts für Freizeit und Tourismus an der Uni Bern. Es entstanden teure Bahn- und Beschneiungsanlagen für Skifahrer. Im Sommer ist manches nicht ausgelastet, viele Schweizer machen lieber Bade- als Bergferien. Die Hotels versuchen sie mit stark ermässigten Preisen doch in die Berge zu locken. Und mit neuen Angeboten.

Veränderter Blick auf die Berge

Zweiter neuer Trend neben den Hängebrücken: Aussichtsplattformen mit teilweise transparentem Boden, die ins Freie ragen. Man kennt das vom Grand Canyon in den USA. Nächsten Frühling soll am Stockhorn im Berner Oberland (wo sich Sommer- und Winter-Ertrag atypischerweise zwei zu eins verhalten) eine solche Plattform eröffnet werden. «Die Infrastruktur haben wir schon», sagt Stockhornbahn-Geschäftsleiter Alfred Schwarz. Schon länger gibt es am Stockhorn einen Stollen, der von der Bergstation zu einem Grotto im Fels und zu zwei Aussichtsfenstern in der Nordwand leitet.

Die geplante Plattform nun soll durchs eine Fenster vollends ins Freie führen. Der Besucher spaziert dann 400 Meter über Grund im Leeren, um durch das andere Fenster wieder den schützenden Berg zu betreten. Schwarz hofft, dass die Plattform acht bis zehn Prozent mehr Gäste auf den Berg lockt. Es sollen auch neue Kunden sein: ältere Leute, Personen im Rollstuhl, Nichtwanderer. «Wir wollen den Berg auf sanfte Art noch mehr beleben.»

Auf dem Chäserrugg, dem Churfirstengipfel im Kanton St. Gallen, soll eine noch viel spektakulärere Plattform entstehen. Momentan schlägt sich Bruno Dobler, Chef der Toggenburg-Bergbahnen, mit Einsprachen herum. Vorgesehen ist dies: Man geht von der Bergstation ein Stück weit auf dem Rosenboden-Rundweg, kommt an eine Geländekante, steigt eine Treppe hinunter, betritt eine achteckige Plattform – und oha: Nun steht man direkt über dem Walensee. Dobler: «Das sind 1600 Meter Höhendifferenz, das wird so etwas von dramatisch, dass man es einfach erleben muss.» Allerdings wird er aufgrund der Einsprachen schnell wieder nüchtern: «Die Plattform müsste nächstes Jahr kommen; irgendwann hat es sonst keinen Sinn mehr.»

Der Blick auf die Alpen verändert sich

Umweltschützer haben Mühe mit vielen der neuen Show-Anlagen am Berg. Sie kritisieren in einigen Fällen, dass das Wild oder auch die Vögel irritiert und bedrängt werden. Und dass bisweilen der Tourismus gar auf neue, bisher unberührte Gebiete zugreift. Die Möblierung der Berge aus dem Geist des Events hat aber auch Folgen für den Menschen. Sie verändert dessen Blick auf die Alpen.

Im Zeitraffer betrachtet: Am Anfang, im Mittelalter, haben die meisten schlicht Angst vor den hoch gelegenen Ödwelten. Luzern verbietet die Besteigung des Pilatus, man will die dort hausenden bösen Geister nicht wecken. Ein Tabubrecher vor der Zeit, quasi der erste Alpinist und Selbsterfahrungs-Wanderer, ist der italienische Gelehrte Francesco Petrarca, der 1336 einfach so – aus Lust – den Mont Ventoux in der Provence besteigt. Die eigentliche Alpenschwärmerei setzt freilich viel später ein, zu dem Zeitpunkt, als die aufkommende Technik dem Menschen die Hoffnung verleiht, die Natur beherrschen zu können. Nun kann er sie poetisch verhübschen. Dichterfürst Goethe, der deutsche Schweizreisende Johann Gottfried Ebel, der Berner Universalgelehrte Albrecht von Haller ästhetisieren ab dem 18. Jahrhundert die Berge.

«Bergtourismus wird postmodern»

Und dann kommen bald die Engländer, und es beginnt der moderne Alpinismus. Doch bei aller Sportivität sind die Berge bis heute Ort der Seelenbetrachtung und Selbstbesinnung, der Meditation und des Ruhigwerdens geblieben. Nunmehr aber wird der Bergtourismus, wie Tourismusforscher Dominik Siegrist von der Hochschule für Technik Rapperswil sagt, «postmodern». Die Spassgesellschaft erobert die höheren Lagen und damit auch ihr Credo des «Anything goes»: Alle Lebensarten sollen Platz haben in einem grossen Nebeneinander. Sie legt Wert darauf, dass das Krasse ganz easy zu haben ist, anstrengungslos; ohne Bahn geht gar nichts.

Ein gewaltiges Jauchzen und Kreischen ist neuerdings über den Bergen, wie man es aus vollen Freiluftschwimmbädern kennt, ein Summen und Brummen von Menschenstimmen. Ob auf der First über Grindelwald, auf dem Flumserberg, auf der Wasserfallen im Kanton Basel-Landschaft oder rund um den Pilatus – die Touristiker haben das eine oder andere für den Gast bereit: Rodelbahnen, Lama-Trekking, Kinder-Schatztrails, Themenwege und Skulpturenpfade, Trottinettstrecken, Tyrolienne-Seilrutschen, Bike-Downhill-Runs, Passagier-Tandemflüge; dazu farbenfrohe Bars und Buvetten und Festzelte. Manches Bergbahn-Areal wirkt mittlerweile so buntschrill wie eine Chilbi.

Das riesige Autofeld bei der Talstation von Sattel-Hochstuckli zeugt vom Rummel an Wochenenden. Dann ist in der sanftgrün-voralpinen Hügellandschaft keine Stille mehr, sondern Lärm, Betrieb, Verkehr, Allotria. Tourismusspezialist Siegrist warnt: «Irgendwann ist der wahre Wert der Landschaft nicht mehr da. Die Authentizität der Berge, ihre Echtheit kann verloren gehen. Mancher Tourismusort läuft Gefahr, seine Grundlage zu verspielen.»

Erstellt: 10.09.2010, 10:52 Uhr

Blogs

Sweet Home Holen Sie sich die Natur ins Haus

Mamablog Wären Sie gerne Ihr eigenes Kind?

Werbung

Weiterbildung

Ausbildung & Weiterbildung Finden Sie die passende Weiterbildung Technischer Kaufmann, Deutsch lernen, Coaching Ausbildung, Präsentationstechnik, Persönlichkeitsentwicklung

Die Welt in Bildern

Man soll die Feste feiern, wie sie fallen: Menschen in «Txatxus»-Kostümen nehmen am traditionellen ländlichen Karneval in Lantz, Nordspanien, teil. (24. Februar 2020)
(Bild: Villar Lopez) Mehr...